Wir tragen noch – 15 Monate ohne Kinderwagen

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Bei meiner Tochter damals habe ich die ganz normale Babyausstattung gewählt. Dazu gehörte selbstverständlich auch ein Kinderwagen – den hat ja schließlich jeder. Glücklicherweise konnte ich einen Kinderwagen von einer Freundin bekommen, denn irgendwie hatte ich damals schon ein ungutes Gefühl wegen der Nachrichten von Schadstoffen in Kinderwagen und dachte, bei einem gebrauchten Modell wäre wenigstens alles gut ausgelüftet. Letztlich habe ich den Kinderwagen aber nur sehr wenige Male überhaupt benutzt. Ich habe getragen bis zum 2. Geburtstag. Und nun, beim Sohn, haben wir uns gar nicht erst einen neuen Kinderwagen zugelegt. Beim letzten Mal hat es ja mit dem Tragen großartig funktioniert. Warum also diesmal nicht auch darauf vertrauen? Damit sind wir nicht falsch in der Annahme gewesen: 15 Monate lang wird der Sohn nun schon getragen. Und weil es auf meinem persönlichen Trageweg schon so viele Fragen gab, möchte ich hier auf einige der am häufigsten gestellten Fragen eingehen:

Bekommen Babys beim Tragen genug Luft?

Als die Tochter wenige Monate alt war, war ich mit den Öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs. Die Tochter war in der Wickelkreuztrage vor mir und schlief. Ich fühlte nach, ob sie vielleicht schwitzen würde. Eine ältere Dame schaute mich an und sagte unaufgefordert: „Uns wurde ja früher gesagt, dass Kinder am besten grade auf dem Rücken liegen sollen. So bekommt das Kind ja gar keine Luft!“ Ach. Und auch 4 Jahre später, unterwegs mit dem Sohn, wurde ich wieder angesprochen von einer Frau, ob mein Kind denn da drin noch leben würde, denn Luft würde es ja wohl nur schwer bekommen können. Studien haben allerdings belegt, dass das nicht der Fall ist: Getragene Babys leiden nicht unter Sauerstoffmangel! Weder gesunde Frühgeborene noch normal geborene Kinder zeigen einen kritischen Rückgang der Sauerstoffsättigung beim aufrechten (!) Tragen. Abzuraten ist auf jeden Fall hingegen von den in Amerika viel vertriebenen Bag-style-slings, in denen Babys wie in Beuteln liegen und zu wenig Luft bekommen können. Hier kann tatsächlich eine Sauerstoffunterversorgung drohen.

Tragen schadet dem Rücken und der motorischen Entwicklung des Babys?

Neben der Frage nach dem Sauerstoffmangel ist eine weitere sehr weit verbreitete Meinung ja, dass das Tragen zu Wirbelsäulenschäden führen würde. Auch hiermit war ich zunächst bei der Tochter und dann beim Sohn konfrontiert. Kopfschütteln und Nachfragen, ob das denn nicht bekannt sei, dass Kinder für eine gesunde Entwicklung auf dem Rücken liegen müssten. Selbst in der Spielgruppe, die ich mit dem Sohn besuchte, wurde das von der Kursleiterin angemerkt (wodurch ich diesen Kurs nicht mehr besuchte). Skoliose? Kyphose? Lordose? Die dem Tragen angedichteten Haltungsschäden sind vielfältig.

Die Tochter hat nachdem sie zwei Jahre ausschließlich getragen wurde eine sehr gute Körperhaltung, wie uns die Kinderärtztin und auch die Erzieherinnen immer wieder sagen. Doch weil das ja recht subjektiv ist, lohnt der Blick auf weitere Studien: Hilal Kavruk konnte in einer Studie zeigen, dass selbst bei Kindern, die schon früh lange Zeit am Tag aufrecht getragen wurden, nicht mehr Wirbelsäulenschäden oder Haltungsauffälligkeiten auftraten als bei nicht getragenen Kindern. Auch Evelin Kirkilionis beschreibt eindrücklich, dass Haltungsschäden nicht vom Tragen hervorgerufen werden – sofern eine gute Trage gewählt wird bzw. das Tuch richtig gebunden ist:

Zwei Faktoren unterscheiden eine gute von einer ungeeigneten Tragehilfe bzw. Bindetechnik: Die beschriebene Spreiz-Anhock-Haltung und eine gut unterstütze aufrechte Rückenhaltung. Damit ein Baby nicht in sich zusammensinkt, muss es eng eingebunden sein, um sich so am Körper des Erwachsenen angelehnt aufrichten zu können.

Dass Kinder deswegen nicht mit dem Gesicht nach vorn getragen werden sollen, erschließt sich daraus schon selbst. Haltungsschäden durch das Tragen – sofern es richtig gemacht wird – können also ausgeschlossen werden. Im Gegenteil: Das Tragen kann sogar zur zur Vorbeugung einer Hüftdysplasie dienen.

Oft schon habe ich auch die Frage gehört, ob das ständige Umhertragen nicht das Kind am Krabbeln und Laufen hindern würde. Auch hier kann ich aus der Erfahrung mit meinen beiden Kindern sagen: Nein, das tut es nicht. Meine Tochter lief mit 12 Monaten, mein Sohn mit 10 Monaten. Beide haben vorher alle anderen Stadien der normalen Bewegungsentwicklung durchlaufen: Drehen, Rollen, Robben, Schieben, Krabbeln, Bärengang.  Aber auch unabhängig von meiner persönlichen Erfahrung zeigt sich, dass das Tragen keineswegs zu einer Entwicklungsverzögerung führt. Im Gegenteil könnte man eher von einer Förderung des Kindes durch das Tragen sprechen, da das Kind auf vielen verschiedenen Ebenen durch das Tragen angeregt wird: Es nimmt andere Seheindrücke wahr, kann besser und näher mit der erwachsenen Bezugsperson kommunizieren, der Gleichgewichtssinn wird geschult, durch die Bewegungen wird auch der Körper stimuliert, der Kopf kann früher aufrecht gehalten werden.

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Ist das nicht zu schwer?

Wer erst mit dem Tragen beginnt, wenn das Kind schon älter ist, hat es manchmal schwerer, als wenn von Anfang an getragen wird. Denn glücklicherweise passt sich der Körper ja dem wachsenden Gewicht nach und nach an. So wird das schwerer und größer werdende Kind gar nicht wirklich als größere Last wahrgenommen, weil sich die Muskulatur anpasst. Was allerdings schon wichtig ist und einen enormen Unterschied in der Belastung ausmachen kann, ist die Art des Tragens: Welche Tragehilfe wird genutzt? Wie wird das Tuch gebunden? Vorne, hinten oder auf der Hüfte? Damit das Baby oder Kleinkind gut getragen wird und das Tragen auch für die Bezugspersonen eine Freude ist und bleibt, ist es wirklich sinnvoll, eine Trageberatung zu machen. Auch wenn Begleitheftchen heute Tragetechniken zeigen oder man im Internet Videos ansehen kann, ersetzt dies nicht eine fachkundige Beratung, bei der ganz persönlich am Körper gezeigt wird, wie man ein Tuch anlegt und festzieht, wie die Trage sitzen soll etc.

Unser Trageweg

Im Folgenden möchte ich Euch schildern, wie ich meine Kinder getragen habe bisher – aber das ist unser persönlicher Weg. Jeder findet im Laufe der Zeit (ggf. mit professioneller Unterstützung die Trageweise, die für ihn uns seine Kinder passt). Meine beiden Kinder habe ich von Anfang an im Tuch getragen. Mittlerweile habe ich eine kleine Sammlung an verschiedenen Tüchern: kurz, lang, mittel, verschiedene Muster und Marken. Natürlich habe ich auch beruflich einige Modelle für verschiedene Zwecke, aber besonders auch privat ist mir die Auswahl mittlerweile wichtig.

Am Anfang habe ich meine Tochter ausschließlich in der Wickelkreuztrage getragen, den Sohn am Anfang dann auch in der Känguru-Trage. Allerdings kam der Sohn im Herbst 2012 zur Welt, auf den dieser lange und kalte Winter folgte. Ich stellte fest, dass im hohen Schnee und unterwegs mit zwei Kindern das Tragetuch zu unflexibel für mich war (in Hinblick auf schnelles rein und raus) und nutzte beim Sohn dann auch als Tragehilfe den Bondolino (anfangs mit Verengung des Stegs durch eine Tuch).

Als die Tochter größer wurde, habe ich für unterwegs auch die Kreuztrage ausprobiert, weil es ein so einfaches hineinsetzen und rausnehmen auch unterwegs ermöglichte. Der Sohn, der viel schneller viel mehr begreifen wollte und viel offener und schneller in der Gesamtentwicklung ist, habe ich bereits mit 6 Monaten dann in den Sling genommen und auf der Hüfte getragen – was ich bei der Tochter erst mit 9 Monaten machte. Der Sling ist für mich gerade zu Hause eine enorme Erleichterung, wenn im Haushalt etwas gemacht werden muss, aber das Kind den Körperkontakt sucht. Die Tochter habe ich dann bis zum Ende der Tragezeit im Sling auf der Hüfte getragen.

Und der Sohn heute mit 15 Monaten? Während ich meine Tochter so gut wie nie auf dem Rücken trug, ist es beim Sohn nun anders. Er liebt auch den Sling, aber die Rückentrage mag er auch sehr, wenn er möglichst hoch gebunden auf meinem Rücken ist und über meine Schulter sehen kann. Das ist mit herkömmlichen Tragehilfen nicht so einfach zu machen (abgesehen natürlich vom Tuch), aber mit dem Meitai.

Der Meitai ist sozusagen die Urform der Tragehilfe. Er besteht in seiner ganz ursprünglichen Form aus einem rechteckigen Stück Stoff, dessen Ecken mit Bändern verlängert sind. Die oberen Verlängerungen dienen als Träger und die unteren als Hüftgurt. Das Kind „sitzt“ in dem Stoffrechteck. Hier bei uns sind besonders die Meitais von Fräulein Hübsch bekannt geworden. Mittlerweile habe ich auch eine kleine Auswahl an Meitais zu Hause. Wie auch bei den Tragetüchern gilt auch hier: Die Stoffqualität ist wichtig für den richtigen „Sitz“ des Kindes. Wie oben erwähnt, ist für das richtige Tragen eine bestimmte Haltung notwendig und besonders auch die Stützung des Rückens. Je jünger das getragene Kind ist, desto wichtiger sind diese Qualitätsmerkmale, damit es gut gehalten werden kann. Kleine Babys sollten deswegen nur in besonders hochwertigen Meitais getragen werden, in denen der Rücken optimal unterstützt wird. Auch hier ist eine Trageberatung wieder viel wert, denn es können Modelle verschiedener Hersteller ausprobiert  und Vor- und Nachteile erläutert werden.

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Für den Sohn habe ich zum Testen kürzlich einen Meitai von Bykay erhalten. Der Stoff ist ein Mix aus Baumwolle und Leinen im Denim-Look. Der Steg ist eigentlich schon zu schmal für ihn, doch lassen sich die breiten Träger auffächern und verbreitern auf diese Weise den Steg optimal. Selbst die Tochter könnte ich so noch in eine Anhock-Spreiz-Haltung binden. Auch im Winter mit einem dicken Schneeanzug (der ja das gute Binden bzw. eine gute Haltung oft behindert), kann der notwendige Sitz gebunden werden. Die gepolsterten Schultergurte machen das Tragen auch für mich angenehm und sind bei einem Gewicht von 12kg auch durchaus notwendig mittlerweile.

So also wird er auch weiterhin getragen. Im Meitai, im Tuch, im Sling. Selten vorne, meist auf der Hüfte oder auf dem Rücken. Für mich ist es noch immer die schönste Art, mein Kind sanft ins Leben zu begleiten. Ich gebe ihm Nähe und ermögliche ihm dabei, alles zu sehen, zu erfahren, kennen zu lernen.

 

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Verlosung: 

Die Firma Bykay hat einen ihrer Meitais zur Verlosung bereit gestellt. Ihr habt auch ein größeres Tragekind und wollt den Meitai ausprobieren? Dann nehmt am Gewinnspiel auf Facebook teil und gewinnt einen Meitai, den die Firma Bykay zur Verfügung gestellt hat!

10 Kommentare

  1. Danke für den ausführlichen Artikel. Mittlerweile sind – für mein Gefühl
    – immer öfter, immer mehr Tragemütter- und Väter unterwegs. Leider auch
    umso öfter mit dem Gesicht nach vorn. Hier bin ich im Zwiespalt, soll
    ich immer darauf hinweisen und so zur älteren Dame werden, die sich um
    die Sauerstoffversorgung des Kindes sorgt? … Wobei das wohl nicht der
    richtige Vergleich ist. …

  2. Liebe Susanne,
    ein sehr schöner Artikel über Deine Tragegeschichte. Du machst daraus keine Wissenschaft oder Religion, sondern schilderst einfach, wie es bei Euch war und ist; gespickt mit einigen hilfreichen Informationen kann der Bericht eine schöne erste Orientierung für werdende Eltern sein!
    Ein weiterer Grund, oft auf Deinen schönen Blog hinzuweisen!

  3. Danke für diese Übersicht.

    Für mich als werdende Neu-Mutter wäre es sehr hilfreich, noch konkretere Hinweise auf die Produkte zu erhalten.
    Also z.B. ein Foto der verschiedenen Tragetücher und Trageweisen vorne, an der Hüfte und auf dem Rücken, und auch dann ein oder zwei Empfehlungen, wo man da die besten Tücher/Tragehilfen findet.
    Bisher bin ich vom breiten Angebot etwas überfordert.

    • Am praktischsten ist wirklich eine Trageberatung von einer erfahrenen Trageberaterin bzw. in einem Laden, der auf das Tragen spezialisiert ist. In Berlin gibt es das Hug & Grow in Tiergarten und das Pikapé in Pankow zum Beispiel, die ich persönlich empfehlen würde. Ansonsten ist es geplant, dass ich noch mehr ausführliche Informationen demnächst hier veröffentliche: http://geborgen-wachsen.de/ubers-tragen/

  4. Vanessa P.

    Ganz ganz toll geschrieben. Meine Tochter wird ein Jahr und gerade jetzt erlebe ich eine sehr intensive tragzeit. Sie liebt es vom ersten Tag an und ich trage jetzt wieder mehr weil es mir ein gutes Gefühl gibt, wir fühlen uns VERBUNDEN <3 beim nächsten Kind wird der Kinderwagen auch nicht viel benutzt werden!

  5. Vielen Dank für den ausführlichen Bericht! Werde im Mai das erste Mal Mama und habe uns eine Manduca Babytrage gekauft – Kinderwagen ist nicht immer ein Muss. Finde das Tragen des eigenen Kindes ob Tuch oder Trage persönlich auch viel schöner, das Kind ist näher beim Herzschlag der Mami und fühlt ihre Wärme etc….

  6. Danke für deinen Artikel! Nur ein kleiner Hinweis:Die Jeans-Tragetücher und der Mei Tai von ByKay sind nicht in Leinwandbindung, sondern in Twillbindung auch Denim genannte gewebt. Twill ist ein Einfachköper, hat also ähnliche eigenschaften, wie der Kreuköper. Er ist nur in eine Querrichtung minimal elastischer als in die andere. Twill wird z.B. auch bei Girasol noch bei einigen Limited Editions verwendet (z.B. Girasol Apple) und hat gute Trageeigenschaften. Ich hatte ein Girasol old Nr. 11 in Twill und liebte es! Durch Twill enstehen die farblich unterschiedlichen Seiten, wie man sie auch von Jeanshosen kennt. Leinwandbindung sieht auf beiden Seiten gleich aus.Leinwandbindung ist außerdem auch querelastisch, nur nicht so stark, wie Köper oder Jaquard. 😉

  7. Veronika Malic

    Ich bin erstgebärende in der 30SSW und möchte tragen, weil es mir sehr praktisch erscheint. Mir macht es erstmal ganz gutes Gefühl, wenn ich mein Beba immer um mich herum habe. Dann erscheint es mir viel einfacher als mit dem Wagen durch die Welt zu karren. Alle die ich bisher gesehen habe, waren unglaublich klobig und unpraktisch. Ich hatte schon eine TB mit Puppe und konnte mich mit den Tragehilfen nicht so richtig anfreunden daher habe ich ein Tuch.

  8. Ich finde es immer wieder interessant zu lesen, wie es andere Müter so machen. Tragen ist ja sehr im Trend. Ich habe auch auch zwei Tragetaschen, aber mein Kind hat sich am Anfang immer weggedrückt und geweint egal wie es gemacht wurde. Im Kinderwagen hat es zufrieden geschlummert. Ich habe es trotzdem kurz getragen, ca. 5-10 Min. länger ging nicht, dann wollte es runter.
    Jedes Kind ist eben anders
    Ich bin aber auch erleichtert, dass es so ist, weil ich es physisch gesehen gar nicht auf Dauer so lange tragen könnte (bin klein und zierlich, Rücken hält auf Dauer nicht so viel aus).

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