Der letzte Tag mit meinem Baby

Da liegst Du in meinen Armen, so warm und weich. Dein kleiner Körper ganz eng an mich geschmiegt. So klein ist er gar nicht mehr. Ich rieche an Deinem Kopf und versuche mich daran zu erinnern, wie ich Dich zum ersten Mal auf meiner Brust liegen hatte. Nach der Geburt, die so lange dauerte. Alles war vergessen, als ich Dich endlich in den Armen hielt und Deinen Geruch in mich aufnahm. Ja, Du bist mein Baby, dachte ich.

Heute ist der letzte Tag, an dem Du mein Baby bist. Morgen wirst Du ein Kleinkind sein. Ich streichle über Deinen Kopf. Wie schnell ist dieses Jahr vergangen. Wie klein Du warst, als Du noch jeden Tag zu Beginn auf meiner Brust lagst, unter meinem Nachthemd verborgen. Kleine Hände, die sich um einen Finger schlossen. Augen, die durch den Raum wanderten und staunten. Jeder Tag ein neues Abenteuer. Von Anfang an warst Du ein kleiner Entdecker – und so schnell: Schneller als alle Deine Geschwister konntest Du krabbeln, laufen und sprechen. Die ersten tapsigen Schritte in unserer Stube. Der kleine erhobene Finger, der „heissss!“ anmahnt. Ja, Du bist wirklich kein Baby mehr. Ich staune wie bei jedem meiner Kinder darüber, wie unglaublich voll dieses erste Jahr ist von Meilensteinen.

Und bei allem Stolz, dem Staunen und der Bewunderung mischt sich auch ein wenig Abschiedsschmerz in das Herz. Ich halte die letzten Stunden mein eigenes Baby in den Armen. Schon einmal dachte ich, wir wären vollständig. Doch ich hatte mich geirrt, denn Du wolltest noch zu uns kommen. Es war eine der besten Überraschungen des Lebens, denn es stimmt: Genau Du hast uns noch gefehlt. Nun dürft Ihr drei Kinder wachsen und wir begleiten Euch dabei und werden zu Eltern von Kleinkind-, Vorschul- und Schulkind. Ein bittersüßer Abschied von der Babyelternzeit.

Das Kleinkindleben wird wieder große Meilensteine mit sich bringen. Je größer Du wirst, desto mehr setzt Du Dich mit der Umwelt auseinander. Was Du gut findest, ist nicht immer mein Wunsch. Wir haben eine Zeit des Aushandelns vor uns. Wie lange Du wohl stillen wirst? Und bei uns schlafen? Wer wird Dein erster Freund sein? – Es ist heute kein Ende einer aufregenden Zeit, es ist ein neuer Anfang.

Heute blicke ich zurück auf die Zeit mit Dir, mit Deinen Geschwistern.  Auf all das Wunderbare, das Babys mit sich bringen und das meine Kinder in dieses Haus gebracht haben. Ich bin gerne eine Babymutter. Aber ich bin auch gerne die Mutter eines größeren Kindes. Meine letzten Babymutterstunden halte ich Dich in meinen Armen und nehme Abschied von dieser Zeit und freue mich auf eine neue. Bitter-süß. Ein Lächeln und eine kleine Träne. Ein kleiner Abschied und ein Neubeginn.

Eure

 

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4 Kommentare

  1. Dinah Kauter

    Ich habe gestern unser drittes Kind auf die Welt gebracht und obwohl ich noch ein Jahr vor mir habe bis ich diesen Abschied erlebe, den du hier beschreibst, schmerzt es mich jetzt schon. Die Geburt, die Tatsache, dass der kleine Mann nun nicht mehr in mir turnt sondern friedlich neben mir liegt ist schon ein erstes Loslassen und bei aller Freude und Dankbarkeit spüre ich den Verlustschmerz… das wird uns als Mutter ein Leben lang begleiten und prägen. Happy Birthday für dein drittes Wunder zum ersten Geburtstag morgen…

  2. Nora Gröbe

    Wie immer ein sehr schön geschriebener Text 🙂 Mein kleiner Sohn wird in 3 Wochen seinen ersten Geburtstag feiern und ich bin gleichsam freudig aufgeregt und wehmütig. Kann Deine Gedanken daher so gut nachvollziehen und werde diesen Text in den nächsten Wochen sicher noch einige Male lesen…

  3. sternenglück

    Liebe Susanne, ich kann deine Worte so gut nachfühlen. Mein Baby ist jetzt schon drei geworden, unglaublich und unglaublich schön. Bald habe ich zwei Kindergartenkinder hier, mir wird ganz weh ums Herz. Und doch ist es so schön erleben zu dürfen wie sie wachsen und sich weiter entwickeln – leider auch fort von uns entwickeln.
    Alles Liebe euch nachträglich zu den Geburtstagen! Und danke das du uns teilhaben lässt.
    Sternie
    von sternenglueck.blogspot.de

  4. So eine schöner Text! Unsere erste Tochter ist erst 20 Tage alt und schläft gerade friedlich im Tuch an mir… Und schon jetzt habe ich manchmal Angst, nicht jeden Augenblick genug zu genießen und aufzusaugen. So schnell wird es sein, dass wir ihren Geburtstag feiern und dann Kindergartenbeginn und Einschulung… Und genauso schnell wird es mir vorkommen, dass sie vielleicht selbst ein Baby hat. So jedenfalls beschreiben es mir gerade meine eigenen Eltern, die stolzen Großeltern 🙂

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