Warum wir nicht selber unsere Krone richten und weitergehen müssen

Immer wieder stoße ich auf den Spruch „Hinfallen, aufstehen, Krone richten, weitergehen“. Er begegnet mir auf Facebook, Instagram, in Läden als Bild mit Rahmen. Und so sehr ich ihn auch verstehe in dem, was er uns sagen will – das Leben geht weiter nach einer Krise – so sehr finde ich ihn auch einfach falsch. Denn er vermittelt uns etwas, das wir viel zu oft vermittelt bekommen: Reiß Dich mal zusammen. Aber Zusammenreißen geht nicht immer, muss auch nicht gehen und manchmal macht es nur alles schlimmer.

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Es gibt Phasen im Leben, die sind schlimm und schmerzhaft. Man geht durch eine Krise, eine dunkle Zeit. Vielleicht, weil man einen geliebten Menschen verloren hat – in der Familie, im Freundeskreis oder auch das Baby, das noch im Mutterbauch war -, weil man eine Trennung hinter sich hat, die Arbeit verloren hat oder aus irgendeinem anderen Grund. Krisen gehören zum Leben. Doch auch wenn wohl kaum einer in seinem Leben davor geschützt werden kann, ist es nicht okay, ihm abzuverlangen, dass er sich schnell wieder aufrappeln müsse, da das Leben nunmal so sei.

Krisenzeiten sind auch Zeiten der Einkehr in denen man wieder zu sich finden muss, in denen man sein Leben überdenkt, sich neu findet, sich neu positioniert. Wer einen Verlust erlebt hat, muss lernen, sein Leben ohne diesen einen Menschen weiter leben zu können. Der Alltag ändert sich und man braucht Zeit, sich darauf einzustellen. Trauer, Unglück, Schwermut sind nicht einfach abzuschütteln und es hat einen Sinn, dass wir nach Abschieden verschiedene Phasen durchmachen, die einen Menschen wieder zurück bringen in das alltägliche Leben – aber nach seinem eigenen Tempo.

Warum gestehen wir heute anderen Menschen nicht diese Ruhepause zu? Warum muss immer alles schnell weitergehen? Schnell zurück ins alte Leben, schnell nicht mehr trauern, schnell wieder funktionieren. Und wo bleibt in diesem Spruch eigentlich die Zuwendung, die Hinwendung zum anderen. Denn wenn wir durch eine schwere Zeit gehen, dann tut es gut, Menschen an der Seite zu haben.

Ich wünsche mir, dass wir den Menschen um uns mehr Zeit geben würden, um ihre Wege zu gehen. Dass wir Sätze wie „Du warst doch noch ganz am Anfang der Schwangerschaft, werde doch einfach schnell wieder schwanger“ oder „Deine Mutter war ja auch schon sehr alt und krank. Du musst Dich damit abfinden und nach vorne blicken“ oder „Da hilft kein weinen, reiß Dich zusammen, sonst findest Du nie einen neuen Job“ nicht mehr sagen. Dass wir nicht erwarten, dass jeder nach einem Fall sofort wieder aufspringen muss, um sein Ansehen wieder her zu stellen und weiter zu gehen. Ich wünsche mir, dass es Menschen gibt, die einen Fall wahrnehmen, die beim Aufstehen helfen und nicht erwarten, dass man eine Krone trägt, sondern den Kopf in ihre Hände nehmen und sagen: „Ich bin hier, ich helfe Dir.“

Eure

Susanne_clear Kopie

 

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8 Kommentare

  1. Ach so…. ich hatte den Spruch immer eher als Hinweis verstanden, sich nicht zu sehr zu grämen, wenn man selbst versagt hat. Aber so könnte man es auch deuten.
    Lieben Gruß
    Gabi

  2. Anja von der Kellerbande

    Ich glaube nicht, daß in dem Spruch die Schnelligkeit maßgebend ist.

    Das interpretierst du so.

    Es soll doch eher ermutigen. Wenn zB. jemand hingefallen ist, kann er sich in Ruhe ausweinen und trösten lassen. Aber er soll nicht sitzen bleiben weil er glaubt er würde bald wieder hinfallen, sondern aufstehen und weiterlaufen.

    Ich war auch schon sehr verzweifelt und habe eine schwere Krankheit überstanden. Ewiges Trübsal blasen und in Selbstmitleid versinken wären mein Untergang gewesen…nein ich bin „aufgestanden, hab meine Krone zurecht gerückt und bin weitergegangen.“

    Liebe Grüße

  3. Wow. Danke für diesen Artikel, der mir gerade Tränen in die Augen getrieben hat. Es ist so wahr, und wie sehr hätte es mir in Zeiten der Trauer und des Abschieds von zwei verlorenen Babys geholfen, genau diesen einen Satz nicht zu hören, sondern Deinen letzten in diesem Artikel. Es jetzt so zu lesen und mich verstanden zu fühlen hat ein kleines Eckchen in meinem Herzen geheilt und wieder gut gemacht. Ich danke Dir!

    • Ach so, ich meinte mit „den einen Satz“ den ich nicht hören wollte übrigens den mit „du warst doch noch ganz am Anfang, nicht den mit der Krone. Um den geht es ja auch nur zweitrangig, sondern vielmehr um die verbreitete Erwartungshaltung, man müsse sich nach Tiefschlägen oder Verlusten eben möglichst schnell wieder zusammenreißen und nach einer „angemessenen“ Zeit der Niedergeschlagenheit bitte wieder normal sein. Aber wer bitte kann, außer mir selbst, beurteilen, wieviel Zeit vergehen muss und wieviel Trauer „angemessen“ ist, bis die Wunden heilen? Ich habe genau diese Haltung zu spüren bekommen und hatte den Eindruck, nicht genug Zeit und Raum für meine Trauer und meine Abschiede zu haben.

  4. Miriam Heim

    Guten Morgen…
    ich kann verstehen um was es geht.
    Und ich finde auch es ist zu wenig ZEIT in unserem Leben um zu trauern sich zu fangen weil die Erwartungen zu hoch sind.
    Als
    ich nach der Geburt unseres ersten Kindes(34Std.geamt dauer ) mit einem
    Dammriss 3.Grades nach der ersten Nacht erwachte mich nicht ohne
    schmerzen bewegen konnte,nicht sitzen, ich allein mit meinem Baby aím
    Bett lag u wartete bis mein Mann kam fühlte ich mich so einsam und
    hilflos und leider wurde daraus eine Post Partale Depression…

    Das sind die Hormone…
    Freu dich doch über das Baby…
    Stell dich nicht an…
    Schlaf wenn das Babay schläft…
    Ach das mit dem Stillen istr doch ein alter Hut, gib die Flasche….
    Wir haben alle Kinder bekommen, das tut halt weh….
    Reiss dich zusammen und lass dich nicht so gehen….
    …..

    Nach
    5 monaten mit Tränen und einem Geburtstrauma bin ich aus eigenem
    Antrieb zu einer S.A.F.E Mentorin und die hat mir letztendlich
    geholfen…
    Sie war die erste nach dieser Zeit die MICH und meinem Schmerz meine Trauer und meine Ängste verstanden hat.

    1Jahr Therapie und Aufarbeitung dessen was geschehen war…

    Das eine Geburt kein Spaziergang ist war mir von Anfang an KLAR…
    Das es Kräfteraubend ist ebenso
    Das es ein Leben komplett verändert wusste ich genauso…
    Aber
    das erwartet wurde das ich im7.Himmel schwebe nach einem Dammriss,einem
    taubheitsgefühl im Intimbereich,ich 1 Jahr nicht mit einem Mann
    schlafen konnte weil es Messer scharfe schmerzen waren, ich wegen dem
    gesehenen nicht stillen konnte was ich so gerne wollte, ich mein Baby
    nicht genießen konnte das mich das alles so aus der Bahn geworfen hatte
    hat keiner verstanden…ich wurde gegängelt, gehetzt zu sachen
    angetriben die ich nicht wollte…ich wollte mit mioenem baby im bett
    liegen es riechen mkt ohm kuscheln es stillen es mit allen Sinnen
    kennenlernen….
    Mein Mann war der einzige der mich gehalten getröstet mir ZEIT und RAUM gegeben hat in der neuen Welt anzukommen…

    Ich
    liebe mein Kind das heute 2 1/2 Jahre alt ist von ganzem Herzen und ich
    bin stolz das ich das alles überwunden hab – mit vielen Geprächen und
    Zeit

    Es ist alles schnellebiger geworden,überall erreichbar,keine Schwächen zeigen,immer on Top,Frauen in führenden Positionen,schnell zurück in den Job damit man dranbleibt,….

    Ich lebe mit Zeit, denn Zeit ist das was uns etwas gibt

    Miriam

  5. Cafétasse

    Ich habe den Spruch immer anders verstanden und muss schmunzeln, wenn ich ihn lese… Ich fühle mich auch dadurch nicht unter Druck gesetzt. Am besten hilft er mir, wenn ich mal wieder was „falsch“ gemacht habe im Umgang mit meinen Kindern. Im Nachhinein denke ich manchmal, das hätte ich aber anders lösen/machen können, da hätte ich anders reagieren können. Aber ewig darüber grübeln hilft ja in dem Moment auch nicht mehr… Also: aufstehen, Krone richten und weitermachen – und beim nächsten Mal besser.
    Bei schweren Schicksalsschlägen bin ich Deiner Meinung: Keiner muss sofort wieder aufstehen und die Krone richten – und schon gar nicht um den Schein zu wahren!!!

  6. Christiane Falkner

    Ich habe diesen Spruch heute zum 1.mal ! in unserem Kunstfenster in Rehydt gesehen….da saß ein klei
    nes Männlein ganz oben auf einem Holzbrett mit einer Krone auf dem Kopf und daneben stand dieser Spruch in sehr schöner dreidimensionaler Schrift….
    Er ist wunderbar weil es genau so ist und das hat nichts mit Zeit zu tun….jeder Mensch fällt im Leben hin und das nicht nur einmal aber wenn man seine Krone wieder aufgerichtet hat d.h. die Krise überwunden hat, dann kann man stolz auf sich sein, man ist gewachsen weil Krisen etc. fast immer Veränderungen mit sich bringen und nur Veränderungen lassen einen Menschen wachsen und schaffen Platz für Neues und kann dann erst weiter gehen…das Leben ist ein fließender Prozess……bei mir gehört eine Krone schon seit Jahren zu meinen Ritualen….ich lobe mich
    jeden Tag selbst für das was ich leiste und klopfe mir auf die Schulter….wenn ich aber etwas besonders gut gemeistert habe dann setzte ich mir noch eineKrone auf und den roten Teppich rolle den roten Teppich aus auf den eigentlich jeder von uns gehört….schade , daß das so wenige Menschen erkennen…
    Liebe Grüße. …

  7. Mir hat der Spruch mal sehr geholfen, einfach weil ich das Gefühl hatte, eben nicht alleine zu sein. Das Krönchen symbolisierte meinen Gott (Vater), der es mir gegeben hatte, der mich behütet und mir sagen will, dass er da ist, immer und gerade jetzt, auch wenn ich zweifle und das Krönchen etwas von seiner Stelle „verrückt“ wurde. Ich hatte neue Kraft dadurch bekommen. So hatte ich diesen Vers interpretiert.

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