Es gibt ihn nicht, den EINEN richtigen Weg

persönliche_Wege

Kürzlich hatte ich eine Beratung bei einer Mutter, die Fragen zu „Elimination Communication“ (EC) hatte: Sie wollte gerne ohne Windeln  bzw. mit wenigen Windeln durch die Babyzeit kommen, hatte aber große Probleme damit, die Signale bei ihrem Baby zu erkennen. Es stellte sich heraus, dass sie besonders deswegen EC machen wollte, weil sie ihr Baby schon nicht stillen konnte. Nach einer schwierigen Geburt hatte es mit dem Stillen einfach nicht funktioniert. Sie dachte, dass sie dadurch ihrem Baby viel weniger Nähe geben könnte als andere Mütter und wollte deswegen wenigstens „alles andere richtig machen“: Familienbett, Tragen, EC. Aber wie es sich zeigte, funktionierte das nicht so richtig und sie war völlig verunsichert, verzweifelt und hatte Schuldgefühle. Tatsächlich dachte sie, dass sie ihrem Baby keinen guten Start ins Leben geben würde.

Natürlich stimmt das nicht. Denn es gibt ihn nicht, den einen richtigen Weg. Nur allzu oft bekommen wir den Eindruck vermittelt, dass man Kinder eben nur selbstbestimmt gebären, stillen, tragen und mit ihnen im Familienbett schlafen müsse und dann würde alles gut werden. Und wer diese Dinge nicht macht, der hat schon versagt, der gibt seinem Kind keinen guten Start ins Leben. Ein harter Druck, der auf den Eltern lastet. Denn wer kann schon etwas dafür, wenn die Geburt anders verläuft, als man sich das gewünscht hat oder wenn es an Beratungsmöglichkeiten zum Stillen oder Tragen mangelt? Und selbst, wenn es nicht an Unterstützung mangelt, sondern sich die Familie aus ganz persönlichen Gründen dafür entscheidet, bestimmte Dinge zu tun oder sein zu lassen, die man allgemein schon als Babystandard ansieht, bedeutet das noch nicht, dass man einen schlechten Weg gewählt hat. Da schiebt eine Frau ihr Kind im Buggy mit Gesicht nach vorn? Uiui, ganz schlechte Zukunftsprognose für das Kind, so scheint es mittlerweile oft aus vieler Munde zu klingen.

Seit mehr als 10 Jahren arbeite ich nun mit Eltern. Ich habe Mütter begleitet, die Kinder getragen haben, die Kinderwagen genutzt haben, die mit ihren Kindern in einem Bett schlafen oder auch nicht, die Brei geben oder BLW praktizieren, die Stoffwindeln nutzen oder abhalten oder Wegwerfwindeln haben. Und ich habe selber zwei Kinder bekommen und begleite sie auf ihren ganz unterschiedlichen Wegen. Aus diesen Erfahrungen heraus kann ich sagen: Es gibt ihn nicht, den EINEN Weg.

Der EINE Weg sieht nämlich bei jeder Familie und jedem Kind anders aus. Die einen Eltern können die Signale ihres Kindes problemlos lesen und halten ihr Baby ab, stillen zur passenden Zeit und finden den richtigen Zeitpunkt, um das Baby in den Schlaf zu begleiten. Ein anderes Kind hat durch sein Temperament Schwierigkeiten, in den Schlaf zu finden und braucht von seinen Bezugspersonen Hilfe dabei, muss beruhigt werden, braucht vielleicht mehr Ruhe als ein Kind, das jederzeit an jedem Ort einschlafen kann. Wieder ein anderes Kind ist besonders empfindsam über die Haut und kann durch Kleinigkeiten wie Etiketten in Kleidung nicht zur Ruhe kommen oder wird unruhig, wenn es in der Trage zu stark schwitzt. Und auch auf Seiten der Eltern gibt es immer wieder so viele verschiedene Eigenschaften, Temperamente, persönliche Erfahrungen und Geschichten, dass es niemals den nur einen richtigen Weg geben kann, der für alle gültig ist.

Bindungsorientierte Erziehung, das bedeutet, dass wir den Weg suchen, der für uns und unser Kind richtig ist. Wir schauen auf die Bedürfnisse unseres eigenen Kindes und auch auf unsere persönlichen Bedürfnisse und gehen diesen nach. Wir wollen das Beste für uns und für unser Kind. Das muss nicht das sein, was bei den Nachbarn das Beste ist und selbst bei Geschwisterkindern muss es nicht das sein, was beim ersten Kind gut und richtig war. Natürlich gibt es Grundsätze, die immer und bei allen Kindern gleich sind: Dass sie nicht geschlagen werden dürfen, dass ihnen keine psychische Gewalt angetan werden darf – dazu zählt auch, dass sie in ihren Grundbedürfnissen wahr genommen werden und beispielsweise nicht schreien gelassen werden. Doch darüber hinaus sind die Wege so vielfältig, so einzigartig. Lassen wir uns nicht von den Wegen der anderen verunsichern und schauen wir auch nicht streng und strikt auf pauschale Schlagworte wie antiautoritär Erziehung oder Attachement Parenting. Einzelne Wege lassen sich nur schwer in Konzepte hinein passen. Einzelne Wege sind einzelne Wege. Und sie passen nunmal zu jedem Kind und zu jedem Elternteil ganz nach Bedarf. Bindungsorientierte Erziehung ist wie ein Maßanzug, gefertigt aus dem feinsten Stoff, den unsere persönliche Haut tragen mag nach dem Schnittmuster der individuellen Persönlichkeit unseres Kindes.

 

7 Kommentare

  1. Ja…so ist es wohl. Doch leider leben wir in einer genormten Welt, mit vielen Tabellen und Schubladen. Dieser Druck kommt eher von Außen und dringt – mehr oder weniger – in uns und unser Leben ein. Und irgendwann wird auch dieser Druck von Außen – mehr oder weniger – auf unsere Kinder ausgeübt. Um so besser ist es, auf Artikel wie z.B. diesen zu stoßen.

  2. kittycat

    Finde ich sehr schön! Endlich mal nicht nur das hervorheben des kompletten pakets des attachement parenting. Für mich bedeutet es nämlich auch nicht immer zu stillen, tragen, abhalten etc. sondern für mich bedeutet es, den Weg zu wählen, der am meisten auf die Bedürfnisse des Kindes eingeht, ohne sich selber und seine eigenen Bedürfnisse zu ignorieren. Und wenn man dann „nur“ ein Jahr stillt, oder das Kind nicht mehr trägt, weil es im Kinderwagen einfach besser und länger schläft, oder weil man einfach nicht 2 Stunden rumhopsen möchte, macht man es trotzdem richtig. Ich finde das wir viel zu oft vernachlässigt. Ich kenne viele Mütter, die der Druck, alles richtig machen zu wollen, so stresst, dass sie aggressiv werden, auch gegenüber ihrem Kind…das ist schade und, wie ich finde, eine Folgen des Übereltern Drucks. Danke für dem Artikel!

  3. Genau so ist es ! Und so vermittle ich es auch immer „meinen“ Eltern in den Beratungen. Wobei außerhalb Berlins-Hamburgs-Kölns-Münchens das „Gesamtpaket“ ohnehin erst langsam ankommt.

  4. Ich war ja auch so eine: wenn ich nicht gebären kann, dann doch wenigstens stillen und wenn das mit dem stillen nicht so klappt, dann trage ich wenigstens Tag und Nacht…… und siehe da, FÜR MICH war das genau das Richtige, denn so konnten meine eigenen Wunden heilen und dann fühlte ich mich auch stark genug, um für mein Kind da sein zu können.
    Wir denken oft und viel ans Kind wenn wir über solche Themen diskutieren – aber wir selber sind auch beteiligt, und wenn uns etwas wichtig ist finde ich, sollten Experten und Ratgeber uns dabei unterstützen, es auf die eine und andere Art umzusetzen. Denn neben dem Gemurkse mit dem Stillen auch noch gegen all die Berater und Experten kämpfen zu müssen die ständig wiederholten, ich solle doch das nicht so verbissen sehen und soooo wichtig sei das Stillen nun auch wieder nicht, dieser Kampf hat mich mehr Energie gekostet als alles Andere!
    Dabei hätte ich nur gebraucht dass mir jemand zeigt, wie man das Baby anlegt. Aber nein, jeder wollte lieber darüber senfen ob man in unserer Situation stillen solle und überhaupt und sowieso.
    Manchmal möchte man nicht hören, dass man auch ohne Stillen eine gute Mutter sein kann, sondern man möchte einfach seine Frage beantwortet haben.
    AP (egal ob „Gesamtpaket“ oder „nur“ Teilaspekte) geben nicht nur den Kindern Geborgenheit und Halt, sondern können auch für traumatisierte Eltern ein Trost sein und ihnen bei der inneren Heilung helfen, was ihnen überhaupt erst erlaubt, sich von ihren Verletzungen weg hin zum Kind zuzuwenden.

  5. Man will ja irgendwie immer irgendwo dazu gehören. Bei uns war es so: zu den „normalen“ Müttern konnte ich mit meinem Schreibaby nicht gehören, meine Sorgen und Methoden waren so völlig anders. Zu den eingefleischten AP-Müttern konnte ich aber auch nicht gehören weil ich zwar stillte, familienbettete und trug aber eben auch manchmal den Kinderwagen benutze, kein Windelfrei und kein BLW praktizierte und auch noch impfen ließ. Wir waren nicht Fisch nicht Fleisch und oft recht einsam…

    • Meine beste Freundin hat auch einen kleinen Sohn und macht in Sachen Erziehung/Umgang fast alles komplett anders als ich. Diese Frau gibt ihrem Kind aber was sie kann. In jeder Berührung stecken Liebe und Hingabe zu ihrem Kind, und selbst wenn sie kurz vor dem Ende ihrer Kräfte steht lächelt sie ihn an…
      Urteile sind schnell gefällt, denn man ist überzeugt von dem was man da tut, nur was wären wir für Vorbilder wenn wir zeigen könnten wie wirkliche Toleranz und Freundlichkeit funktioniert. Man muss uns Müttern einfach mal anerkennen, dass wir unsere Kinder lieben und dann lässt sich auch miteinander reden ohne sich sofort angegriffen zu fühlen.

  6. Strandrose

    Ich finde nicht, dass die durchgeführten Praktiken von ap Eltern direkt zu guten Eltern macht. Und gute Eltern gibt es auch, die ap nicht komplett praktizieren. Wir können auch auf die Bedürfnisse unserer Kinder eingehen, ohne winderfrei zu machen und ohne blw. etc. Man kann seinem Kind auch Nahe sein, ohne ausschließliches Tragen und auch wenn man es im Kinderwagen sporadisch nach vorne schiebt. es geht ja darum zu wissen, wann es eben nicht mehr gut ist, nach vorne zu schieben, und den Wagen dann umzudrehen… wann es angebracht ist zu tragen weil es dem Kind besser tut als geschoben zu werden weil es die Nähe braucht… und wann und wie es in die Windel macht und dann zu reagieren…das Kind nach Bedarf zu füttern und Wasser zu trinken zu geben, auch wenn man nicht mehr stillen möchte…Für das kind da zu sein wenn es einen braucht…Mich nervt der ap Wahn tierisch. Er teilt Eltern in gute und schlechte Eltern nach oberflächlichen Kriterien.

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