Luftgeschichten – wie wir das Leben auffangen

Wir lieben Bücher. Die Kinder lieben Bücher und wir Erwachsenen ebenso. Ich genieße es, in Geschichten zu tauchen und mich einzufühlen in das Gelesene. Einige meiner Bücher habe ich schon dutzende Male gelesen. Es gibt Stimmungen, in denen ich bestimmte Bücher hervor hole. Als ich im Wochenbett lag, habe ich beide Male die gleichen Bücher gelesen. So wie es mir geht, sehe ich es auch bei den Kindern: Sie tauchen ganz ein in die Phantasiewelten, die wir lesen. Mit offenen Mündern schauen sie mich an den spannenden Stellen an. Ihre Augen sind groß und erwartungsvoll. Ich sehe: Sie erleben diese Geschichten ganz und gar,

Es gibt auch bei den Kindern Bücher, die wir immer wieder lesen. Abgegriffene Seiten, Knicke. Als die Tochter noch klein war, hat sie mal mit einem Kugelschreiber in eines ihrer Bücher Linien gemalt. Weil sie das Wichtige markieren wollte, so wie ich es mache. Sie schauen genau hin, die Kinder. Es gibt keine Details im Leben, die ihnen verborgen bleiben. Selbst die kleinen Klebezettel und Striche in meinen Büchern sind ihnen nicht entgangen.

Jeder hat seine Lieblingsbücher und ein eigenes Bücherregal. Und dennoch ist es etwas anderes, was sie besonders lieben. Es sind unsere Luftbücher. Aus den liebsten Buchfiguren soll ich ihnen neue Geschichten basteln. Und das besonders dann, wenn gerade Umbruchsituationen sind, wenn sie etwas Neues beginnen oder Abschied nehmen, wenn sie etwas bewegt. „Mama, erzähl mir von Mary Poppins und wie der beste Freund von Michael wegzog“, „Mama, erzähl mir davon, wie Winnie Pooh in den Kindergarten kommt“. So spüre ich, welche Themen sie wirklich berühren, wann sie Hilfestellung brauchen von uns als Eltern und von den Figuren, die sie so lieben. Und so schlage ich die unsichtbaren Seiten auf und lese vor von Ronja Räubertochter und all den anderen, die sich sonst auf dem Regal tummeln. Sie kommen in Kindergärten, gehen ins Krankenhaus, verabschieden sich, finden neue Freunde, müssen zum Arzt, haben ein Lieblingskuscheltier verloren.

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Eine kleine Hand schiebt sich in die meine „Mama, erzähl mir meine Geburt!“ Das ist die allerliebste Luftgeschichte der Kinder. Beide Geschichten. Die Tochter hört sie immer wieder, obwohl sie doch schon jede Einzelheit kennt. Der Sohn ist gespannt und jedes Mal sehe ich, wie es in seinem kleinen Kopf arbeitet, wie er darüber nachdenkt, dass er wirklich mal in meinem Bauch gewesen sein soll und an unserem Schreibtisch geboren wurde.

Es sind die wirklich wichtigen Dinge, die die großen Geschichten erzählen.

Erzählt Ihr auch Luftgeschichten?
Eure

Susanne_clear Kopie

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