Glaubt nicht, was ihr in Filmen seht – Warum Babys NICHT mit dem Gesicht nach vorn getragen werden sollen

Hangoverposter09Ich wohne in Berlin. Hier sehe ich jede Woche Kinder, die falsch getragen werden. Manchmal ist es „nur“ keine korrekte Spreiz-Anhock-Haltung, manchmal ist es eine Trage mit zu schmalem Steg. Und leider viel zu oft ist es der verstörende Anblick eines falsch herum getragenen Kindes, das einen mit aufgerissenen Augen anblickt. Dabei ist doch fast überall zu lesen, dass Kinder eben nicht mit dem Rücken am Bauch des tragenden Erwachsenen getragen werden sollen. Aber schaltet man den Fernseher ein oder besucht man einen angesagten Kinofilm, sieht man genau das: Babys, die in einer Trage hängen und einen frontal anblicken. Und was im Kinofilm so cool aussieht, will der Vater im Alltag auch nicht missen. Daher wird das Kind selbstverständlich ebenso in die Trage gesteckt, wie es im Film gezeigt wurde -beispielsweise in Hangover. Doch da gibt es einen großen Haken: Wir sind nicht im Film! Ich erwarte ja auch nicht, dass mein Mann abends mit einer Spinnenmaske von der Decke hängt. Und natürlich gibt es auch einen Grund, warum Babys im Film falsch herum gezeigt werden: Weil wir sie sonst nicht sehen würden. Das bewegte Bild möchte etwas vermitteln. Wir sollen das Kind sehen, wie es blickt, was es tut. Deswegen werden Kinder falsch herum getragen. Das ist natürlich nicht schön und wünschenswert wäre es, wenn es dennoch anders gemacht werden würde. Aber: So ist es im Film. In der Wirklichkeit hingegen, sollen Kinder eben nicht mit dem Gesicht nach vorn getragen werden – und das aus diesen Gründen:

Tragen kann viele Vorteile haben

Das Tragen eines Kindes hat – wenn es richtig gemacht wird – viele Vorteile. In erster Linie gibt es Nähe und Geborgenheit und ermöglicht eine sehr gute Kommunikation mit dem Kind. Der Körperkontakt wirkt sich positiv auf das Hormonsystem aus und unterstützt die Bindung. Durch die Bewegung hat das Baby es leichter, in der Welt anzukommen, weil es die stete Bewegung aus dem Bauch der Mutter kennt. Auch kann das Tragen hilfreich bei Blähungen sein. Besonders aus der Forschung zu Frühgeborenen sind viele medizinische Vorteile des Tragens bekannt und auch zur Vorbeugung einer Hüftdysplasie ist das Tragen geeignet. Bei all diesen Vorteilen wird jedoch davon ausgegangen, dass das Kind dem Tragenden zugewandt ist, das heißt, sich mit seinem Bauch an den Bauch, den Rücken oder die Hüfte des Trägers schmiegt. So nimmt es eine Haltung ein, bei der die Beine mindestens in einem rechten Winkel angehockt sind und die Kniekehlen über dem Windelbereich sitzen. Der Rücken wird vom Tuch eng umschlossen und auf diese Weise aufrecht gehalten, der Kopf wird gestützt. Dieses Tragen ist auch körperlich sinnvoll und gut.

Blick nach vorn – ungesunde Körperhaltung

Blickt das Kind nun aber nach vorn, ist diese gesunde Haltung absolut nicht möglich. Beim Tragen des Kindes in die falsche Richtung werden die Beine nicht in dem erforderlichen Maß angehockt und gehalten. Sie hängen in den meisten Fällen einfach gerade herunter. Dabei wird auch das Gewicht ganz anders verteilt als bei der richtigen Trageweise: Das Gewicht lastet nun auf dem Genitalbereich des Kindes und den knorpeligen Strukturen des Beckens. Stellt man sich vor, man würde an der Unterhose hochgezogen werden, entspricht das ungefähr dem körperlichen Empfinden eines Kindes, das so verkehrt getragen wird. Mittlerweile werden Kinder nicht nur bevorzugt in Babybjörns (die selbst bei der Trageweise Bauch an Bauch kein Anhocken ermöglichen) so verkehrt getragen, sondern auch in Tragetüchern. Da es sich aber an einigen Stellen doch herum gesprochen hat, dass beim Tragen in die falsche Richtung die Beinhaltung unpassend ist, kamen einige Eltern auf die Idee, die Kinder verkehrt herum zu tragen und sie dabei in den Schneidersitz zu bringen (so genannte Buddha-Trageweise). Hier hängen die Beine nun zwar nicht herunter, werden dafür aber stark gespreizt und durch den Zug des Tuches an den Körper gedrückt, was sich auch wieder negativ auswirkt auf den Oberschenkelkopf.

Ebenso ungünstig wie auf die Beinhaltung wirkt sich das falsche Tragen auch auf den Rücken aus: Während beim richtigen Tragen der Rücken gestützt wird und (zumindest während des Schlafens) eine runde Haltung erzielt wird, ist dies bei der Trage mit Blick nach vorn nicht möglich. Die Schultern des Kindes werden durch Tuch oder Tragehilfe eher nach hinten gedrückt, der Oberkörper richtet sich auf und geht so ins Hohlkreuz – eine völlig unnatürliche Haltung für ein Baby. Wie man es also macht: Werden die Kinder mit dem Gesicht nach vorn getragen, ist keine gesunde Haltung möglich.

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Weniger Körperkontakt und weniger Interaktion beim Tragen mit Blick nach vorn

Wird das Kind Bauch-an-Bauch, Bauch-an-Rücken oder Bauch-an-Hüfte getragen, hat es maximalen Körperkontakt. Sein Körper schmiegt sich ideal an den des Tragenden an. So wird der Bauch des Babys durch die Bewegung sanft massiert, durch den vielen Körperkontakt wird die Temperatur mit reguliert, die Haut wird stimuliert und Hormone werden ausgeschüttet, die die Bindung unterstützen. Zwar besteht auch beim Tragen mit Blick nach vorn Körperkontakt, doch ist dieser geringer, da einfach weniger Körperflächen miteinander in Berührung sind. Evelin Kirkilionis (2013, S. 170) merkt zudem an, dass der Rücken des Kindes der Bereich ist, der mit weniger taktilen Rezeptoren versorgt ist – Berührung also weniger intensiv wahrgenommen wird. Das Kind kann in dieser Position nicht den Tragenden direkt anblicken und mit ihm in Kontakt treten. Selbst bei der Rückentrageweise, bei der das Baby auch keinen direkten Blickkontakt mit dem Tragenden hat, ist dennoch mehr Interaktion durch Arme, Festhalten/Anklammern möglich. Schließlich können auch kleine Gesten des Kindes deutlich zeigen, wie es ihm geht. Wird es jedoch mit dem Gesicht nach vorn getragen, sieht der Tragende nicht nur nichts von der Mimik, das Kind kann sich darüber hinaus auch nicht durch andere Körpersignale (außer Sprache) mitteilen.

Mit Blick nach vorn dem vollen Leben ausgesetzt

Manchmal sind uns der Lärm und die Eindrücke der Welt zu viel. Wenn wir in einem Einkaufszentrum sind und dort viele andere Menschen um uns herum laufen, reden, das grelle Licht der Schaufenster, die Klimaanlage, verschiedenste Gerüche… auf uns einströmen. Ja, sogar uns Erwachsenen sind Dinge manchmal zu viel. Für Babys ist noch viel schneller ein Punkt erreicht, an dem sie zu viel wahrnehmen. Das ganze Leben ist neu für sie. Schon Kleinigkeiten und neue Spielzeuge sind aufregende Dinge in ihrem Leben. Selbst in der gewohnten Umgebung zu Hause sind die Kinder vom Spiel schnell erschöpft oder auch von Besuchern, die nicht so oft bei ihnen sind. Sind Babys draußen, gibt es so unglaublich viele neue Erfahrungen: Sonne, Wind, das Spiel der Wolken, Regen, Geräusche der Straße wie vorbeifahrende Autos, Sirenen, Fahrradklingeln, Stimmen anderer Menschen, Farben und Formen sind zu sehen, Tiere zu sehen und zu hören. Wenn Eltern ihre Kinder mit dem Gesicht nach vorn tragen, sagen sie oft „Mein Kind will das so. Es will viel sehen und ist sonst unruhig.“ Ja, Kinder wollen die Umgebung kennen lernen. Sie wollen nach und nach das Leben um sie herum begreifen. Aber das geht nur, wenn sie sich auch eine Pause gönnen können. Das Aneignen der Welt erfolgt bei Kindern immer nach dem genau gleichen Plan: Anregung – Rückzug/Pause – Anregung. Wenn es gut läuft, lernen Kinder in den ersten Lebensjahren, wann sie einen Rückzug brauchen. Größere Kinder ziehen sich zum Bücheransehen zurück, legen sich zum Kuscheln ins Bett oder wollen nur eine Geschichte hören. Babys können sich noch nicht gut selbst regulieren. Sie sind darauf angewiesen, dass die Bezugspersonen ihnen Rückzugsmöglichkeiten anbieten. Wird das Kind mit dem Bauch zum Körper des Tragenden getragen, hat es die Möglichkeit, sich zurück zu ziehen. Es kann sich eng an den anderen schmiegen oder der Tragende selbst schirmt das Kind vor den Eindrücken der Außenwelt ab, indem er beispielsweise das Tragetuch auch über dem Kopf schließt. In anderen Kulturen werden Babys teilweise ganz verhüllt getragen, damit sie nicht von den Reizen überflutet werden. Wird das Baby aber mit dem Gesicht nach vorn getragen, kann es sich nicht schützen und zurück ziehen. Dass Kinder in dieser Position ruhig werden, ist schon ein Anzeichen dafür, dass sie nur noch passiv agieren. Nicht wenige Kinder lassen die Anspannung und Überreizung des Tages dann am Abend heraus, indem sie eine abendliche Schreistunde haben.

Wie trägt man richtig?

Kinder werden richtig getragen, indem sie mit ihrem Bauch am Bauch/Rücken/Hüfte der Eltern sind. Das Tragen mit dem Gesicht nach vorn ist auf keinen Fall eine gesunde und angemessene Trageposition. Für ganz kleine Kinder gibt es auch eine Wiegetragemöglichkeit mit dem Tuch, in der die Babys eher liegen als aufrecht sind. Abzuraten ist auf jeden Fall jedoch von den in Amerika viel vertriebenen Bag-style-slings, in denen Babys wie in Beuteln liegen und zu wenig Luft bekommen können. Das richtige Tragen mit Tuch oder Tragehilfe kann von einer Trageberaterin idealerweise direkt zu Hause oder in einem Laden gezeigt werden. Trageberaterinnen können verschiedene Tragetechniken mit dem Tuch vorführen und unterschiedliche Tragehilfen anbieten, so dass alle Eltern die jeweils passende Möglichkeit finden, in der das Baby sicher und gesund getragen werden kann.

Zum Einlesen in das Thema gibt es nun auch eine Neuauflage von Evelin Kirkilionis Klassiker „Ein Baby will getragen sein: Alles über geeignete Tragehilfen und die Vorteile des Tragens„. Hier finden Eltern alle Informationen rund um das Tragen: Von den Hintergründen und Widerlegung von Märchen und Mythen über die Auswirkungen des Tragens auf die Bindung und Gesundheit bis hin zu ganz konkreten Bindeanleitungen für Tücher. Wer sich nicht für ein Tragetuch entscheidet, findet auch wichtige Hinweise für die Auswahl der richtigen Komforttrage. Zauberhafte Bilder von getragenen Babys und Eltern verdeutlichen, wie schön das Tragen für Erwachsene und Kinder sein kann. (Werdenden) Eltern kann dieses Buch nur empfohlen werden.

Weiterführende Literatur:

  • Kirkilionis, Evelin (2013): Ein Baby will getragen sein: Alles über geeignete Tragehilfen und die Vorteile des Tragens – München: Kösel.

 

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5 Kommentare

  1. Das sieht man in Neuseeland schrecklich oft. War permanent versucht den Leuten meine Meinung zu sagen. :/

  2. Pingback: Wir tragen noch – 15 Monate ohne Kinderwagen | Geborgen Wachsen

  3. Danke für diesen Artikel! Am liebsten würde ich ihn mehrfach ausdrucken und ihn jeder Mami und jedem Papi, die ihr Kind auf diese Art tragen, in die Hand drücken. Mir tun diese armen Würmer auch sooo leid, mit ihren aufgerissenen Augen und den hilflos herumschlenkernden Gliedmaßen; einfach grauenvoll!

  4. Schön und gut, was soll ich sagen?

    Wir nutzen unsere Trage überhaupt nicht. Warum?

    Unsere Kleine windet sich immer energisch nach vorne wenn wir sie reinsetzen bzw. sie ohne Trage an der Brust halten. Von daher mal wieder ein schöner Artikel der von der Idealvorstellung ausgeht wie ein Baby zu sein hat. Bravo! Da konsultiere ich doch lieber jemanden der wirklich Ahnung von der Materie hat wie meine Hebamme oder den Kinderarzt.

    • Hallo Marcel,
      wirklich Ahnung von der Materie des Tragens haben Trageberater*innen oder die genannten Berufsbilder, wenn sie eine Weiterbildung dazu gemacht haben, denn das Tragen von Kindern ist kein Bestand dieser Ausbildungen.
      Wenn Euer Baby sich nach vorn wendet, kann zunächst geschaut werden: Wie alt ist das Kind? Ist es schon über 6 Monate, möchte es nicht mehr vorne getragen werden oft, sondern eher auf der Hüfte oder dem Rücken, so dass es besser sehen kann. Ansonsten kann auch geschaut werden, was für eine Tragehilfe ihr nutzt und ob es da vielleicht noch Probleme in der Anpassung gibt.
      Das Internet ersetzt leider keine persönliche Trageberatung.
      Soviel von den Tipps der Diplom-Kleinkindpädagogin und Familienbegleiterin mit Weiterbildung zum Tragen 😉

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