Langeweile – Der Stille Raum geben bei Kindern

Manchmal frage ich mich, wann sich die Angst vor der Langeweile eingeschlichen hat. Die Angst davor, einfach nichts zu tun. Die Angst davor, dem Kind keine Handlung anzubieten, sondern es selber eine finden zu lassen. Und ich frage mich, wofür diese Angst eigentlich steht und was die mögliche Langeweile des Kindes in Eltern manchmal auslöst. Warum stresst uns schon der Gedanke, das Kind könnte Langeweile bekommen?

Ich erinnere mich an die Langweile meiner Kindheit: Auf der Wiese liegen und den Formen der Wolken zusehen und irgendwann in eine Geschichte der Wolken hinein finden. Ich erinnere mich daran, auf dem Bett gelegen zu haben und so lange auf die Kuscheltiere gesehen zu haben, bis sie mir ein Spiel vorschlugen. Ja, ich erinnere mich an die Langweile und auch daran, dass sie manchmal endlos war, bis der erlösende Gedanke kam, das Spiel vor mir auftauchte. Aber ich erinnere mich auch daran, dass sie endete. Jedes Mal. Und dass daraus Neues geboren wurde.

An diese Momente der Langweile denke ich, wenn meine Kinder mir manchmal sagen: „Ich weiß nicht wohin mit mir.“ Ich sage ihnen, dass das nicht schlimm sei und sie sicherlich bald einen Platz für sich finden würden. Ich denke auch daran, wenn ich sehe, wie die kleinsten Kinder beständig unterhalten werden: Das Kleinkind, getragen in der Tragehilfe, dem in der U-Bahn das Handy vor das Gesicht gehalten wird mit einem Film. Das Kind, das immer wieder in der Straßenbahn ermahnt wird, doch der vorgelesenen Geschichte zu folgen, statt aus dem Fenster zu starren.

An manchen Stellen erschweren wir uns die Elternschaft, wenn wir aus der Sorge vor der Langeweile des Kindes immer wieder und neue und mehr Ideen vorbringen. Nicht, weil es nicht wunderbar ist für das Kind, mit uns zusammen zu spielen und unsere Ideen zu verfolgen. Aber es sind unsere Ideen und nicht die des Kindes. Sie entspringen nicht den Gedanken und Bedürfnissen des Kindes. Sie ergeben sich nicht aus dem, was das Kind gerade denkt und erkunden möchte. Sie sind oft wunderbar, aber eben auch erwachsen. Und vor allem sind es nicht die Ideen, die aus der Überwindung einer Pause entstanden sind. Sie zeigen dem Kind nicht, welche Kraft der Fantasie in ihm selbst wohnt und dass es aus sich selbst heraus Ideen und Gedanken schöpfen kann.

Kinder brauchen den Raum, sich langweilen zu können. Sie dürfen sich langweilen. Und sie dürfen auch erfahren, dass wir nicht ihre Langeweile vertreiben müssen, sondern sie selbst dazu fähig sind, das zu leisten. Wir nehmen unseren Kindern einen wichtigen Entwicklungsimpuls, wenn wir sie andauernd bespielen und keinen Raum lassen für die Möglichkeit, selbst zu erfinden und zu tun. Und wir tun uns selber keine Freude, wenn wir das Kind zur Ideenfindung abhängig von uns machen.

Das Kind nicht anzuregen zu einem Spiel, bedeutet nicht, nicht da zu sein. Wir sind anwesend, wir sind ansprechbar. Wir können auch dabei sitzen und beobachten. Und natürlich können wir auch mit den Kindern spielen. Aber wir müssen nicht beständig Ideen finden und Anreize. Wir können uns frei machen von dem Druck, Anregungen bieten zu müssen und können darauf vertrauen, dass unsere Kinder sie selber finden. Wir können abwarten und sie probieren lassen. Vielleicht sind sie zunächst unsicher und wanken von Idee zu Idee, bis sie schließlich den richtigen Impuls gefunden haben. Sie entdecken Geschichten und stellen Fragen über die Welt, wenn sie hinaus sehen und beobachten. Sie erfinden Spiele und gestalten Bilder aus eigenem Impuls. Sie sind kreativ, wenn wir sie lassen und der Stille Raum geben.

Eure

3 Kommentare

  1. Das wäre so toll, wenn mein Großer (im Juli 5 Jahre) tatsächlich von sich aus in eine neue Aktivität finden würde, nachdem etwas abgeschlossen ist. Hier stehe ich gerade vor einer riesigen Herausforderung. Mein Sohn tut sich wahnsinnig schwer mit Übergangen und äußert sein Unwohlsein mit Aktionen, von denen er genau weiß, dass sie mich ärgern. Das ist sooo anstrengend. Jeder Raumwechsel, draußen-drinnen Wechsel oder eben einfach nur von einer Aktivität in die andere ist bei uns mit Stress für alle verbunden. Zudem muss ich mich ja zeitgleich um die Kleine 1 3/4 jährige kümmern. Hoffentlich geht das tatsächlich „nur“ 5 Wochen so…
    Die Kita, Freunde und Verwandte sind in normalen Zeiten doch eine sehr große Hilfe.

  2. Ab welchem Alter ist das „gültig“? Meine Kleine ist 4.5 Monate alt und wenn sie sich langweilt, brüllt sie… natürlich beschäftige ich mich dann mit ihr… will sie ja nicht weinen lassen…
    Ab wann „lernen“ das die Kinder?

    • Das dauert noch sehr lange. Mit 4,5 Monaten hat sie ja noch gar kein verständnis von langeweile. Wenn sie weint, meldet sie ein Bedürfnis nach, beispielsweise nach Nähe, weil sie ja noch serh kurz auf der Welt ist und einfach Sicherheit braucht

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