Tag: 17. August 2020

„Nein! Nicht anfassen!“ – Warum das oft nicht funktioniert und wie es besser geht

Noch eben rufen wir „Nein!“ und „Nicht anfassen!“ und zack – da wurde dann doch angefasst und irgendwas ist heruntergefallen, umgefallen oder steckt irgendwo, wo es nicht stecken soll. Denn ganz so einfach ist es noch nicht mit der Impulskontrolle bei einem Baby oder Kleinkind. Warum nur kann das Kind nicht hören? Oder besser gesagt: Warum hört es nicht auf die Ermahnung? Denn schließlich ist das „Nein“ doch ein Wort, dass das Kind vielleicht schon selber nutzt?

Hören kann es aber in den meisten Fällen ganz gut. Es kann nur eben nicht so richtig umsetzen, was wir da einfordern. Denn während wie Erwachsenen ziemlich klar verstehen, was das „nicht anfassen“ bedeutet, läuft im Kopf eines kleinen Kindes eine andere Geschichte: Sozialwissenschaftlerin Anette Prehn erklärt in ihrem Buch „Hirnzellen lieben blinde Kuh“, dass Kleinkinder das Wort „nicht“ in unseren Aufforderungen einfach noch nicht verstehen – sie filtern es heraus und bei ihnen kommt nur an „anfassen!“ – Oje.

Jedes Mal, wenn wir also abstrakte Formulierungen wie „nicht“, „lass das sein“ oder „hör auf damit“ benutzen, wird die Aufmerksamkeit des Kindes auf die konkreten und aussagekräftigen Wörter in unserem Satz gelenkt. […] Ein Kind hört also nicht die abstrakten Elemente des Satzes. Darum wird der Satz „Du darfst nicht schlagen!“ so verstanden: „Du darfst … schlagen!“

Anette Prehn „Hirnzellen lieben blinde Kuh“, S. 29f.

Und auch ein einfaches „Nein“ nutzt sich ziemlich schnell im Alltag mit einem Kleinkind ab, wenn die Welt scheinbar nur noch aus Neins besteht und sie für das Kind auch nicht in einem sinnvollen Zusammenhang stehen. Achten wir in unserem Alltag einmal darauf, wie oft wir das Wort „Nein“ mit unseren Kindern und für unsere Kinder benutzen. Verwenden wir es häufig, sollten wir uns vorstellen, wie sich die Welt für unser Kind darstellt durch diese vielen Neins: Was darf es alles nicht? Wie sieht so ein Alltag aus in einer Umgebung, in der das Kind kaum anecken kann? Und wo wird ihm auch dadurch die Chance genommen, Erfahrungen zu machen und sich mit der Welt auseinander zu setzen? Eine Ja-Umgebung hat viele Vorteile – für unsere Kinder und sogar für uns Eltern.

Was also können wir stattdessen tun? Wenn wir sehen, dass das Kind etwas Interessantes wahrnimmt und berühren möchte, was es nicht darf, sollten wir einschreiten – aber auf respektvolle Weise: Wir sagen Nein, nehmen es hoch und entfernen uns, wenn es etwas Gefährliches ist. Dabei können wir kurz erklären, warum. Wenn es nicht so gefährlich ist, können wir mit dem Kind zusammen die Sache näher ansehen und erklären, warum es beispielsweise nicht berührt werden darf: „Das ist zerbrechlich!“, „Schau, dieses Glas ist ganz dünn.“, „Das geht schnell kaputt.“. Wir sind in Verbindung, in Beziehung. Und so erklären wir Kindern die Welt.

Und wenn wir das Kind nicht sofort von dem Gegenstand entfernen müssen, können wir eine Sprache ohne zu komplizierte, abstrakte Inhalte nutzen: „Komm zu mir.“, „Bleib bitte kurz stehen.“, „Warte auf mich. Wir machen das zusammen.“ Mit einigen Überlegungen finden wir ganz sicher Sätze, die wir im Alltag statt des „Nein!“ und „Nicht!“ nutzen können.

Unsere Kinder entdecken jetzt gerade die Welt. Mit all dem, was dazu gehört. Das ist nicht einfach: Nicht einfach für sie, aber auch nicht immer einfach für uns. Mit einigen kleinen Kniffen können wir es jedoch für uns alle ein wenig einfacher und entspannter machen. Zum Beispiel mit weniger „Nein“s und „Nicht“s.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.