Eigenverantwortung der Kinder

Sowohl Wurzeln (= Sicherheit, Nähe, sicherer Hafen bei den Bezugspersonen) als auch Flügel (= Selbständigkeit, Exploration, Entdecken) sind für die kindliche Entwicklung wichtig und Kinder bewegen sich jeden Tag zwischen diesen beiden Punkten auf einem Kreis umher: Aus der Nähe brechen sie zur Entdeckung auf, um dann wieder zurück zu kommen und das Gefühl der Sicherheit aufzutanken, um erneut aufzubrechen. Mit der Zeit werden die Strecken der Selbständigkeit länger, die Distanz wird größer. Es ist wichtig, dass wir als Eltern genau das zulassen. Und es ist wichtig, dass wir Verantwortung und Zuständigkeit loslassen, damit das Kind sich selbst als wirksam und wichtig im Handeln erfährt.

Eigenständigkeit zulassen ist oft nicht einfach

Für viele Eltern ist es nicht leicht, die Eigenständigkeit des Kindes zuzulassen: aus Angst vor vermeintlich negativen Folgen (das Kind könnte sich verletzten, negative Erfahrungen machen, etwas falsch machen, was Stress für einen selbst bedeutet) oder aus dem Gedanken heraus, als Erwachsene alles unter Kontrolle haben zu müssen und selber die „Zügel des Alltags“ in der Hand halten zu müssen: Kindern Eigenverantwortlichkeit zu überlassen, bedeutet auch, sich vom klassischen Erziehungsbild mit der mächtigen Erwachsenenposition abzuwenden und sich einer eher demokratischen Familienstruktur zuzuwenden, in der die Wünsche und Bedürfnisse der einzelnen Familienmitglieder als gleich bedeutend angesehen werden.

Eigenverantwortung übernehmen, ist von Vorteil für Kinder

Eigenverantwortung ist – bei allen Vorbehalten von Erwachsenen – jedoch für die kindliche Entwicklung von großer Bedeutung: Wenn Kinder die Erfahrung machen dürfen, Dinge wirklich selbst zu entscheiden, fühlen sie sich selbst wirksam, das eigene Handeln hat einen Sinn und sie lernen nachhaltig daraus. Dies ist ein wichtiger Aspekt für die Ausbildung von Resilienz und ihr eigenes Selbstbild: Ich bin nicht passiv, ich entscheide mit. Meine Stimme hat Gewicht und ich bin ein wirksamer Teil der Gemeinschaft.

Das bedeutet nicht, dass Kinder alles immer und zu jeder Zeit selbst entscheiden können und müssen und sie in ihren Handlungen allein gelassen werden. Eigenverantwortung bedeutet nicht Laisser-faire. Es bedeutet vielmehr, dass wir unseren Blick genau auf die Kinder richten und überlegen, in welchen Bereichen sie diese Eigenverantwortung selber tragen können. Es bedeutet auch, diese Ansicht immer wieder im Laufe der Elternschaft neu zu hinterfragen und die Eigenverantwortung auszubauen in Hinblick auf die wachsenden Fähigkeiten des Kindes.

Es lohnt sich ein Blick darauf, in welchen Bereichen das Kind eigenverantwortlich handeln kann, wo wir unser Urteil als Eltern hintenanstellen und die Selbständigkeit der Kinder durch ganz bewusste eigene Zurücknahme befördern: Kann das Kind bereits eigenverantwortlich Aufgaben im Haushalt übernehmen? Schon Kleinigkeiten im Alltag können von Kindern übernommen werden: Essen kleinschneiden beim Kochen, Socken zusammenlegen, Biomüll im kleinen Beutel rausbringen, Haustiere versorgen,… Kann das Kind eigenverantwortlich mit der Auswahl der eigenen Kleidung umgehen? Was würde uns daran hindern, dem Kind die Verantwortung dafür zu überlassen, sind es Gedanken von „Was denken die anderen?“ oder „Das Kind kann doch nicht selbständig Wärme und Kälte für sich einschätzen!“? Darf das Kind eigenverantwortlich mit dem eigenen Taschengeld umgehen? Welche Gedanken hindern uns daran, dies zuzulassen: Der Gedanke, es würde für „unnütze Dinge“ ausgegeben, das Kind solle mehr sparen?

Unsere erwachsenen Gedanken und unser Wissensvorsprung behindern manches Mal unsere Kinder daran, eigene Entscheidungen zu treffen, selbst für dieses Leben zu lernen und das Gefühl der Selbstwirksamkeit auszubauen. Überdenken wir daher unsere Ansichten doch einmal in Hinblick darauf, wo wir zu sehr einschränken und ob diese Einschränkungen wirklich sinnvoll sind. Und im nächsten Schritt können wir. – vielleicht zusammen mit unseren Kindern – überlegen, wo wir anders handeln können.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

6 Kommentare

  1. Danke für diesen wichtigen Beitrag. Das ist ein Problem, welches ich im Job (als Lehrerin) und privat (als Kleinkindmama) häufig beobachte. Und dabei ist es so leicht mit kleinen Freiheiten und Verantwortung auch bei einem Kleinkind zu beginnen.
    Also Danke für die Sensibilisierung! Alles Gute

  2. Ich bin beim Thema Eigenverantwortung so ambivalent… Eigentlich möchte ich eigenverantwortliche Kinder. Sie sind/waren auch in einer kita, die das sehr fördert. Aber: ich nehme vieles ab, damit Dinge so laufen, wie ich sie gern hätte (so schnell, sauber, ordentlich, etc.)
    Blöderweise überfordere ich mich damit. Ich nehme mir für die heute startenden Ferien vor, ein ausgewogeneres Maß an Eigenverantwortung zu fördern. Danke für den unterstützenden Anstoß

  3. Das ist ein sehr toller Beitrag, der mir nochmal meine Augen öffnet und meine Sichtweise. Im Alltag möchte man die Dinge meist schnell erledigt haben, doch den Kindern wird es nicht viel bringen.

    Danke

  4. Katy Dimmler-Preller

    Liebe Susanne, ich lese noch immer dein Buch Mutter.Sein., immer mal zwischendurch, weil es mich hier und da emotional im Inneren berührt und ich dann wieder über das Gelesene nachdenken muss. Was sich dabei besonders in mir verankert, ist die Tatsache, dass viele Verhaltensweisen von Generationen über Generationen übertragen werden oder sich aus den eigenen Erfahrungen auch wieder kritsch zu betrachtende Verhaltensweisen den eigenen Kindern gegenüber entwickelt haben. Im Großen und Ganzen denke ich, dass wir die Selbstständigkeit unserer Kinder unterstützen. Sie dürfen ihre Kleidung selbst auswählen, sie dürfen, wenn auch oft zähneknirschend, ihre Mahlzeiten für die Schule zusammen stellen, sie dürfen mit dem Fahrrad allein zu unseren Freunden fahren, an der gefährlichen Hauptstraße entlang, sie kümmern sich zeitweise um unsere Wachteln und übernehmen kleine Dinge im Haushalt. Dabei erwische ich mich trotzdem oft, ihnen bestimmte Aufgaben einfach abzunehmen, weil ich einfach möchte, dass sie ihre Kindheit leben dürfen. Aus meinen eigenen Erfahrungen heraus entscheide ich das oft, obwohl mir manchmal die eignenen Aufgaben schon über den Kopf wachsen.
    Als Kind musste ich sehr früh viele Dinge im Haushalt erledigen und unterstützen, da meine Eltern selbstständig waren. Das erschien mir als Kind nicht immer angemessen und die Anforderungen an mich und meine Schwester waren hoch. Das wollte ich für meine Kinder nicht in dieser Form. Nun bin ich selbst mit ir oft im Zwiespalt, wie ich die Aufgaben am besten verteile, nicht selten zu meinen Lasten. Mittlerweile habe ich den Familienbetrieb übernommen und weiß um die täglich Zerreißprobe zwischen Familie und Arbeit. Deine Inststories, deine begleitenden Bücher zum Thema Kinder, Mutter sein – sind mir ein guter Ratgeber und Orientierungshilfe. Das schätze ich sehr. Danke dafür!

    • Liebe Katy,
      danke für Dein schönes Feedback und das ist wirklich eine sehr wichtige und komplizierte Frage: Wie viel ist gut und was ist an Aufgabenübergabe dann zu viel? Wie bei so vielen anderen Entscheidungen müssen wir auf die Balance achten. Wir wissen aber auch aus der Forschung zur Resilienz zum Beispiel, dass eine Beteiligung am Haushalt für Kinder die Resilienz stärkt. Also hat es nicht nur in Bezug auf auf die Selbständigkeit vorteile, sondern auch eine psychische Schutzfunktion.

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