Baby-Led Weaning – Beikost ohne Brei. Geht das?

Ein neuer Begriff geht um unter Eltern, die das erste Essen bei ihren Babys einführen wollen: Baby-Led Weaning. Hier und da hat man schon einmal etwas darüber gelesen. Sogar die ELTERN-Zeitschrift hat in der Ausgabe Dezember 2012 gefragt „Kann ein Baby selbst entscheiden, was es isst?“. Es geht darum, dass Babys selbst bestimmen, wie sie von der Flasche oder Brust entwöhnt werden. Ohne Brei und etwas langsamer, dafür gesünder, natürlicher und selbstbestimmter. Wie genau kann das funktionieren?

Gill Rapley, Hebamme, Stillberaterin und Mutter von drei Kindern, hat den Begriff des „Baby-Led Weaning“ geprägt. Wie sei selbst jedoch schreibt, hat sie nur dem einen Namen gegeben, was viele Eltern ganz natürlich mit ihren Kindern schon seit Generationen praktizieren: Das Kind ohne extra gekochten Brei an feste Nahrung heran führen. Auch Herbert Renz-Polster führt in seinem Buch „Kinder verstehen“ aus, dass Kinder evolutionär betrachtet schon immer das aßen, was auf dem mütterlichen Speiseplan stand – und zwar entweder mundgerecht zerlegt oder vorgekaut. Dies hatte auch den Vorteil, dass das Kind den Geschmack der Speisen bereits über die Muttermilch vermittelt bekommen hat. Auch Skelettfunde sollen die These der gröberen Beikost untermauern: Erst ab dem 17. Jahrhundert sind Kieferfehlstellungen zu beobachten durch die zunehmend weichere Babykost.

Sind Kinder dazu fähig, sich selbst mit passender Nahrung zu versorgen?

Baby-Led Weaning geht davon aus, dass Babys sich mit dem, was sie brauchen, in gewissem Sinne selbst versorgen können. Vorausgesetzt wird, dass das Angebot, das sie von ihren Eltern erhalten, gesund und ausgewogen ist. Wird ihnen eine Auswahl an gesunden Nahrungsmitteln täglich angeboten, wählen sie selbst, was sie gerade benötigen. Vielleicht gibt es Phasen, in denen sie immer wieder ganz bestimmte Nahrungsmittel bevorzugen weil sie es gerade für die Entwicklung benötigen. Über einen längeren Zeitraum zeigt sich jedoch, dass bei einer breiten Auswahlmöglichkeit über die Zeit eine gute und vollwertige Ernährung erfolgt.

Dabei können sie nicht nur selbst das Essen auswählen, sondern die Fähigkeiten des Kindes sind auch den körperlichen Möglichkeiten angepasst: Natürlich können sich die allerkleinsten mit 6 Monaten noch an Erbsen und Rosinen verschlucken. Doch da sie in diesem Alter noch nicht fähig sind, solche Lebensmittel mit dem Pinzettengriff aufzunehmen, geraten sie auch nicht in die Gefahr. Haben sie den Pinzettengriff dann erlernt, können sie auch kleinste Nahrungsmittel erkunden. Baby-Led Weaning geht demnach von einem Zusammenspiel der Fähigkeiten des  Babys aus: Nur was es auch wirklich kann, soll es machen.

Voraussetzungen für die selbstständige Nahrungsaufnahme

Damit das Baby also selbst isst, muss es bestimmte Voraussetzungen erfüllen. Nach Gill Rapley ist das geeignete Alter für den Beikoststart ohne Brei um den sechsten Monat herum – bei gesunden und zum normalen Geburtstermin geborenen Kindern ohne gesundheitlichen Einschränkungen. Kinder sollten (mit wenig Hilfe) sitzen und das Essen selbst zum Mund führen können. Denn es geht nicht nur einfach darum, dass das Baby feste statt breiiige Lebensmittel bekommt. Es soll vielmehr ganz selbstbestimmt das Essen vom Teller nehmen dürfen (sich dabei aussuchend, was genau es vom Teller nehmen möchte) und es selbst zum Mund führen und ganz nach Bedarf dieses Lebensmittel mit dem Mund erkunden und langsam verspeisen. Das langsame Erkunden ist dabei ganz besonders wichtig, denn Babys wissen ja noch nicht, dass Nahrung satt macht. Erst aus Freude am Erkunden nehmen sie die Lebensmittel in den Mund und lernen dann nach und nach, dass diese auch satt machen.

Auch Dr. Carlos Gonzalez titelt in seinem berühmten Buch „Mein Kind will nicht essen“: Die Lebensmittel müssen nicht püriert werden. Er erklärt nicht nur, dass Nahrungsmittel der Reihe nach nach ihrer Festigkeit dem Kind angeboten werden können, sondern geht auch auf einen wichtigen psychologischen Grund für die feste Beikost ein: Kinder, die gleich feste Nahrung erhalten, müssen nicht mehrfach entwöhnt werden. Die bis zu drei Entwöhnungphasen (von der Brust zur Flasche, von der Flasche zum Brei, vom Brei zur festen Kost) wären potentiell traumatische Lebensabschnitte (2008, S. 133).

Herbert Renz-Polster gibt auch bezüglich des festgelegten Alters von 6 Monaten eindeutig Entwarnung: Evolutionär betrachtet ist anzunehmen, dass Babys schon im ersten halben Jahr Nahrungsmittel von den Müttern erhalten haben. Dafür spricht, dass nicht nur im Speichel der Babys das Stärke spaltende Enzym Amylase vorhanden ist, sondern auch in der Muttermilch. Er führt aus: „Selbst von medizinischer Seite gibt es keine Hinweise, dass die frühe Einführung von kleinen Mengen an Beikost unter Beibehaltung des Stillens nachteilig wäre.“ (2010, S. 85). Selbst beim Zufüttern von glutenhaltigen Lebensmitteln – wovor an vielen Stellen immer wieder gewarnt wird – sei bei gleichzeitigem Weiterstillen die Entwicklung einer Glutenunverträglichkeit gering.

Alles braucht seine Zeit

Babys brauchen Zeit, um in Ruhe ein Nahrungsmittel zu erkunden: Wie fühlt es sich an, wie hart oder weich st es? Wie berühre ich es? Wie kann ich es am besten in den Mund stecken? Wie fühlt es sich im Mund an, wie zerdrücke ich es? An jedem Nahrungsmittel gibt es viel zu entdecken. Dass Nahrung so lange im Mund des Babys hin und her gewendet wird, hat ebenfalls Vorteile: Im Speichel sind bereits Verdauungsenzyme enthalten, die schon mit der Verwertung des Essens beginnen.

Und nicht nur jede Mahlzeit braucht ihre Zeit, sondern auch insgesamt verläuft die Entwicklung der Aufnahme der Nahrungsmittelmenge vielleicht langsamer als bei der Breikosteinführung. Auch dies ist jedoch ganz im Sinne des Kindes: Schließlich ist im ersten Lebensjahr das Hauptnahrungsmittel die (Mutter-)Milch. Rapley betont, dass die Menge der Milch zwischen dem 6. und 9. Lebensmonat ungefähr gleich bleibt und das feste Essen nur langsam dazu kommt und zunimmt. Erst ab dem 9. Monat nimmt langsam die Milchmenge ab und die Menge an festen Lebensmitteln zu. Dabei gibt es auch bei der Beikosteinführung wie in der gesamten kindlichen Entwicklung immer wieder stärkere Entwicklungsphasen, die sich mit kleinen Pausen abwechseln – auch beim Essen gibt es also Entwicklungsschübe.

Bedeutet Selbstbestimmtheit Sauerei und Frust?

Stellen wir uns nun also ein Baby vor, das die Nahrung selbst aufnehmen und zum Mund führen darf. Natürlich wird dabei nicht wenig von der Speise anfangs auch auf dem Fußboden landen. Auch in den Haaren, an der Kleidung und im Gesicht werden sicherlich einige Spuren zu finden sein. Auf dem Tisch sowieso, wenn dort mal etwas beim Versuch des Zugreifens zermanscht wird. Und das, was nicht schmeckt oder nicht mit dem Mund richtig zerkleinert wird, wird wahrscheinlich schnell wieder ausgespuckt. Dabei lernen die Babys etwas ganz wichtiges: Wie man Dinge, die im Mund sind und dort nicht sein sollen, wieder hinaus bekommt.

Und auch sonst ist es wohl nicht anstrengender als die bislang bekannte Breikosteinführung: Auch dabei landet Brei an anderen Stellen und was nicht schmeckt, wird wieder ausgeprustet. Erspart bleibt einem das schwierige Füttern und der Stress, den viele Eltern damit haben, wenn das Baby doch lieber den Löffel selber führen möchte. Auch das ungute Gefühl, wenn man aus Sorge, das Baby würde nicht genug essen, es mit Tricks zum Essen überreden möchte: Beim Baby Led-Weaning gibt es kein „Für Oma, für Opa, für Mama…“ und auch kein Flugzeug kommt mit Essen angeflogen. Und erst Recht wird nicht ein Ärmchen hinter dem Rücken der fütternden Person zurück gehalten, damit das Baby nicht zu viel zappelt oder einfach mitmacht mit eigenem Tempo. Es wird nicht extra gekocht und eingefroren und auch das Kaufen von Gläschen hat sich erübrigt. Keine Panik, wenn unterwegs kein Fläschchenwärmer aufzutreiben ist für den Mittagsbrei, denn die gekochte Kartoffel in der Tupperdose schmeckt auch kalt sehr gut. Und das Beste: Auch Eltern können endlich einmal am Tisch sitzen und selber essen. Richtige Familienmahlzeiten sind möglich. Nein, von mehr Stress ist beim Baby-Led Weaning nicht auszugehen.

Seit Sommer 2013 gibt es den passenden Workshop zum Thema in Berlin: Beikoststart ohne Brei – So lernt mein Baby selbstbestimmt und glücklich Essen.
Nächster Termin: 07.03.2015 11:00 bis 13:00 Uhr im Pikapé in Pankow.

Ganz neu gibt es das Weiterbildungsangebot für Fachpersonen, zusammen mit Hebamme Anja Gaca von Von guten Eltern: Elternberatung für Babyfreundliche Beikosteinführung
Nächster Termin: 11.04.2015 09:00 bis 17:00 Uhr im Hug & Grow in Tiergarten

Anmeldung und weitere Infos unter [email protected]

Weiterführende Literatur:

  • Gonzales, Carlos (2008): Mein Kind will nicht essen. Ein Löffelchen für Mama… Minden: La Leche Liga.
  • Rapley, Gill/Murkett, Tracey (2010): Baby-Led Weaning. The Essential Guide to Introducing Solid Foods and Helping Your Baby to Grow Up a Happy and Confident Eater. New York: The Experiment.
  • Renz-Polster, Herbert (2010): Kinder verstehen. Born to be wild: Wie die Evolution unsere Kinder prägt. München: Kösel.
  • Stern, Loretta/Gaca, Anja C. (2014): Das breifrei! Kochbuch. München: Kösel.

 

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4 Kommentare

  1. J. Jahns

    Ja, das geht – mein Sohn ist mittlerweile 3 Jahre alt und im Gegensatz zu anderen Kinder in seinem Alter liebt er immer noch Rohkost und isst überwiegend Obst und Gemüse. Da sich in meinem Umfeld niemand wirklich vorstellen konnte, ein Kind ohne Brei aufwachsen zu lassen, musste ich mich auch nur selten für meine unkonventionelle Erziehungsform rechtfertigen,

  2. SarahBS1982

    Wir machen (meinem Mann zuliebe) eine Mischform. Unser Sohn (8 Monate) bekommt zwar pürrierte Lebensmittel, er darf aber mit dem Löffel machen, was er will. Dran riechen? Mit der anderen Hand befühlen? Sich auf die Arme schmieren? Klecksen und malen? Erstaunlicherweise isst Jendrik inzwischen recht passabel. Den Löffel führt er zum Mund, es gibt kaum Sauerei. Manchmal möchte er, dass wir den Löffel führen, damit er in der Zeit mit seinen Füßen spielen kann. Er ist ein Genießer und isst meistens langsam und bedächtig.

    P.S.: wenn der Papa nicht da ist gibt’s Brötchen, Obst und Gemüse, Kartoffeln oder Nudeln (roh, , gekocht oder gedünstet) als Fingerfood ;).

    • Das hört sich doch auch schön an! Und vor allem geht es ja wirklich auch um Respekt, den man seinem Kind und der Nahrungsaufnahme gegenüber bringt. So dass das Baby wirklich selbst experimentieren kann und selbstbestimmt seine Erfahrungen macht.

  3. Hallo liebe Autorin, hallo liebe Muttis und Väter,
    toller Artikel 🙂
    Unser kleiner ist jetzt 6Monate und er greift seit zwei Monaten nach unsren Tellern, samt Essen und wir lassen ihn. Er spielt mit Tellern (siehe oben Bild vom Artikel 🙂 , mit Besteck und mit dem Essen. Ich bin nicht für Breichen und möchte ihn auch nach dem blw-Ansatz an die feste Nahrung sich rantasten lassen. Leider sitzt mein Mann mir immer in den Ohren, wenn unser Kleiner sich verschluckt. Dann mahnt er, ich solle ihm Brei geben, das Verschlucken liegt daran, dass das Essen fest ist. Oft ist es ein harmloses Verschlucken und er kann gut abhusten. Aber es waren jetzt mittlerweile auch schon drei Situationen, in denen ihm die Luft weg blieb und er nicht husten konnte. Wir haben ihn übers Knie gelegt, Kopf tiefer als der Po und dann sanft geklopft, bis es wieder geht. Hat sich euer Kind auch ab uns zu zum Fürchten verschluckt? Darf er frisches Brot (z.B. 4*4cm) allein zermatschen und essen? Wr haben ihm vorwiegend Obst, Gemüse (gedünstet und roh, z.B. Melonenstück, Gurkenscheibe, Zucchini) und Brot gegeben und was sonst noch so zur Mahlzeit auf dem Tisch stand und ich für geeignet hielt 🙂 Was habt ihr noch für Tipps für fingerfood, und dessen Größe und Konsistenz?
    Liebe Grüße und danke für eure Antworten 🙂

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