Spielzeug in Indien

In der Altstadt Hyderabads habe ich einmal einen Straßenverkäufer entdeckt, der Windräder verkauft. Sie sind aus teils schon bedrucktem Papier, mit ein bisschen Draht und ein bisschen Holz in Handarbeit hergestellt. Aus fast nichts also. Ein wenig fragil sind sie, und sie halten nicht ewig. Aber sie sind so leicht und schön.

Solches Spielzeug aus Alltagsmaterialien war in Indien früher verbreitet, bevor auch hier die Kinderzimmer mit Plastik überschwemmt wurden. Ich war nie ein Fan von Plastikspielzeug und unserem Planeten zuliebe ist es höchste Zeit, darauf zu verzichten, wann immer es geht. Also haben wir für unsere Tochter nach Alternativen gesucht. Es war klar, dass wir kein vollgestopftes Kinderzimmer wollen, sondern eher minimalistisch vorgehen werden. Ich fand es auch ein spannendes Experiment: Wie würde unsere Tochter spielen, ohne all das übliche Zeug, das sich sonst so schnell ansammelt?

Ganz ohne Spielzeug blieb unser Haus natürlich nicht. Wir brachten ein bisschen was mit. Wir bekamen ein paar gebrauchte Sachen von anderen Familien geschenkt. Ich wandelte einen Schreibtischaufsatz in eine improvisierte Küche. Und wir fanden auch hier eine Alternative zum Plastikkram, der an jeder Straßenecke verkauft wird: In Auroville, einer Mischung aus spirituellem Ashram, Ökodorf, sozialem Experiment und Innovations-Hub, gibt es hochwertig hergestelltes Spielzeug, Holzbausteine, Stofftiere, ein Laufrad aus Holz. Mit der Zeit begann ich aber wieder meine Haltung zu reflektieren. Muss es wirklich das Holzspielzeug sein, das ich mir immer vorstellte? Das ist eben auch eine sehr kulturell geprägte Vorstellung! 

Sudarshan Khanna, Gita Wolf, Anushka Ravishankar, Priya Sundram: Toys and Play with everyday materials. Tara Books (Rezensionsexemplar)

Traditionelles Spielzeug in Indien

Bevor die Plastikwelle Indien überrollte, war Spielzeug wie das oben beschriebene Windrad hier üblich und verbreitet:  Davon habe ich in einem indischen Buch über Spielzeug erfahren. Es ist ein Bastelbuch mit Alltagsmaterialien, ähnlich dem oben beschriebenen Windrad. Dieses Buch, das neben den Bastelanleitungen tolle kritische Essays über Spiel und Spielzeug enthält, hat mich nochmal zum Nachdenken gebracht über Spielzeug überhaupt.

Früher, wird in diesem Buch erzählt, gab es auf den Dörfern Spielzeugmacher, die aus dem, was verfügbar war, Spielzeug herstellen konnten. Vieles wurde auch von den Kindern selbst hergestellt, nach ihren Vorstellungen. Heute, im urbanen Indien, haben viele Kinder keine Zeit dafür. Manche haben auch einfach keinen Platz, weil sie in abgeschotteten Apartment Blocks leben oder an verkehrsreichen Straßen. Höchstens ärmere Kinder spielen noch ähnlich wie früher, einfach weil in ihren Familien kein Geld für gekauftes Spielzeug da ist. Die Spielzeugmacher und ihre Traditionen sind weitestgehend verschwunden. Sie wurden durch billiges massenproduziertes standardisiertes Plastik ersetzt. Die sogenannten „Folk toys“ werden als etwas für die armen Leute gesehen, die sich nichts „besseres“ leisten können.Ohne Armut romantisieren zu wollen, finde ich das schade. 

Ressourcen schonen – auch bei Spielzeug

Ein bekannter indischer Spielzeugdesigner, der selbst als Kind eine Reihe von Spielsachen herstellen konnte, hat die traditionellen Spielideen dokumentiert, ihre Designprinzipien analysiert und weiterentwickelt und mit einem Team in dem erwähnten Buch versammelt. Darin findet man nun kleine Flugobjekte, Dinge, die Krach machen, Geschicklichkeitsspiele, hergestellt aus ein bisschen Schnur, Papier, einem Haushaltsgummi etc. Kleine Erklärungen zur Physik des Spielzeugs sind auch dabei. Diese Art von Spielzeug ist für mich ein typisches Beispiel von Jugaad, jene in der indischen Kultur weit verbreiteten Fähigkeit, innovative und extrem ressourcenarme Lösungen für ein Problem zu finden. Ein Beispiel für Nachhaltigkeit, die in Indien aus Mangel entsteht, uns aber inspirieren könnte, unseren enormen, viel zu hohen Ressourcenverbrauch zu drosseln.

Mein Fazit: weniger, weniger, weniger

Wir haben uns daran gewöhnt, dass Kinderzimmer voll sind. Es lohnt sich, das zu prüfen. Wie alle Konsumentscheidungen haben auch diese eine politische Dimension. Anfangs ertappte ich mich bei dem Gedanken, dass meinem Kind etwas fehlen könnte, wenn es dies oder jenes nicht hat. Aber es braucht nicht so viel. Mein Kind lernt bei anderen Kindern anderes Spielzeug kennen. Es braucht nicht alles selbst zu besitzen. Und aus fast Nichts lässt sich etwas Tolles herstellen. Das fertige, in seiner Verwendung schon festgelegte Spielzeug fördert viel eher eine Haltung des Konsums, als eine der Kreation. Der Prozess des Herstellens, Ausprobierens, Spielens und vielleicht auch Scheiterns bietet eine Erfahrung, die weit über ein fertiges Spielzeug hinausgeht. Und wenn wir oder andere Kinder in diesen Prozess involviert sind, kommen soziale Interaktionen und Beziehungserfahrungen hinzu. Spiel braucht Raum, Zeit, Beziehung, Phantasie, Freiheit. All das ist nicht primär an Material geknüpft. 

Ich werde auch in Zukunft darüber nachdenken, wie viel Spielzeug mein Kind wirklich braucht. Was sich aus dem machen lässt, was schon da ist. Und wieviel Raum und Zeit mein Kind für freies Spiel hat. Erst das Spiel. Dann das Spielzeug. 

Anka Falk hat einen Magister in Rhetorik und Pädagogik und ist Körperpsychotherapeutin, Coach und Dozentin. Von 2007-2017 arbeitete sie in Lehre und Forschung an einem experimentellen Design Institut in der Schweiz. Sie ist im Alter von 37 Jahren mit ihrem Mann nach Indien gegangen. Ihr Kind hat sie in Deutschland geboren, ist dann aber zurück gegangen nach Indien und berichtet von ihrem Alltag dort. Zudem bloggt sie auf ljuno.de und gibt einen Einblick in ihr Alltagsleben in Indien hier auf Instagram 

Das Buch kann im Online-Shop des Verlags (tarabooks.com) erworben werden. Sie werden nach Deutschland verschickt. Vielen Dank an Tara Books für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars. 

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