Rücksichtnahme – Wie wäre es mit einem Perspektivwechsel?

Kürzlich schrieb ich einen Artikel über das Fußgetrappel der Kinder, wie ich dem lausche und wie unterschiedlich es ist. Auslöser war ein Gespräch mit einem Nachbarn. Und obwohl es in dem Artikel gar nicht um ein Lärmproblem gehen sollte, obwohl in keinem Wort die sonstige Beziehung zum Nachbarn thematisiert wurde, wurde es in den Kommentaren zu einer Frage der Rücksichtnahme: Rücksicht müsse man den Kindern doch beibringen. Sie dürften doch nicht laut durch die Gegend hüpfen, der arme Nachbar… Per se wurde davon ausgegangen, dass die Kinder nun einmal störenden Krach machen würden und nicht, dass der Altbau vielleicht besonders hellhörig wäre, der Nachbar besonders empfindlich oder unfair. Ich fragte mich: Rücksicht ist anscheinend immer die Rücksicht auf die Erwachsenen?

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Szenenwechsel: Eine junge Familie hat ein Baby, das viel schreit. Die Nachbarn fragen nach, später beschweren sie sich beim Vermieter darüber, dass jeden Abend das Geschrei des Babys zu hören ist. Die Eltern sind verunsichert und können doch an der Situation nichts ändern. Das Baby schreit. Es schreit viele Monate, in denen sich die Eltern schlecht fühlen. Schlecht, weil sie erschöpft sind, weil das Schreien an den Nerven zehrt und schlecht, weil sie damit auch andere belasten. Sie schämen sich, vermeiden schon, Nachbarn im Haus zu treffen, weil es ihnen unangenehm ist. Zu der Sorge, die sie schon haben, kommt die Sorge um die anderen. Um ihre Befindlichkeiten. Doch wer nimmt eigentlich Rücksicht auf das Baby und die Eltern?

Die Eltern des schreienden Babys und die Eltern der lauten Kinder, sie beide werden in den Betrachtungen der Rücksichtnahme ausgelassen. Die Eltern der lauten Kinder versuchen vielleicht jeden Tag dagegen an zu reden, dass die Kinder etwas weniger laut sein sollen, dass sie weniger über den knarzenden Dielenfußboden rennen sollen. Jeden Tag wird die Beziehung zu den Kindern durch die eingeforderte Rücksichtnahme auf die Nachbarn belastet. Es wird gemahnt, vielleicht geschimpft oder angedroht, dass sie nicht mehr ins Wohnzimmer dürfen, wenn sie immer wieder von dem Sofa springen. Nicht, weil es die Eltern stört, sondern vielleicht einen anderen. Jeden Tag erfolgt der Versuch, gegen die Natur des Kindes und seinen natürlichen Bewegungsdrang anzukommen. Weil das in der Gesellschaft heute nunmal so sei, weil sich Kinder an diese neuen Rahmenbedingungen anpassen müssten, für die sie anscheinend doch nicht gemacht sind. Die Eltern des schreienden Kindes versuchen nach allen Kräften, ihr Kind zu beruhigen und auch das belastet die Beziehung.

Rücksicht, das bedeutet bei uns oft, dass wir Rücksicht nehmen sollen auf die Bedürfnisse der Erwachsenen. Und zwar nicht die der Eltern sondern die der anderen, oft der Nicht-Eltern. Doch wechseln wir einmal die Perspektive: Warum bedeutet Rücksicht nehmen, sich an den Bedürfnissen der Erwachsenen zu orientieren? Warum können wir Erwachsene nicht auch Rücksicht nehmen auf die Bedürfnisse der Kinder? Gerade dann, wenn wir wissen, wie sich Kinder entwickeln und welche Bedürfnisse sie von Natur aus haben? Warum wiegt es soviel mehr, wenn sich Erwachsene an den Geräuschen stören als wenn Kinder sich daran stören, in ihrem Bewegungsdrang eingeschränkt zu werden? Warum bedeutet Rücksichtnahme nicht auch, sich an dem Bedarf der Eltern zu orientieren und zu berücksichtigen, dass man sie nicht zusätzlich unter Stress setzen sollte? Beim Beispiel des allein lebenden Nachbarn, der gerne und viel laut Musik spielt, sich aber über das Fußgetrappel der Kinder am Wochenende aufregt: Warum bedeutet Rücksichtnahme hier nicht, dass er am Wochenende mit Oropax schläft, um die Kinder nicht einzuschränken in ihrem Bedürfnis und die Eltern nicht Woche für Woche in ihrer Erziehungsaufgabe unter Stress setzt?

Ja, Rücksichtnahme ist wichtig. Doch Rücksichtnahme ist oft auch ein Aushandlungsprozess. Es gibt zwei Seiten der Waagschale, die zu beachten sind. Es bedeutet nicht, dass nur den Bedürfnissen der Kinder nachgegangen werden muss und natürlich müssen Kinder auch an gesellschaftliche Konventionen heran geführt werden. Doch wie in so vielen anderen Dingen funktioniert das nicht über das Ermahnen und über Strenge, sondern durch das Vorbild. Gerade bei Kindern, deren Einfühlungsvermögen altersbedingt noch nicht stark ausgeprägt ist. Rücksichtnahme erlernen bedeutet auch, Rücksichtnahme zu erfahren.

Eure
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  • Sarah Nic

    Wieder ein wunderbarer Artikel von dir. Du hast so recht! Leider scheint Rücksichtnahme in unserer Gesellschaft ein generelles Problem zu sein. Ich habe immer das Gefühl, dass es den meisten immer leicht fällt Rücksicht auf die eigenen Kinder/Enkel zu nehmen. Bei den Fremden scheint das schwieriger. Ich merke das sehr stark bei einem Großelternpaar meiner Kinder. Meine Töchter erfahren von diesen sehr viel Rücksicht, aber wenn andere Kinder zB. auf großen Familienfesten laut spielen kommen sehr schnell Beschwerden und die Eltern dieser Kinder werden auch schnell angegriffen. Das finde ich sehr schade. Es wäre schön, wenn sich diese Rücksichtnahme nicht immer nur auf den engsten Familien- bzw. Freundeskreis beziehen würde.
    Sarah von schwesternliebeundwir.de

  • Katrin

    Aber gerade um den Perspektivenwechsel ging es doch einigen Kommentarschreibern. Die meisten sind Leute, die größtenteils Deine Ansichten teilen und Dir, bzw. auch Kindern, nichts Böses wollen. Es geht doch einfach darum, beide Seiten zu verstehen. Und so, wie Du es schriebst, konnte man einfach auch für den Nachbarn Verständnis aufbringen. Ich wette, hättest Du geschrieben, dass der Nachbar unfreundlich und unkooperativ gewesen war, hättest Du viel Beistand erhalten von uns meisten, die gern viel Verständnis und Rücksicht besonders auf Kinder nehmen. Und ich habe auch verstanden, dass es Dir bei Deinem Artikel tatsächlich nicht vorrangig um den Nachbarn ging. Dennoch war er ein Teil der Geschichte und ich finde eine konstruktive Diskussion darüber darf doch stattfinden. War der Nachbar denn unfreundlich und verständnislos?

  • Victoria

    sehr schön von dir geschrieben. Ich finde auch dass immer viel zuviel Rücksicht auf Erwachsene genommen wird. Kinder müssen in Deutschland immer noch viel zu sehr kleine Erwachsene sein. In anderen Ländern ist das bei weitem nicht so. Und dort werden sie dann übrigens trotzdem zu rücksichtsvollen Erwachsenen.
    Mit hat folgender Vorfall mal schön die Augen geöffnet.
    Wir sitzen mit unserem 1 jährigem Sohn im Flugzeug. Noch vor dem Start fängt er an zu quengeln und laut zu werden. Mit schießt schon der Schweiß aus allen Poren weil es viel zu laut ist. Und dann dreht sich meine sitznachbarin zu uns um. Eine sehr edle 50jährige Thailänderin. Sie fängt an zu lächeln und unterhält unseren Sohn die folgenden 1,5 Stunden. Ganz selbstlos und voller Verständnis. Und genau darum geht es meines achtens in vielen Situationen. Einfach mal mehr Verständnis haben und versuchen zu helfen anstatt immer nur auf sein Recht zu beharren. Denn die meisten Eltern sind bemüht dass ihre Kinder niemanden stören. Nur manchmal müssen Kinder eben genau das weil es um ihr Bedürfnis geht. Mit etwas mehr Miteinander würden unsere Kinder hier in dem Bewusstsein aufwachsen, dass sie etwas wert sind und nicht möglichst unauffällig sein sollen. Das macht aus ihnen dann gleich viel glücklichere Erwachsene.

  • minnies

    Ich finde deinen Text ein wirklich guter Denkanstoß. Wir wohnen zum Glück im Erdgeschoss und ich habe schon so manches Mal gedacht: „Wie gut, dass niemand unter uns wohnt“. Aber wenn ich genau darüber nachdenke, dann ist es bei uns zu humanen Zeiten laut, da ein kleines Kind schließlich auch noch einen großen Teil des Tages verschläft. Ich weiß ja nicht, um welche Morgenstunde es beim Ausschlafen ging, aber Oropax sind sicher eine zielführende Möglichkeit. Meist steigert man sich ja in das Gefühl des „Gestört werden“ hinein und konzentriert sich dann nur noch auf das störende Geräusch, so dass auch leises Fußgetrappel als Problem empfunden wird.