Tag: 24. Mai 2021

Was es bedeutet, „gut genug“ als Elternteil zu sein

Der Anspruch an Eltern, dass sie „perfekte Eltern“ sein müssten, ist nicht nur unrealistisch, sondern auch nicht sinnvoll. Dennoch haben viele Eltern das Gefühl, dass sie jederzeit pädagogische richtige Entscheidungen treffen, gute Spielpartner*innen und stets bei guter Laune sein müssten. Der Druck unserer Gesellschaft, alles richtig machen zu müssen, ist groß und oft werden Verhaltensweisen des Kindes, die dem kindlichen Temperament entspringen, zu Unrecht dem elterlichen Verhalten angelastet, was diesen Druck noch erhöht: Dein Kind benimmt sich „unartig“ in der Öffentlichkeit, dann hast du etwas in der Erziehung falsch gemacht! Dein Kind ist schüchtern, dann hast du etwas falsch gemacht! Dein Kind ist extrovertiert, dann hast du etwas falsch gemacht! – Erwartungen an angepasstes, durchschnittliches Verhalten von Kindern setzen Eltern an vielen Stellen unter Druck und stärken das Gefühl, Fehler zu machen.

Auch Fehler sind wichtig

Schon der britische Kinderpsychoanalytiker Donald W. Winnicott beschrieb (im Weltbild der damaligen Zeit auf Mütter bezogen), dass Babys keine „too good mothers“ benötigen, sondern vielmehr „good enough mothers“. Damit meinte er, dass es mit zunehmenden Alter der Babys immer wichtiger wird, dass diese auch ein gewisses Maß an Unzufriedenheit erleben, indem die Mütter beispielsweise im Laufe der Zeit weniger prompt auf das Quengeln des Babys reagieren, damit die Kinder einerseits Raum haben für die Ausbildung von Selbstregulation, aber auch dass Bedürfnisse etwas aufgeschoben werden können. Reagieren die Bezugspersonen beispielsweise im Spiel nicht sofort auf das Quengeln des Babys, weil dieses ein Spielzeug nicht erreichen kann, versucht das Baby vielleicht, dieses durch Bewegung selbst zu erreichen und ist glücklich und erlebt sich als selbstwirksam, wenn es das Ziel selbständig erreicht. Schafft es das nicht, wird das Baby deutlichere Signale zeigen, auf die die Bezugsperson dann reagieren kann. Wird jedoch immer gleich eingegriffen, wenn das Baby leiseste Anzeichen des Unbehagens zeigt und es gibt für die Selbständigkeit keinen Raum, erhält es nicht die Möglichkeit, sich selbst kennenzulernen, Fähigkeiten auszubauen und Selbstwirksamkeit zu entwickeln. Es ist also gut, wenn wir diesen Perfektionsanspruch, immer sofort zur Stelle zu sein, nicht erfüllen.

Die Grundmelodie ist entscheidend

Was bedeutet es nun aber, Kinder „gut genug“ zu begleiten? Nicht nur Winnicott hat sich mit dieser Thematik beschäftigt, sondern auch nach ihm war dies immer wieder Thema wissenschaftlicher Forschung und Theoriebildung. Auch Bert Powell, Glen Cooper, Kent Hoffman und Bob Marvin, die das Konzept des „Kreis der Sicherheit“ entwickelt haben, haben sich damit beschäftigt, was es bedeutet „gut genug“ zu sein. Sie erklären, dass es für Babys und Kleinkinder wichtig ist, dass sie ein grundlegendes Vertrauen haben in ihre Eltern. Als Eltern können wir manchmal nicht die Bedürfnisse eines Kindes (sofort) erfüllen oder übersehen Signale. Manchmal sind wir zu müde, erschöpft, haben schlechte Laune, sind gestresst. Das Kind sollte aber das Gefühl verinnerlicht haben, dass es seine Bedürfnisse frei ausdrücken kann und sie normalerweise wahrscheinlich erfüllt werden, weil die Bezugsperson sie als „normal und akzeptabel“ ansieht. Sind wir gerade nicht in der Lage, ein solches geäußertes Bedürfnis zu beantworten und lehnen es ab, weiß das Kind aber durch vorangegangene Erfahrungen, dass die Bezugsperson, auch wenn sie jetzt gerade ablehnend/gestresst/erschöpft ist, später wieder zugewandt und bedürfnisorientiert sein wird und darum bemüht ist, die Situation wieder auszugleichen.

Auch aus Bindungssicht müssen Eltern nicht perfekt und unfehlbar sein. Aber es ist wichtig, dass wir insgesamt über die Zeit hinweg und in der Mehrheit der Situationen unseren Kindern vermitteln, dass sie von uns geliebt und respektiert werden und wir sie als ihre vertrauensvollen Bezugspersonen schützen und unterstützen.

Susanne Mierau (2021): Frei und unverbogen S.177

Es ist also nicht wichtig, dass wir jederzeit perfekt reagieren, sondern dass wir dem Kind ein Grundgefühl dafür mitgeben, dass es generell gesehen wird, dass wir es verstehen und versuchen, angemessen zu begleiten – und dass wir, wenn wir mal anders handeln, gut mit Konflikten und Fehlern umgehen, so dass das Kind sicher sein kann, dass unsere andere, zugewandte Art immer wieder zurückkommt.

„Gut genug“ meint daher nicht ganz bestimmte, konkrete Handlungen oder eine Art Lockerheit, das Leben zu betrachten oder mit der Umwelt zu interagieren. Es beschreibt nicht, was wir einkaufen oder als Spielmaterialien zur Verfügung stellen, sondern vielmehr die Grundlage unseres Handelns, immer wieder zur Bedürfnisorientierung zurückzukommen, auch wenn es mal schwierige Momente, Phasen, Zeiten gibt..

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de

Weiterführende Literatur:
Mierau, Susanne (2021): Frei und unverbogen. Kinder ohne Druck begleiten und bedingungslos annehmen. – Weinheim: Beltz.
Powell, Bert/Cooper, Glen/Hoffman, Kent/Marvin, Bob (2015): Der Kreis der Sicherheit. Die klinische Nutzung der Bindungstheorie. – Lichtenau: Probst Verlag.
Ustorf, Anne-Ev (2012): Allererste Liebe: Wie Babys Glück und Gesundheit lernen. – Stuttgart: Klett-Cotta.
Winnicott, Donald w. (1999): Kind, Familie und Umwelt. – München: Reinhardt.