Warum ich mich nicht nur für meine Hebamme einsetze. – Sondern für mich.

Geburt

Es geht ein Aufruhr durch Facebook, Twitter und Co., Zeitungen und Fernsehsendungen berichten davon: Am 13.02.2014 ließ der Deutsche Hebammen Verband e.V. verlauten, dass der Berufsstand der Hebammen durch den Einbruch des Versicherungsmarktes bedroht ist.  Ab Sommer 2015 gibt es keine Haftpflichtversicherungsmöglichkeiten mehr für freiberufliche Hebammen. Ohne diese kann freiberufliche Hebammenarbeit nicht mehr durchgeführt werden, da ohne Haftpflichtversicherung keine Geburten zu Hause, im Geburtshaus oder als Beleggeburten in Krankenhäusern möglich sind. Zahlreiche Initiativen haben sich gebildet, um Politikern und Gesellschaft zu zeigen: Wir benötigen freie Hebammen. Immer wieder ließt man: Setzt Euch ein für Eure Hebamme! Doch dieser Aufruf ist falsch. Es geht nicht darum, sich für einen Berufsstand einzusetzen, sondern es sollte heißen: Frauen, setzt Euch ein für Euer Recht auf eine freie und selbstbestimmte Geburt. Es ist kein Hebammenprotest, sondern ein Frauenprotest!

Zu den gesetzlichen Rahmenbedingungen

Hebammen müssen bei Geburten dabei sein. Sie sind die Fachfrauen für die Geburtsarbeit, nicht die Ärzte. So regelt es dasHebammengesetz, in dem es heißt:

§ 4
(1) Zur Leistung von Geburtshilfe sind, abgesehen von Notfällen, außer Ärztinnen und Ärzten nur Personen mit einer Erlaubnis zur Führung der Berufsbezeichnung „Hebamme” oder „Entbindungspfleger” sowie Dienstleistungserbringer im Sinne des § 1 Abs. 2 berechtigt. Die Ärztin und der Arzt sind verpflichtet, dafür Sorge zu tragen, daß bei einer Entbindung eine Hebamme oder ein Entbindungspfleger zugezogen wird.
(2) Geburtshilfe im Sinne des Absatzes 1 umfaßt Überwachung des Geburtsvorgangs von Beginn der Wehen an, Hilfe bei der Geburt und Überwachung des Wochenbettverlaufs.

Nach diesem Gesetz darf sogar ein Arzt nur im Notfall eine Geburt ohne Hebamme durchführen. Bei Geburten in Krankenhäusern muss zwar ein Arzt zur Geburt anwesend sein, aber begleitet und geleitet wird sie durch die Hebamme.
Durch die steigenden Haftpflichtversicherungen sind nun aber die Arbeit der Hebammen in Gefahr, d.h. derjenigen, die Hausgeburten, Geburtshausgeburten und Beleggeburten begleiten. Auch die Vor- und Nachsorgetätigkeit ist betroffen, auch wenn hierfür die Versicherungskosten bislang nicht so stark angestiegen sind, wie es bei der außerklinischen Geburtshilfe der Fall war. Nun könnte man sagen, dass Hebammen ja weiterhin durch das gesetzliche Recht dabei sein müssen – nur eben im Krankenhaus und dass Geburten dann eben im Krankenhaus stattfinden müssen. Doch was bedeutet das für Geburten?

Die pathologisierte Geburt

Geburt ist ein normaler Vorgang, an dem es zunächst nichts Pathologisches gibt. Gibt es keine schwerwiegenden Vorerkrankungen, steht einer normalen Geburt nichts im Wege. So kommt es auch, dass Geburten traditionell von Hebammen begleitet werden und eben auch nicht unbedingt in Krankenhäusern stattfanden. Dass Geburten zunehmend jedoch in Krankenhäuser verlegt wurden, ist eine gesellschaftliche Entwicklung durch Einwirken der Pharma-, Medizinprodukte- und Ärztelobby. Geburt wurde in den vergangenen Jahrhunderten zunehmend pathologisiert. Es wurden Ängste geschürt, um Frauen dazu zu bewegen, Geburten in Krankenhäuser zu verlegen. Begründet wurde dies oft mit mehr Sicherheit für Frau und Kind. Betrachtet man allerdings die Datenlage, stimmt dies nicht. Die Einführung von Medizinprodukten führte in vielen Fällen zu einer Verschlechterung der Gebärsituationen: Das neu eingeführte CTG führte zu einer vermehrten Anzahl von Kaiserschnittgeburten, da dessen Angaben falsch interpretiert wurden: Naturgemäß sinken die Herztöne unter der Geburt durch die Wehen, was allein noch keine Indikation für einen Kaiserschnitt ist. Da aber für das CTG oft das Liegen im Bett erforderlich ist (und das CTG auch lange läuft, wenn Daten falsch interpretiert werden), kann sich das Kind aber womöglich nicht richtig im Becken einstellen. Auch sind die Wehen schmerzhafter. Um den Schmerz zu mindern, gibt es die PDA, die wiederum zahlreiche Nebenwirkungen haben kann und den Geburtsverlauf negativ beeinflusst. Da die Geburt hierdurch in die Länge gezogen wird, werden wiederum Wehenmittel zur Anregung verabreicht, die stärkere Kontraktionen hervor rufen und den Blutzufluss zum Kind stärker beeinträchtigen können. Auf diese Weise erhöht sich die Kaiserschnittrate, die in den letzten 10 Jahren um 10 Prozent auf derzeit ca. 30 Prozent angestiegen ist.

Es ist ein pathologisierter Kreislauf, der aus Kostengründen aufrechterhalten wird: Ein CTG wird angeschlossen und zeichnet Daten auf. Die Anwesenheit der Hebamme bzw. das Abhören mit einem Hörrohr ist nicht notwendig, die Hebamme kann mehrere Personen gleichzeitig betreuen. In Bezug auf die Haftpflichtversicherungen gibt es zudem einen wichtigen anderen Aspekt zu betrachten: Die Müttersterblichkeit ist durch die Kaiserschnittraten gestiegen. Doch kostenintensiver in Hinblick auf die Versicherung ist ein Kind, das durch die Geburt beeinträchtigt wurde, weshalb für Krankenhäuser der Kaiserschnitt „die sicherere“ Wahl ist. Geburten in Krankenhäusern sind statisch nachweisbar häufiger mit Eingriffen begleitet: Vom Wehenmittel über Dammschnitt bis zum Kaiserschnitt. Selbstbestimmte Geburt ist im Krankenhaus schwer möglich.

Das Recht auf eine freie Geburt

Führt man sich all dies vor Augen, wird klar: Hier stehen andere Interessen als die der Gebärenden im Vordergrund. Die freie Hebamme, die nicht den Klinikinteressen unterliegt, kann im Sinne und zum Wohl der Frau arbeiten. Natürlich wollen das auch Klinikhebammen, doch sind die Rahmenbedingungen für sie erschwerend und in gewissem Umfang müssen sie sich den Klinikregeln unterwerfen. Freie Hebammenarbeit ist deswegen wichtig, damit Frauen nicht diesem System unterworfen werden.

Dennoch ist es nicht der Kampf um die freien Hebammen, den wir austragen müssen. Sie sind Begleiterinnen auf dem Weg. Sie stehen uns mit ihrem Wissen und ihrer Kompetenz zur Seiten und helfen durch die Wehen. Gebären aber tun wir alleine unsere Kinder. Wenn wir sagen, dass wir ohne Hebammen nicht gebären können (Slogan: „Ohne Hebis keine Babys!“) ist das schlichtweg falsch. Und idealerweise ist das erste Gesicht nicht das der Hebamme, sondern das der Gebärenden. Wenn wir sagen, dass wir Geburten nur durch Hebammen bewerkstelligen, geben wir das Vertrauen in unsere Gebärfähigkeit ab. Aber genau das ist es, was wir brauchen für Geburten – ob im Krankenhaus oder anderswo. Wir müssen wieder dorthin gelangen, dass Geburt als normaler, nicht pathologisierter Vorgang betrachtet wird. Dass wir selber davon überzeugt sind! Wir müssen für unser eigenes Recht kämpfen, nicht für das eines Berufsstandes. Wir müssen in der Gesellschaft für ein Umdenken sorgen, dass sich nicht nur auf das Vorhandensein von helfenden Händen stützt. Natürlich sind diese Hände wichtig und wir müssen sie jetzt unterstützen, aber insgesamt ist es unser eigener Protest.

Jetzt ist der Moment, gesamtgesellschaftlich aktiv zu werden und eine Kehrtwende in Hinblick auf Frausein und Geburt zu vollziehen. Für uns, für unsere Kinder und für alle Gebärenden nach uns – und dabei auch für die Hebammen.

  • Yvonne

    Sehr guter Beitrag, vielen Dank!

  • Pingback: Wochenrückblick KW 7 / 2014 | In einem kleinen Apfel...()

  • The Yasmine

    Ganz genau!!!!

  • Anja

    Auch bei Kaiserschnitt ist eine Hebamme unverzichtbar! Sie kümmert sich vorher, währenddessen und nachher um die Gebärende. Ich hatte 5 Kaiserschnitte und hätte nicht auf meine Hebamme verzichten können.

  • Ehrlichgesagt

    JAAA!!!

  • Rym

    Vielen Dank für den Artikel, ALLERDINGS ist eine Korrektur notwendig: Im Krankenhaus MUSS KEIN Arzt bei der Geburt dabei sein!

    • lilysu

      Danke für den Hinweis. In den Krankenhäusern, in denen ich Geburten hospitiert habe, musste immer ein Arzt zur Geburt dazu kommen. Vielleicht war das ja eine interne Regelung.

  • Lydia Decker

    Ich habe meine beiden ersten Kinder nur mit Hebamme bekommen.Mit 16 und 18.Es war für mich das Beste was mir passieren konnte.Durch das Vertrauen zu meiner Hebamme hatte ich keine Angst.Es ist gut gegangen.

  • Nono

    Da man in Deutschland als Schwangere immer wie eine Kranke behandelt wird, sind Hebammen, die mit Leidenschaft den Beruf ausüben das wichtigste was man für Schwangerschaft, Geburt und Nachsorge braucht !!!!!!!

  • Bine

    Bei meinem Notkaìserschnitt war ich froh sie an meiner Seite zu haben, auch bei den 2 normalen Geburten war ich froh meine Hebamme an meiner Seite zu haben und auch bei der Vor- und Nachsorge war sie unverzichtbar! ♡

  • Pingback: Mütter, macht mobil! | Groß-Stadt-Ansichten()

  • Minzi

    meine zwei Hausgeburten waren das Schönste, was ich je erlebt habe. Habe nur kein drittes Kind bekommen, weil meine Hebamme aus o.g. Gründen aufgehört hat.

  • S.

    ich habe die gleichen Erfahrungen wie Bine gemacht: zwei Geburten mit Hebamme, ein Notkaiserschnitt nach Autounfall (für den eigentlichen Geburtstermin acht Wochen später war eine Hausgeburt geplant) – nie ohne Hebamme!

  • Sonja Spörhase Genannt Ahlborn

    Auch meine beiden Hausgeburten waren wundervolle Erfahrungen, die ohne meine beiden Hebammen nie auf diese Weise stattgefunden hätten. Es muss weiterhin freiberuflich arbeitende Hebammen für uns Frauen geben! Und nicht zu vergessen, die großartigen Geburtshäuser, wo man als Schwangere und junge Mutter rundum versorgt wird in Form von Vorsorgen, Kursen, Rückbildungsgymnastik usw. Absolut unverzichtbar meiner Meinung nach!

  • Vielen Dank.

    So ist es, es geht vor allem darum, Frauen ihr Selbstbestimmungsrecht zu ermöglichen. Eine gute Hebamme greift während einer Geburt so gut wie gar nicht ein. Beim ersten Kind hat mich das noch irritiert, aber bei den nächsten Geburten war es auch so. Ich habe meine Kinder zur Welt gebracht. Auf meine Weise und mit Personen um mich herum, die mich kennen.

  • Hannah

    So ist es! Ich möchte Kinder und für mich wäre es ein Albtraum im Krankenhaus zwischen dem Schichtwechsel der Hebammen gebären zu müssen. Aber wie kann ich mich für die Rechte der Hebammen einsetzen? Das wäre wichtig zu wissen!

  • Erika Wolfertz

    Hebammen sind vor, während und nach der Geburt so wichtig wie die richtige Versorgung von Mutter und Kind. Sie haben sich für diesen Beruf entschieden und führen ihn mit Leidenschaft aus. Warum erschwert man diesen Menschen das Ausführen ?

  • emilia

    So eine Frechheit! Dabei gibt’s jetzt schon viel zu wenig Hebammen. Und den wenigen jetzt noch Steine in den Weg legen.

  • Pingback: Was wir längerfristig tun können, um das Vertrauen in die Gebärfähigkeit zu stärken | Geborgen Wachsen()

  • Pingback: Natürliches Baby » Das geht uns alle etwas an!()

  • Pingback: Hebammen? Brauchen wir nicht… | Einfach klein()

  • Luise

    Es muss immer frei Hebammen geben!!!
    In Holland musst du zu Hause gebären eine Geburt im Krankenhaus ist nur dann möglich wenn es Komplikationen gibt,wäre bei un auch möglich und ich wäre auch dafür!!!

    • Nömchen

      In Holland MUSS man nicht zu Hause gebären. Gibt es aber keine medizinische Indikation für eine Entbindung im Krankenhaus, bezahlt man einen Teil der Entbindung selbst. Ich lebe in Holland, habe mich aber bewusst für eine Geburt im Krankenhaus entschieden. Meine betreuende Hebamme kam ins Krankenhaus zur Geburt, ein Arzt aus dem Haus war auch anwesend. Meine Hebamme kannte mich schon von den Vorsorgen, die auch bei komplikationslosen Schwangerschaften durch die Hebamme (und nicht wie in Deutschland vom Gynäkologen/gin) durchgeführt wurden. Hier in Holland wird eine Schwangere nicht wie eine Kranke behandelt. Wobei ich mich immer gefreut habe, wenn mir jemand in U-Bahn, Bus oder so einen Platz angeboten hat, auch wenn ich fand, dass ich es nicht nötig hatte. Mir ging/geht es ja gut, auch mit Bauch…

  • Gaby

    Kinderkriegen ist keine Krankheit. Die öffentliche Meinung hat sich aber an die „Normalität“ gewöhnt, den Frauen das Gebären lieber nicht zuzutrauen und zu suggerieren, du gefährdest vorsätzlich dein Kind, wenn du dich nicht dem Medizinapparat aussetzen willst. Und jetzt sollen Frauen also demnächst nicht mal mehr die Wahl haben! Hallo – was können wir tun, um das zu verhindern?

  • Pingback: Geborgen Wachsen | HypnoBirthing & Psychologische Beratung in Bonn()

  • Hebammen haben sich lang vor den Ärzten um die Frauen gekümmert und das oft nicht nur in der Zeit der Schwangerschaft. Sie haben den Beruf des Frauenarztes erfunden! Sie hatte nie die große Technik nötig und wenn wir realistische Berichte aus vergangener Zeit lesen gab es damals für die damaligen Lebensumstände die gleiche Menge an Komplikationen wie heute. Sie haben sich nur durch den Technischen Standard verändert und die eine oder andere von unseren heutigen Geburtskatastrophen wurde erst durch die Technik erzeugt!

    Hebammen Ihr seid Die Richtigen!
    Hebammen wehrt Euch!

    Wir leben im 21. Jahrhundert ja richtig und hier sagen uns die Bürokraten der Krankenkassen wie wir einen Menschen zu behandeln haben! Sind sie Hebammen; Ärzte und Krankenschwestern?

    Nein sie haben nur besser rechnen gelernt!

  • rasa321

    Mich macht es unglaublich traurig zu sehen, wie unsere Hebammen verdrängt werden. Wir haben unser erstes Kind mit Beleghebamme bekommen und ich bin gerade wieder schwanger und merke wie verunsichert die Hebammen alle sind. Es geht hier schließlich um deren Existenz.

    Wer wird eine Vorsorge, Geburt und Nachsorge leisten, wenn keine Hebamme mehr praktizieren kann? Die Ärzte? Die sind momentan schon überlastet, ich glaube nicht, dass hier weder Hebammen, Schwangeren und Wöchnerinnen noch dem Rest dieser endlosen Kette geholfen ist.

    Und was man nicht außer Acht lassen darf, die Versicherungen betrifft auch die Hebammen in Festanstellung in Krankenhäusern. Schaut hier: http://www.hebammenblog.de/hebammenprotest-elternprotest-was-du-tun-kannst/
    Ist das unsere Zukunft?

    Ich fordere Krankenkassen, die Regierung dazu auf sich mit dem Thema endlich zu beschäftigen.

  • Natascha Vomberg

    Liebe werdende Mütter lasst Euch nicht ins „Bockshorn“ jagen. Wenn eine Schwangerschaft gesund für Mutter und Kind verläuft und es auch keine anderen negativen Begleitumstände gibt (Rhesusfaktorunverträglichkeit), gebärt Eure Kinder da, wo Ihr Euch am Wohlsten fühlt. Ins Krankenhaus muss nur, wer Gefahr läuft lebensbedrohliche Komplikationen zu erfahren. Das mag bei einer Vielzahl Schwangerer der Fall sein (in früheren Jahrhunderten starben mehr Frauen im Kindbett, als Männer auf dem Schlachtfeld), aber das ist heute zumindest in Westeuropa nicht mehr der Fall.