Lesenkönnen verändert die Welt von Kindern und Eltern

„Mama, was heißt HURE?“ Ich laufe mit meinem Kind durch die Berliner Straßen. Wir sind schon viele Male hier entlang gelaufen, kennen die schmutzigen Ecken, die niedlichen Cafés, die schönen Spielplätze. Und dennoch entdeckt mein Kind die Geburtsstadt nun neu, denn es kann lesen. Es liest Straßennamen vor, Schilder an Läden, groß geschriebene Titel auf Zeitungsaufstellern – und Wörter an Häuserwänden. Es ist, als ob mein Kind in eine ganz neue Welt eintaucht, eine andere Welt kennenlernt. Eine Welt von Worten, von Nachrichten, die ich ihm bisher vorenthalten konnte. Aber mit dem Beginn des Lesens ändert sich alles.

Es gibt immer wieder Entwicklungsphasen in der Kindheit. Auch nach dem ersten Lebensjahr, das ja so gerne in einzelne Phasen und Meilensteine eingeteilt wird. Doch mit dem ersten Geburtstag sind diese Meilensteine lange nicht abgeschlossen. Ich glaube sogar, dass sie im ganzen Leben nicht abgeschlossen sind. Einer der großen Meilensteine in der Kindheit ist das Lesenlernen, denn es macht eine neue Welt zugänglich.

Wir Eltern erfreuten uns viele Jahre lang daran, dass wir unsere Geheimnisse vor dem Kind buchstabieren konnten und es nicht merkte, worüber wir sprachen: „E-I-S“ ist ein solches Beispiel oder auch „S-C-H-O-K-O-L-A-D-E“. Das Buchstabieren wurde am Wochenende genutzt, wenn wir besprechen wollten, was wir als Sonntagssüßigkeit planen wollten. Heute geht es nicht mehr. Als wir kürzlich den Namen einer Eisdiele buchstabierten, wurde das Vorhaben in kurzer Zeit durchschaut. Einkaufszettel werden gelesen und mit eigenen Worten ergänzt. Nachrichten auf dem Handy werden entziffert und eben auch die Dinge, vor denen ich die Augen meines Kindes gerne noch verschlossen gehalten hätte: Schimpfwörter, Beleidigungen, hetzerische Parolen, Nachrichten.

Das Lesenlernen ist weitaus mehr als nur die Fähigkeit, Schriftzeichen zu entziffern. Es führt das Kind an andere Orte. Bücher können gelesen werden und bieten die Möglichkeit, in andere Welten einzutauchen. Ich erinnere mich an die Sommer meiner Kindheit, in denen ich so viele geliebte Bücher las und darin versank. Doch es kommen auch Wörter und Sätze unter die Augen, die keine Freude bereiten, die ängstigen können, die Fragen aufwerfen: Tod, Mord, Krieg, Hass, Parolen an Häuserwänden, Schimpfwörter. Wir gehen durch die Straßen und mein Kind stellt mir Fragen, die ich schwer beantworten kann.

Mit dem Lesen ändert sich so viel im Leben eines Kindes. Es ist mehr als nur eine Fähigkeit, eine Tätigkeit, die irgendwie in der Schule bewertet wird. Es ist ein großer Entwicklungsschub, der dabei passiert: Durch das reine Können, aber vor allem auch durch die Bewältigung dessen, was nun gelesen werden kann. Mein Kind muss nun lernen, zu entscheiden, was es lesen möchte. Was es wert ist, gelesen zu werden. Es muss lernen, damit umzugehen, welche Wörter um es herum allgegenwärtig sind und dass die Welt tatsächlich auch aus diesen Wörtern besteht, die es nun erfährt.

Ich als Mutter muss mich mit dieser anderen Art der Auseinandersetzung mit der Welt vertraut machen, muss Antworten finden auf all die Fragen, muss beschwichtigen können und verstehen. Ich muss präsent sein und auf Dinge achten, die ich vorher nicht mehr wahrnahm. Ich bin da und begleite diesen neuen Weg der Wissensaneignung. Auch meine Augen werden durch mein Kind neu geöffnet für das, was um uns herum geschrieben steht. Und so bin ich trotz dieser Herausforderung auch dankbar dafür, dass ich durch mein Kind achtsamer durch die Straßen gehe. – Auch wenn mir noch viele Antworten fehlen auf die großen Wörter, die uns umgeben.

Eure
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  • wenkeboenisch

    Lesen ist nur ein kleiner Teil der Literacy, die schon weit vor dem eigentlichen Lesenlernen beginnen. So fangen Kinder ab Kindergartenalter an, bewußt wahrzunehmen, daß diese Schriftzeichen aka Buchstaben das Tor zu einer neuen Welt sind. Sie ahmen Schreiben nach, sie „lesen vor“, repetieren gehörte Geschichten. Sie fragen nach, was steht dort. Da liegt der Grundstein, das Urinteresse fürs Schreiben und Lesen. Wenn man dort ihre Begeisterung wahrnimmt, ihnen den Freiraum für Entdeckungen gibt, dann öffnet sich die Tür leicht.
    Natürlich ist dann der Meilenstein auch für Eltern gesetzt, daß Kinder jetzt Zugang auch zu Schriftinformationen haben. Hier steckt der Balanceakt zwischen Vertrauen und Begleiten: was liest mein Kind? Welche Bücher, Zeitschriften. Flyer nimmt es in die Hand? Was nimmt es auf Tablet/Smartphone wahr? Es ist auch hier wieder die Aufgabe der Eltern, den Punkt des Loslassen nicht zu übergehen.

  • Annekathrin

    Lustig, unsere Eltern Sprachen immer Russisch, wenn sie etwas miteinander besprechen wollten, was nicht für unsere Ohren bestimmt war. Das ging so lange gut, bis wir Kinder diese Fremdsprache auch lernten 😉