Müssen Kinder spielen lernen?

„Eltern bringen ihren Kindern nicht mehr bei zu spielen oder sich sinnvoll zu beschäftigen“ zitierte gerade die Tagesschau in Bezug auf Mediennutzung von Kindern. Aber ist es wirklich Aufgabe von Eltern, Kindern das Spielen beizubringen? Können Kinder von sich aus nicht spielen? Liegt es im Verantwortungsbereich der Eltern, Kinder dazu anzuleiten?

Wie Kinder spielen

Betrachten wir also im ersten Schritt das Spiel der Kinder: Bei spielenden Kindern denken wir zumeist an Puppenhäuser, Lego, an Kaufmannsladen und Puppenküche. Wir denken an das Rollenspiel, an nachahmendes Spiel und Bauklötze, die aufeinander gestapelt werden. Damit denken wir an ein bestimmtes Zeitfenster, mit dem wir Spiel verbinden: Kleinkinder spielen. Das Spiel beginnt aber eigentlich schon wesentlich früher, nämlich schon während der Babyzeit. Ist das Baby nach der Geburt in der Familie angekommen, beginnt es mit seinen Sinnen die Umwelt zu erfahren: Es beobachtet die Schatten und Licht an den Wänden, erfreut sich an Berührungen und Geräuschen. Mit sechs bis acht Wochen nach der Geburt beginnt das Baby mit dem sozialen Lächeln. Es tritt mit den Bezugspersonen in Interaktion und es ergeben sich im Alltag Spielsituationen: Das Elternteil lächelt das Baby an, das Baby lächelt zurück – ein einfaches Spiel, das dennoch Spiel ist. Beginnt das Baby zu greifen und Dinge zum Mund zu führen, spielt es mit ihnen und erkundet neugierig, was das ist. Die erste Beikost ist Spiel anstatt Nahrung: Das Baby weiß noch nicht, dass diese Nahrung sättigt und erkundet spielerisch mit Händen und Mund. Die gesamte Welt lernt das Kind durch das Spiel kennen: Es setzt sich mit ihr auseinander, berührt, erkundet. Das Kind spielt und lernt gleichermaßen. Spielen ist lernen und lernen ist spielen. Die Erfahrungswelt besteht aus der spielerischen Auseinandersetzung mit all dem, was das Kind umgibt: die Dinge, die Lebewesen. Auch die Interaktion, die sozialen Regeln, das Miteinander wird über das Spiel erfahren.

Wo Kinder spielen

Das Spiel findet immer in einem bestimmten Setting statt, in einer Umgebung, in der Auseinandersetzung mit bestimmten Themen. Es ist bestimmt durch die Fähigkeiten des Kindes und baut sie weiter aus: Hat das Kind zu laufen begonnen, wird es spielerisch mit den Feinheiten der Fortbewegung experimentieren und irgendwann beginnen, zu balancieren, zu schleichen, zu hüpfen. Das, was Kinder spielen wollen, ist ihrem aktuellen Entwicklungsstand angepasst: Im Spiel bauen sie ihre Fertigkeiten aus und sind deswegen daran orientiert, das umzusetzen, was ihnen neue Erfahrungen bringt.

Nicht immer stimmt das mit den Vorstellungen der Erwachsenen überein. Nicht selten bringt das Spiel, die Neugierde, der Entwicklungsimpuls sie in Konflikt mit den Normen und Vorstellungen der Gesellschaft oder den familiären Regeln. Es ist so spannend, Neues zu erfahren, Dinge auszuprobieren: Materialien wollen erkundet, Zusammenhänge verstanden werden. Manchmal gehen dabei Dinge zu Bruch oder die Vorstellungen des Kindes weichen einfach von denen der Eltern ab. Auch das ist etwas, was Kinder lernen durch aktive Auseinandersetzung

Bildungsauftrag: Spiel mit Deinem Kind!

Wir sehen also: Kinder spielen von alleine die ganze Zeit. Neugierde ist der Motor ihrer Entwicklung und über diesen lernen sie, setzen sich aktiv auseinander. Das Spiel ist dabei auf der einen Seite ein Spiel, um Fertigkeiten auszubauen, je größer die Kinder werden, desto bedeutsamer wird dabei aber auch das soziale Spiel, der Austausch mit anderen. In diesem Spiel lernen sie die Regeln des Miteinander. Sie brauchen für viele Spiele ein Gegenüber. Gut ist es, wenn sie die Möglichkeit haben, mit verschiedenen Menschen zu interagieren in unterschiedlichem Alter, unterschiedlichen Temperamenten, unterschiedlichen Situationen – so bauen sie ein Bild über Vielfalt aus. Je größer sie werden, desto wichtiger wird die Gruppe der Gleichaltrigen, in der sie sich bewegen. Sie wachsen hinein in ihre neue soziale Gruppe, in das Leben, die Zukunft und nehmen dabei die Erfahrungen mit, die sie im Laufe der vergangenen Zeit sammeln konnten, die Werte und Regeln, die sie mitbekommen haben auf dem Weg.

In diesem Sinne hat das Spiel mit den Erwachsenen immer auch einen bestimmten Bildungsauftrag, trägt sie hinein in die Gesellschaft und vermittelt wichtige Impulse für Gegenwart und Zukunft. Dass aber Eltern ihren Kindern das Spiel beibringen müssten, stimmt nicht. Sie vermitteln Kindern über die Interaktion wesentliche Inhalte, aber das Spiel bringen die Kinder in das Leben ein. Sie setzen die Impulse, mit denen wir umgehen, die wir beantworten – oder eben auch manchmal nicht. Eltern müssen sich nicht in kleine Puppenküchen setzen und Kindern beibringen, wie Puppen versorgt werden, wie gespielt wird. Eltern können manchmal Spielpartner sein im Spiel der Kinder und Kinder fordern dies ganz besonders dann ein, wenn sie sonst keine Partner wie andere Kinder haben, um soziale Interaktionen im Spiel zu verarbeiten und in der Auseinandersetzung zu lernen. Aber das Spiel geht grundsätzlich von ihnen und ihren Entwicklungsimpulsen aus.

Was wir tun können, anstatt Spiel zu trainieren

Anstatt das Spiel zu trainieren, müssen wir Eltern Kindern den Raum geben, spielen zu können und sich mit der Umwelt aktiv auseinander zu setzen: Kinder brauchen Räume, in denen sie sich bewegen können. Sie brauchen drinnen und draußen die Chance, gemäß ihren körperlichen Entwicklungsmöglichkeiten sich selbst zu erproben, sich und die eigenen Fähigkeiten zu spüren. Sie brauchen die Möglichkeit, Sprache auszuprobieren, Feinmotorik, Grobmotorik und soziale Interaktion. Sie brauchen den Raum, dass wie Erwachsene geduldig sind mit ihren Versuchen und sie ausprobieren lassen. Sie brauchen keine Anleitung, sondern die Möglichkeit, selbst auszuprobieren, selbst wirksam zu sein. Manchmal scheitern sie dabei. Und brauchen die Sicherheit, dass wir sie aus diesem Scheitern auch lernen lassen und dort auffangen, wo sie es (emotional) dann brauchen. Sie brauchen die Chance, zu verstehen, dass auch Fehler dazu gehören und gemacht werden dürfen.

In unserer Gesellschaft ist es an vielen Stellen nicht so leicht, dass Kinder die Spielimpulse umsetzen können, die sie wollen und für ihre Entwicklung brauchen. An vielen Stellen werden sie eingeschränkt: Von Schildern, die verbieten, auf dem Rasen zu spielen und auf Bäume zu klettern. Von Verboten, an bestimmten Orten zu rennen. Von unseren Ängsten, die sie ermahnen, die sie einschränken in ihrem Aktionsradius, in ihrer Fantasie. Von unseren Regeln zu Hause und Sorgen um unsere sorgsam eingerichtete, saubere Wohnung. Aber Kinder brauchen die Möglichkeiten, Erfahrungen zu machen. Ungefiltert von unseren erwachsenen Gedanken und Vorstellungen. Sie brauchen im wahrsten Sinne des Wortes einen Entwicklungs-Spielraum, der nicht zu eng sein darf, damit sie sich darin nach ihrem Tempo und Bedürfnis entwickeln können.

All das ist sinnvolles Spiel. Geben wir unseren Kindern doch die Möglichkeit, durch das Spiel aktiv die Welt selbst zu erfahren, anstatt sie ihnen durch unsere Augen mit erwachsenem Spiel vor die Nase zu setzen.
Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

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