Kinder machen keine Fehler, Kinder lernen

„Mama, ich mache da immer wieder Fehler, ich will das nicht mehr machen!“ sagte meine Tochter über eine Hausaufgabe. Ich fragte sie, ob denn andere Kinder immer alles richtig hätten, oder eben auch „Fehler“ machen würden. Natürlich bejahte sie, dass auch die anderen nicht problemlos alle Aufgaben lösen würden. Denn wann immer wir alle etwas Neues lernen, machen wir „Fehler“. Vielleicht ist es deswegen einfach an der Zeit, sich von der Bezeichnung „Fehler“ in Bezug auf Kinder zu trennen?

Wenn wir etwas lernen, gelingt es uns nicht immer gut anfangs. Ich kenne das aus meinem Alltag: Neue, komplizierte Rezepte funktionieren beim ersten Mal vielleicht nicht gut, das Häkeln oder Weben war auch anfangs nicht so einfach. Ach, und Eltern werden: Was habe ich da schon alles „falsch“ gemacht? Ich lerne jeden Tag: Als Mutter, als Partnerin, als Freundin, als Bastelnde, als Kochende,… Und ich habe mich damit abgefunden, dass nicht immer alles rund läuft und ich wohl mein ganzes Leben lang lernen werde. Nicht anders ist es bei meinen Kindern.

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Kinder machen keine Fehler, sie lernen einfach. Und in diesem Lernen machen sie nichts falsch, sie probieren sich aus. Ursache – Wirkung. Diesmal ist es schief gelaufen, deswegen mache ich es beim nächsten Mal anders. In der Schule kann das bedeuten: Ich sehe selber, dass ich ein Wort falsch geschrieben habe, weil ich es nicht richtig lesen kann und probiere es anders neu aus. Bei einem Kindergartenkind bedeutet es: Ich habe gemerkt, dass ich einen langen, dünnen Turm nicht unendlich in die Höhe bauen kann und baue beim nächsten Mal vielleicht anders. Bei einem Baby bedeutet es: Ich bin umgefallen, weil ich beim Sitzen mein Gleichgewicht noch nicht richtig halten konnte. Beim nächsten Mal probiere ich eine andere Haltung aus.

Natürlich gibt es Dinge, die Kinder nicht machen dürfen. Als ich den Sohn glücklicherweise erwischte, wie er einen Nagel in die Steckdose stecken wollte, habe ich ihm klar und deutlich gesagt, dass er das nie wieder machen darf. Es gibt auch Dinge, bei denen sich Kinder eben nicht ausprobieren dürfen. Sie dürfen auch nicht einfach auf die Straße rennen oder andere lebensgefährliche Sachen machen. Hier funktioniert das „Prinzip ausprobieren“ nicht. Doch es sind – wenn wir ehrlich sind – die seltensten Fälle, in denen es so ist.

Und wenn es so ist, gilt auch hier: Es ist kein bewusster Fehler. Kinder ordnen ihre Welt, lernen und machen Erfahrungen. Sie probieren sich aus an den Dingen und auch an uns Menschen. Sie wollen uns nicht bewusst ärgern und auch ein „Herausfordern“ ist nicht, was sie böse meinen, sondern was sie für ihre soziale Entwicklung brauchen. Sie schauen auf Reaktionen und lernen das soziale Miteinander davon, wie wir und andere uns verhalten.

Natürlich kann man das Wort „Fehler“ benutzen, aber es klingt so hart. Es ist oft eine Abwertung all der Arbeit und der Gedanken, die dahinter stehen. Kinder haben ihre eigenen Gedanken und Überlegungen. Oft sind sie viel kreativer als unsere Ideen. All diese Kreativität und diese Gedanken mit einem „Du hast einen Fehler gemacht“ abzutun wenn sie nicht zu dem erwünschten Ziel führen, ist schade. Denn manchmal führen diese vermeintlichen „Fehler“ auch zu ganz neuen Dingen, zu Entdeckungen und Erfindungen.

Also beachten wir auch hier wieder einmal unsere Wortwahl unseren Kindern gegenüber: Was wir (oder ErzieherInnen oder LehrerInnen) vielleicht als Fehler betrachten oder benennen, das ist es eigentlich nicht. Es ist der lange Weg, im Leben den richtigen Weg zu finden und manchmal dabei in die falsche Richtung abzubiegen oder sogar eine Abkürzung zu finden, an die wir selbst nicht gedacht haben.

Eure
Susanne_clear Kopie

5 Kommentare

  1. Ich kann mich jetzt nicht bewußt daran erinnern mal gesagt zu haben: „Das ist ein Fehler!“, das etwas falsch ist schon eher. Aber ich glaube, das kommt dann auch eher mit der Schule, wo man von Fehlern spricht.
    Was mich aber mal interessieren würde ist, warum Kinder aus manchen „Fehlern“ nicht lernen? Mein „Bonuskind“ rennt z.B. auch mit 7 noch ohne zu schauen auf die Straße oder über viel befahrene Parkplätze, obwohl es hier schon einige brenzlige Situationen gab. Müßte da nicht auch mal ein Lerneffekt eintreten? Oder erwarte ich da zu viel…
    LG Stephi

  2. Ich selbst nehme einen „Fehler machen“ nicht als etwas Schlimmes wahr und finde es gerade im Hinblick auf Schreib- und Rechenfehler als einziges vernünftiges Wort. Was sagst du denn stattdessen?
    Insgesamt sehe ich es aber so wie du. Es ist ganz normal, dass nicht alles sofort klappt, mal etwas schiefgeht. Das versuche ich auch immer zu vermitteln.
    Dass Worte in dieser Bewertung viel anrichten können, sehe ich auch im beruflichen Umfeld bei Erwachsenen. Nicht ohne Grund gibt es schon länger Versuche den Begriff „menschliches Versagen“ zu vermeiden. Wenn man einen Fehler macht – auch mit verheerenden Folgen -, hat man deswegen nicht als Mensch versagt.

  3. Ich finde es auf der einen Seite wichtig, durch die Wortwahl nichts negatives zu implizieren. Auf der anderen Seite sind ja nicht die Worte per se negativ, sondern die Bedeutung, welche man ihnen beimisst. Das Wort „Fehler“ kann man sicher nicht aus dem Wortschatz der Pädagogen eliminieren. Wie wäre es, wenn wir als Eltern den Kindern diesen Lernaspekt vorleben ohne auf irgendwelche Ersatzworte zurückzugreifen? Aber dann muss selbst auch Fehler als Lerngelegenheiten begreifen. Eine komplexe Aufgabe. Aber aus meiner Perspektive nachhaltiger.

  4. Ein schoener Text. Den sollte ich vielleicht mal unauffaellig einer Mama aus der Schule unterschieben. Die hat ihren Sohn nach dem Krippenspiel total rund gemacht, weil er seinen Auftritt nicht gut gemacht hat. O-Ton: Das hast du ueberhaupt nicht gut gemacht, alles war falsch. Dabei war es so eine grosse Sache, sich ueberhaupt auf die Buehne zu stellen – vor fast allen Eltern von drei Klassen. Da hat mir das Herz geblutet.

  5. Antje Müller Meyer Lehmann

    Oh, davor graut es mir schon: Der Punkt an den man sein Kind nicht mehr vollständig aus dem Druck der „Leistungsgesellschaft“ raus halten kann..

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