Ich hab mich lieb! – Das Selbstwertgefühl von Kinder fördern

„Ich hab Dich lieb, Kind!“ sage ich meinem Sohn am Abend. Mit strahlenden Augen blickt er mich an und erklärt „Ich hab mich auch lieb, Mama!“ – Einen Moment stocke ich. Ob ich nachfrage, ob er mich auch lieb hat? Aber eigentlich brauche ich das gar nicht, denn wenn er erklärt, dass er sich selbst lieb hat, ist das eigentlich ausreichend und sagt viel mehr als „nur“ etwas über das Empfinden aus.

Selbstwert als wichtige Eigenschaft der Zukunft

Kinder im Wachsen zu begleiten, bedeutet, sie auf das zukünftige Leben vorzubereiten. Was sie brauchen werden, wissen wir heute nicht genau. Was wir ihnen aber auf jeden Fall für eine ungewisse Zukunft mitgeben können, ist ein Vertrauen in sich selbst, ein gutes Bild von sich selbst. Denn durch ein positives Bild von sich selbst, gehen sie an schwierige Aufgaben leichter heran. Sie denken nicht: „Oje, das sieht aber schwer aus!“ sondern „Puh, das sieht schwer aus, ich probier das aber mal aus!“ Sie begegnen Herausforderungen, anstatt sich vor ihnen zu verstecken. Dabei können sie ihr eigenes Können und ihre Grenzen gut einschätzen. Sie wissen, dass es immer auch Hindernisse und Schwierigkeiten gibt, können damit aber umgehen, beispielsweise indem sie sich Hilfen organisieren, recherchieren, nach Lösungen aktiv suchen.

Selbstwert entsteht nicht durch Lob

An der Entstehung dieses Selbstwertes können wir Eltern aktiv beteiligt sein, und zwar auf eine entspannte Weise. Wir müssen nicht beständig unsere Kinder loben, um ihnen ein gutes Gefühl für sich selbst zu vermitteln. Im Gegenteil: Lob bewertet bestimmte Handlungen oder Eigenschaften, beim Selbstwertgefühl geht es aber um die gesamte Persönlichkeit, die als wertvoll betrachtet wird. Lob vermittelt dem Kind, dass es nicht um seiner Persönlichkeit, seiner Ganzheit wegen geliebt wird, sondern für bestimmte Handlungen und Eigenschaften. Natürlich wünscht es, dass es für diese bestimmten Aspekte seines Selbst immer weiter gelobt wird, weil das Kind aus Bindungssicht darum bemüht ist, von den Bezugspersonen angenommen und geliebt zu werden: Es fordert also beständig mehr Lob ein. Gleichzeitig kann es aber auch passieren, dass die schon bei sich selbst als hervorragend wahrgenommenen Aspekte in den Gedanken des Kindes ja nicht weiter ausgebaut werden müssen – Loben würde dann das Handeln einschränken. Lob ist also kein Mittel, um Kindern ein gutes Selbstwertgefühl zu vermitteln (ausführlicher über Lob hier bei Gewünschtestes Wunschkind).

Wir müssen unseren Kindern auch nicht beständig übertrieben vermitteln: „Du bist stark“, „Du bist unabhängig“, „Du bist toll“. Denn auch hier heben wir nur die Besonderheiten hervor, aber nicht ein grundlegendes Gefühl der Akzeptanz.

Selbstwert wird im Alltag gestärkt

Anstatt durch gezieltes Lob können wir das Selbstwertgefühl des Kindes im Alltag stärken durch unsere Begleitung. Wir müssen dafür gar nicht viel tun, sondern eher beobachten und begleiten: Finden wir heraus, was unsere Kinder wirklich gerne machen und ermöglichen wir ihnen, genau das zu tun. Nehmen wir wahr, wie das Kind ist und akzeptieren wir das: auch dann, wenn das Kind ein ganz anderes Temperament hat als wir selbst, anderen Hobby nachgehen möchte als wir es uns gewünscht haben. Vermitteln wir dem Kind, dass es so, wie es ist, in Ordnung ist und versuchen wir nicht beständig, es „besser“ zu machen, indem wir erklären, wie es schöner/netter/adretter aussehen würde, wie es liebenswerter/cooler/beliebter wäre. Ein Kind ist, wie es ist. Es kommt mit einem bestimmten Temperament zu uns, mit bestimmten Stärken und Schwächen. Akzeptieren wir die Schwächen und erlauben wir dem Kind, die eigenen Stärken und Interessensgebiete auszubauen.

Erlauben wir dem Kind, Erfolge selbst zu haben und zu fühlen. Das beginnt schon bei Kleinigkeiten im Alltag wenn unsere Kinder noch klein sind: Lassen wir sie ihre Worte aussprechen, die sie sich so mühselig zurechtgelegt haben, lassen wir sie die Erfahrung machen, selbst sitzen, krabbeln, laufen zu lernen, anstatt sie hinzustellen und an den Armen zu halten, damit sie erste Schritte tun. Warten wir ab, statt schnell einzugreifen und lassen wir Kinder eigene Lösungen finden.

Wenn das Kind seine Schwächen als solche wahrnimmt und Hilfe braucht, begleiten wir es einfühlsam und vermitteln nicht, dass es in diesem Bereich „dumm“ oder „faul“ ist, sondern erklären wir, dass Menschen unterschiedlich sind und unterschiedliche Kompetenzen haben. Für die Schule mag es an einigen Stellen wichtig sein, dass auch die Bereiche, in denen Kinder nicht gut sind, aufgebaut werden, aber auch dabei können wir darauf achten, den Kindern ein positives Grundgefühl zu lassen dafür, dass die eigenen Schwerpunkte eben in anderen Bereichen liegen und das auch okay ist.

Selbstsicher sein, ohne Selbstsicherheit einzufordern

Unsere Kinder können ein gutes Gefühl für sich entwickeln, ohne dass wir sie darin speziell unterrichten müssten oder das von ihnen einfordern. Im Gegenteil: Der Weg dorthin führt über Eigenständigkeit und Akzeptanz – und neben Wurzeln auch besonders Flügeln. So entwickeln sie ein Gefühl für „Ich hab mich lieb!“ Und wenn sie das von sich denken, bedeutet es, dass wir ihnen sehr viel auf den Weg mitgegeben haben und unseren Kindern jene Liebe mitgegeben haben, die sie brauchen, um sich selbst zu lieben.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.  

2 Kommentare

  1. Gedankenkarussell

    Liebe Susanne,
    Vielen Dank für diesen Artikel.

    Wie häufig musste ich schmunzeln, wenn ich in den Kommentaren las ‚Der Artikel trifft gerade unser Thema‘. Und nun fühle ich mich selbst so.

    Tatsächlich gehöre ich zu den Müttern, die schnell das ’schlechte Gewissen‘ bekommen etwas falsch zu machen, ‚Versagensängste‘ nicht richtig auf die Bedürfnisse des Kindes einzugehen oder bleibende Schäden anzurichten.

    Ich halte mit meinem Kind Gefühle aus, benennen die Emotionen, versuche dazu Selbstfürsorge zu betreiben, im Job immer die richtigen Worte für die richtige Situation zu finden und dabei noch authentisch zu bleiben, als Partnerin, Freundin und Frau. (Waaaaaah…!)

    Auf der anderen Seite bin ich überwältigt, wie wunderbar das Muttersein ist und freue mich über alles, was unser Kleinkind kann, wie es sich zu einem sozialen Wesen entwickelt und neue Fähigkeiten erlernt.

    Genau da setzt aber wieder Punkt eins ein – das schlechte Gewissen, diesen entdeckungsfreudigen Menschen zu ‚verkorksen‘.

    Ich versuche zu benennen, was „super/toll/prima“ war.
    Ich versuche nicht ständig zu sagen: „ich freue mich dass Du dies und das machst“ (es soll es für und von sich aus machen) und doch sind die Schwärmerei so allgegenwärtig über dieses „süße, tolle, kleine, schlaue Wesen“.

    In Zeiten, in denen man überall Erziehungstipps findet, verwirrt es mich und hindert mich manchmal in der alltäglichen Kommunikation.

    ‚Darf‘ man denn überhaupt noch loben oder sollte man immer nur Tätigkeiten benennen und Tatsachen wiedergeben?

    Ich bejubel mit jeder Sekunde das Dasein unseres Kindes – bedingungslos.

    Denn bedingungslos ist das Kind toll.
    Es ist großartig, wie es sich entwickelt, wie es Rückschläge hinnimmt, weitermacht und Erfolg hat.
    Es ist klasse, dass es seine Gefühle benennen kann und Wutanfälle regulieren kann.
    Und natürlich ist es auch prima, wenn es das erste, zweite, dritte Mal eine Figur malt, die dem ähnelt was es darstellen soll.

    ‚Wie viel Lob ist noch im Rahmen und wann merke ich, dass ich meinem Kind damit schade?!‘

    Das ist gerade mein Hauptthema und daher vielen Dank für neue Denkanstöße.

    • Ich finde ja immer, eine entspannte Haltung ist wichtig. Klar lobe ich die die Kinder auch einfach mal mit Worten wie „Wow, das ist wirklich ein tolles Bild geworden!“ Es geht ja eher um die prinzipielle Haltung dahinter und die Frage, ob wir das Lob nutzen, um bewusst ein Verhalten herbei zu führen oder ein anderes zu beseitigen. Und wenn das uns leitet, dann ist das eine schwierige Ausrichtung. Wenn wir die Kinder aber so annehmen, wie sie eben sind und nicht versuchen, durch Lob und Strafe zu manipulieren, dann verändern wir auch nicht ihr Selbstbild durch solche Sätze.

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