Ich möchte es gern anders machen…

Viele Eltern haben in ihrer Kindheit Erfahrungen gemacht, die sie heute nicht an die eigenen Kinder weiter geben wollen. Und obwohl dieser Gedanke fest in ihnen verankert ist, fällt es ihnen oft gar nicht so einfach, dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen. Dies kann dann als besonders quälend erfahren werden: Ich will es doch eigentlich anders machen, aber warum nur gelingt es mir nicht?

Der Gedanke ist schon der erste Schritt

Bindung ist in erster Linie ein Schutzsystem für das Kind: Das feinfühlige Zuwenden und Umsorgen der Bedürfnisse des Kindes dient der gesunden Entwicklung und dem Überleben. Es ist in uns Menschen verankert, dass wir uns um unsere Kinder kümmern. Durch eigene Erfahrungen kann aber die Ausgestaltung des Kümmerns beeinflusst werden: Werden Bedürfnisse von Kindern nicht feinfühlig wahrgenommen, richtig interpretiert und letztlich passend beantwortet, lernt das Kind durch diese Behandlung etwas in Bezug auf die Beziehung, den eigenen Selbstwert und über sich. Wenn ein Kind immer wieder die Erfahrung macht, dass die Bedürfnisse in dieser eigentlich nicht gewünschten Weise beantwortet werden, verinnerlicht es diese Handlungen und Verhaltensweisen. Ist es später selber Elternteil, fällt es diesem ehemaligen Kind oft schwer, genau diese Bedürfnisse, die bei sich selbst nicht gesehen/nicht erfüllt wurden, beim eigenen Kind angemessen umzusetzen. Wir reagieren scheinbar reflexhaft auf das kindliche Verhalten mit dem erlernten Muster.

Eltern, die nun aber bewusst wahrnehmen: „Ich will das eigentlich gar nicht!“ haben den ersten Schritt für eine Änderung bereits gemacht: Sie reflektieren den eigenen Alltag mit Kind und nehmen wahr, dass es eine Diskrepanz gibt zwischen dem, was sie tun und dem, was sie eigentlich wollen bzw. was sich das Kind eigentlich wünscht. Dieses Erkennen des Unterschieds ist ein erster Schritt auf einem Weg, der für viele Eltern nicht einfach ist.

Erkennen allein reicht aber noch nicht

Selbst wenn Eltern sich vornehmen, das eigene Kind anders zu behandeln und nicht so viel zu schreien, das Kind nicht zu schlagen, ihm nicht zu drohen oder es mit Liebesentzug zu bestrafen, kann dieses Vorhaben dennoch schwer fallen. Erschrocken stellen wir fest, dass Wörter aus unserem Mund kommen, die sich doch nach den eigenen Eltern anhören. Gerade in stressigen oder emotional aufgeladenen Situationen, im Streit mit dem Kind oder scheinbaren Notsituationen können Eltern in die Situation kommen, nicht dem gerade Erlebtem umgehen zu können und von den eigenen Gefühlen von Zurückweisung, Beschämung, Bedrohung überflutet zu werden, die durch das entsprechend erlernte Verhalten abgestellt werden sollen.

Das, was wir erleben, hinterlässt Spuren in den Nervenverbindungen unseres Gehirns. Nicht nur in der Kindheit entstehen synaptische Verschaltungen, sindern unser ganzes Leben lang. Nerven verbinden sich durch die Erfahrungen, die wir machen, und diese Verbindungen prägen unser Denken und Handeln.

S. Mierau (2019): Mutter.Sein S.80

Schritte neben dem Wunsch, es anders zu machen

Neben dem Wunsch, es anders machen zu wollen, ist es deswegen wichtig, sich bewusst mit der eigenen Kindheit auseinander zu setzen: Wie wurden welche Bedürfnisse beantwortet und wurden sie es überhaupt zuverlässig? Woran hat es gemangelt? Daneben sind es oft konkrete Situationen, die Eltern immer wieder besonders schwer fallen und sie können sich fragen: Welche Gefühle wehre ich ab? Welche Situationen überfordern mich heute immer wieder? Gibt es verbindende Elemente? Diesen Fragen auf den Grund zu gehen, ist manchmal nicht einfach und es kann sein, dass dafür therapeutische Hilfe notwendig ist.

Wichtig ist dann, diese Situationen im Alltag nach Möglichkeit vorher zu erkennen (beispielsweise „Gleich wird es wieder schwierig, wenn mein Kind anfängt wütend zu sein.“) und dann entweder konkret die Hilfe einer anderen Person einzufordern (anderer Elternteil: „Kannst Du das übernehmen?“) oder sich bewusst zu machen, dass wir in dieser für uns schwierigen Situation sind, aber dieses Geschehen im Hier und Jetzt stattfindet und nicht in der Vergangenheit und eigenen Kindheit. Vielen Eltern hilft es, wenn sie sich erst selbst beruhigen durch zählen, atmen, bewusste Körperwahrnehmung, bevor sie mit dem Kind reden in einer Wutsituation. Sind sie ruhiger, fällt es ihnen auch wieder leichter, bewusst die Bedürfnisse des Kindes wahrzunehmen, zu interpretieren und zu beantworten. Mit der Zeit können sich so neue Handlungsmuster einprägen und es wird leichter, mit schwierigen Situationen umzugehen.

Dieser Weg mag nicht immer einfach sein. Tatsächlich ist aber schon ein riesiger und wunderbarer Schritt damit getan, sich sicher zu sein, es anders machen zu wollen.

Eure

Weiterführende Literatur*:
Becker-Stoll, Fabienne/Beckh, Kathrin/Berkie, Julia (2018): Bindung. Eine sichere Basis fürs Leben. – München: Kösel.
Hüther, Gerald (2015): Die Macht der inneren Bilder. Wie Visionen das Gehirn, den Menschen und die Welt verändern. – 9. Aufl. Goettingen: vandenhoeck & Ruprecht.
Mierau, Susanne (2019): Mutter.Sein. Von der Last eines Ideals und dem Glück des eigenen Wegs. – 2. Aufl. Weinheim: Beltz.
Müller-Münch, Ingrid (2016): Die geprügelte Generation. Kochlöffel, Rohrstock und die Folgen. – 5. Aufl. München: Piper.

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6 Kommentare

  1. Bylle Kosch

    Hallo Susanne,

    Welch ein Zufall. Gestern Abend saß ich grübelnd am Esstisch und habe meinen Mann erzählt, wie ich mich gegenüber unseren Kindern verhalten habe. Und heute Morgen lese ich deinen Artikel.

    Mein Mann macht mir da immer Hoffnung, dass ich es mir immer wieder vornehmen kann, es besser zu machen. Immerhin reflektiere ich mich im Nachhinein und erkenne, was falsch lief. Aber das ist mein Hauptproblem, nämlich dass ich bei diesem Schritt irgendwie stehenzubleiben scheine. Selten klappt es, dass ich eine schwierige Situation erkenne, indem ich mich von diesen alten Verhaltensmuster leiten lasse. Die Emotionen kochen über und irgendwie sind die Vorhaben, es besser zu machen, gar nicht im Blickfeld. Wie rufe ich die guten Vorsätze da wieder auf? Das ist ein Problem, wofür ich über Lösungsvorschläge dankbar wäre.
    Immerhin, wenn ich noch „bei Vernunft“ bin, klappt es schon besser, solche Situationen gar vorauszusehen und dementsprechend so zu handeln, wie ich es wollte. Aber halt nicht immer. Gefühlt nur ab und zu.

    Mein Mann meinte dann, dass man immer Rückschritte machen wird und auch bei so einer wichtigen Sache nie am Ziel ankommen und bleiben wird. Es ist eine Utopie zu denken, man könnte mit bisschen Übung sein Gehirn komplett umprogrammieren und gut ist’s! Es kann nur bisschen für bisschen besser werden, wofür man richtig ackern muss. Und die Hoffnung ist groß, dass diese Bisschen unsere Kinder innerlich genug stark machen, mit sich selber und ihrem Leben klar zu kommen!
    Das ist wirklich hart, aber tröstend zu wissen, dass man dadurch auch Fehler (natürlich ohne Vorsatz) machen darf.

    Also, paar weitere Gedanken für alle, die sich als hoffnungsloser Fall sehen.
    Bin gespannt, ob hier noch von anderen Eltern gute Tipps kommen!

    • Das finde ich aber toll, dass dein Mann so hinter dir steht und dir hilft!

      Susanne hatte ja schon den Tipp gegeben, die eigene Kindheit/Erziehung aufzuarbeiten. Ich denke das stimmt und ich lese daher das Buch „Das Kind in Dir muss Heimat finden“.

      Alles Gute für dich!

    • Hi!
      Einerseits bin ich ja fast neidisch , was eure gemeinsame Reflexion angeht. Das hilft bestimmt sehr, damit du dich mit deinen Entscheidungen wohlfühlen kannst und damit ihr an einem Strang ziehen könnt. Andererseits klingt es für mich aber unterschwellig auch so, als würde dein Mann das Begleiten der Kinder vor allem die überlassen. Zusammen mit meiner Erfahrung, dass ich insbesondere dann nicht mehr besonnen reagieren kann, wenn ich unausgeschlafen bin und oder anderweitig gestresst, frage ich mich, ob das vielleicht auch bei euch der Fall ist. Vielleicht fehlt dir ja manchmal die Entspannung und das Achten auf deine Bedürfnisse, um den Rest des Tages gut auf die Kinder eingehen zu können? Dann könnte dein Mann dich vielleicht etwas entlasten.

  2. Liebe Susanne,
    der Artikel ist für mich sehr hilfreich. Eine Frage treibt mich aber um: es gibt Situationen, in denen kann ich nicht zählen, durchatmen oder ähnliches. Da muss ich handeln. Bei Geschwisterstreit mit ernsthaften Handgreiflichkeiten ist das der Fall. Wenn ich die Große von der Kleinen „runterziehen“ muss zB. Meine Angst ist, dass ich in so einem Moment zu fest zupacke, weil ich die Kleine beschützen will und gleichzeitig wütend und ohnmächtig bin. Hast du hier eine Idee? Oder haben andere hier Erfahrungen?
    Viele Grüße
    Verena

    • Ja, natürlich gibt es diese Notsituationen und da geht es nicht anders. Aber wenn Du in den anderen Situationen neue Strategien verinnerlichst, besser damit umzugehen, kannst du das auch übertragen. Aber manchmal hilft eben auch nur ein schnelles Festhalten im Straßenverkehr, ein wegnehmen, wenn sonst Haare ausgerissen werden etc.

  3. Liebe Susanne,
    danke für Deinen Text.
    Eine lange Zeit fühlte ich mich allein mit diesen Gefühlen.
    Ich schrie in Stress Situationen viel und fühlte oft eine unbändige Wut in mir.
    Bis ich erkannte,das es Trigger aus meiner eigenen Kindheit waren.
    Denn mit schreien und Liebesentzug wollte ich meinen Sohn nicht erziehen und war nach solchen Momenten traurig und niedergeschlagen.
    Ich las viel zu diesem Thema,kam zum Attachment Parenting und stellte mich meinen Problemen und meiner eigenen Kindheit.
    Heute kann ich auch in Wut Momenten gut mit meinen Sohn umgehen und feinfühlig reagieren.
    Diesen Kommentar möchte ich hinterlassen um anderen Eltern Mut zu machen.Man kann es schaffen aus seiner Spirale raus zu kommen.

    Liebe Grüsse
    Ramona

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