Wenn alles nur noch blöd ist…

Es gibt diese Tage, an denen einfach alles schlecht läuft. Es gibt Tage, die sind einfach wahnsinnig anstrengend mit Kindern – oder auch mit nur einem Kind. Es gibt Blitzableitertage bei Kindern, wie das Gewünschteste Wunschkind sie nennt – an denen Kinder geballt ihre Energie heraus lassen: „Das Kind braucht uns als Blitzableiter, um explodieren zu können.“ Das sind Tage, die uns als Eltern sehr heraus fordern können. Es gibt Entwicklungsphasen, in denen Babys oder Kinder schlechter schlafen, mehr stillen und getragen werden wollen und viel mehr Zuwendung brauchen. Es gibt Zeiten, in denen Familienmitglieder krank sind oder eine ganze Familie. All das sind anstrengende Zeiten und ja, die gibt es immer wieder und sie sind normal, denn sie gehören zur Entwicklung. Nicht normal ist es aber, wenn wir nicht mehr zurück kommen in eine Zeit des Durchatmens und der Ruhe. Auf Anstrengung und Anspannung muss auch für uns Eltern Entspannung folgen. Tut es das nicht, werden unsere Reserven mehr und mehr aufgebraucht. Elternschaft kann auch anstrengend sein, aber sie ist es nicht von sich aus und immer. Wenn wir Elternschaft nur noch als anstrengend empfinden, stimmt etwas nicht. 

Familie ist nicht von Natur aus anstrengend

Die Natur hätte es recht ungünstig eingerichtet, wenn Elternschaft so wäre, dass sie kaum aushaltbar ist: Wenn wir ständig über unsere eigenen Kräfte hinaus gehen müssten, wenn sie uns körperlich und seelisch auslaugen würde. Wenn wir sogar nach einem Kind darüber nachdenken, dass das so anstrengend ist, dass man kein zweites haben möchte. All das wäre nicht sinnvoll – und doch ist es zu hören. Familien, die erschöpft sind und von einer Krise zur nächsten kommen: vom schlechten Schlafen zum Streit in der Familie zu Stillproblemen zum Abstillen zu Ernährungssorgen zu mehr Stress zu wenig Erholungszeit zu Paarproblemen… So leicht kann ganz ungewollt eine Kettenreaktion der Probleme entstehen, aus der man keinen Ausweg mehr zu finden scheint. Alles ist schwierig, alles ist doof.

Familie braucht immer ein Auffangnetz

Natürlich ist keine Familie an diesen Problemen Schuld. Niemand wünscht es sich oder führt es willentlich herbei. Sie entstehen oft unbemerkt und meistens gibt es dafür einen doch so einfachen Grund: Die Unterstützung fehlt. Denn Elternschaft allein regeln müssen, ist anstrengend. Elternschaft allein regeln ist nicht, wie die Natur es eingerichtet hat. Elternschaft allein überfordert uns. Es überfordert Elternpaare, wenn sie auf sich gestellt sind. Denn selbst zwei reichen oft nicht aus, um einer Familie gerecht zu werden, besonders nicht heute. Wir brauchen Menschen, die uns verlässlich Stillen und Entwicklung erklären, wenn wir es selbst aus Erfahrung nicht kennen. Wir brauchen Menschen, mit denen wir reden können, die uns bestärken und solche, die einfach mit anpacken. Wir brauchen das nicht, weil wir es nicht leisten könnten – zahlreiche Familien beweisen, dass sie auf sich selbst gestellt auch „funktionieren“ -, sondern weil es langfristig ungesund ist für uns. Und ganz besonders brauchen es diejenigen, die sogar nur alleine für ihre Kinder sorgen.

Wir sollten helfen. Hilfe annehmen. Hilfe fordern

Wir sind aufgewachsen damit, wenig um Hilfe zu bitten. Eigentlich sollten wir es auch nicht müssen. Es sollte klar sein, dass Menschen da anpacken, wo sie sehen, dass andere Hilfe brauchen. Es ist traurig, dass wir in so grundlegenden Dingen um Hilfe bitten müssen. Aber es ist gut, wenn wir es überhaupt tun, um uns vor weiterer Erschöpfung zu schützen. Es ist nicht beschämend und es sagt nichts Schlechtes aus über eine Familie, wenn sie sagt, dass sie nicht mehr kann und Hilfe braucht. Und wenn wir es bei anderen sehen, sollten wir so selbstverständlich, wie wir es uns für uns wünschen, anderen Hilfe zukommen lassen. Nachfragen, ob man helfen darf, Ressourcen teilen, Unterstützung anbieten wo es geht. Natürlich liegt es auch in unserer Verantwortung, die ausbleibende Hilfe auf gesellschaftspolitischer Ebene lauthals einzufordern – für uns und andere.

Bloghausen-Stellvertreter-Syndrom: Bitte Mitleid

Manchmal sind es die stummen Schreie, die uneindeutigen, die uns aufhorchen lassen sollten: Alles wird nur noch als schlecht beschrieben. Gerade auf Blogs oder Twitter, die nur Momentaufnahmen des Lebens zeigen, können Kaskaden von Alltagsproblemen gelesen werden. Manchmal erscheint es fast wie ein Hilferuf: Ein Bloghausen-Stellvertreter-Syndrom*: Bei mir ist alles schlecht, gebt mir Mitleid. Gerade dann, wenn vielleicht sonst wenige persönliche Beziehungen bestehen und das Internet als Raum des Auffangens genutzt wird. Und das sollten wir auch: bemitleiden. Aber besser ist es, zu helfen. Aufzuhorchen, wenn alles nur noch schlecht läuft. Denn es ist eben nicht normal, dass es so ist. Elternschaft heißt nicht per se Erschöpfung, Müdigkeit, Übellaunigkeit, Partnerschaftsprobleme. Es ist nicht normal,von einem Problem ins nächste zu schlittern. Von vielen Seiten bekommen wir aber genau das eingeredet: nie wieder durchschlafen, sich selbst vergessen, Unordnung, schmerzende Brüste, schlimme Geburten, furchtbare andere Eltern.  Bücher, Filme, Blogs sind voll negativer Berichte, die sich aneinander reihen. Es wird suggeriert: So ist das und da müsst ihr durch, wenn ihr Eltern seid. Damit tragen wir jedoch genau das, was uns nicht gut tut, weiter. Wir geben den vielen Menschen, die Hilfe brauchen, ein ganz falsches Signal. Wir machen unsere Notlage damit nämlich zum Alltag und vermitteln anderen, dass sie es genau so aushalten müssten wie wir, anstatt gemeinsam für eine Besserung zu sorgen. Im schlimmsten Fall wird sogar suggeriert, dass es anders gar nicht möglich und Familienglück eine Lüge sei.

Nicht die Kinder sind Schuld

Es ist falsch, Kinder zu pathologisieren oder das Kinderhaben. Nicht die Kinder sind Schuld an schwierigen Situationen. Nicht das Kinderhaben macht uns krank. Die Rahmenbedingungen sind es, die nicht stimmen. Selbst dann, wenn wir Kinder mit besonders starken Bedürfnissen haben, sind nicht sie Schuld an unserem Unbehagen, sondern das fehlende Netz. Wenn alles nur noch blöd ist, liegt das nicht an ihnen. Elternschaft ist schön. Das Leben mit Kindern ist auch mal anstrengend, aber nicht immer. Elternschaft ist nichts, wo man eben durch muss. Kein dunkler Tunnel, kein angsteinflößender Lebensabschnitt. Elternschaft ist bunt und sollte es bleiben und dafür sollten wir uns für uns und andere einsetzen.

Eure

*Namensgebung angelehnt an das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom, hier aber milder gemeint: Die Probleme der Elternschaft ausführlich in sozialen Medien darstellen und übertreiben, um in einer sozialen Gruppe aufgefangen zu werden aufgrund fehlender sonstiger Auffangnetze.