Bindungsorientiert Leben im Krankheitsfall – geht das?

Manchmal kommen viele Dinge, viele kleine Bruchstücke zusammen, die mich an einem Artikel schreiben lassen. An diesem Wochenende musste ich mit meinem Sohn ins Krankenhaus. Ich erinnerte mich sofort daran, wie wir vor fast genau einem Jahr dort waren: meine Tochter, mein Sohn und ich. Und gerade in der letzten Woche habe ich mit meiner lieben Bloggerkollegin aluberlin von GrosseKöpfe unseren ersten Podcast der Serie Mutterskuchen aufgenommen. Wie es der Zufall will, ging es darum um das Thema Kinder in Krankenhäusern. Dazu passte auch, dass ich vor einigen Tagen eine Email bekam von einer Leserin, deren Kind krank wurde und die mich fragte, wie bindungsorientierte Elternschaft gehen kann, wenn man gegen den Willen des Kindes etwas machen muss, wenn man ihm Medikamente geben oder es untersucht werden muss. Kann man bindungsorientiert sein, wenn Kinder krank sind?

Gleich zu Anfang: Ja, natürlich geht das. Bindungsorientierte Elternschaft bedeutet nicht, dass wir uns jederzeit und immer nach den Wünschen der Kinder richten. Es bedeutet nicht, dass wir in jeder Situation einfach nachgeben können. Dass wir beispielsweise nie mehr die Zähne unseres Kindes putzen, weil es einfach keine Lust darauf hat oder wir ihm im Winter keine Schuhe mehr anziehen oder sofort neue kaufen, weil ihm die Farbe der Winterschuhe nunmal nicht gefällt. Jeden Tag müssen wir als Eltern Entscheidungen treffen. Es ist wunderbar, wenn wir diese gemeinsam mit unseren Kindern treffen können oder in ihrem Sinne. Oft gelingt uns dies auch. Aber manchmal gibt es Situationen, in denen wir ihnen zuliebe gegen ihren Willen entscheiden müssen: Wir können sie nicht einfach auf die Straße rennen lassen, wir können sie nicht im Zoo ihre Hand durchs Gitter strecken lassen und manchmal müssen wir ihnen Medikamente geben oder sie von einem Arzt untersuchen lassen auch wenn sie es nicht wollen.

Die Frage ist daher nicht, ob wir uns nicht richtig verhalten, wenn wir dies tun müssen. Die Frage ist, wie wir dennoch gut mit ihnen dabei umgehen. Wie wir – auch wenn wir Entscheidungen treffen, die ihrem Willen entgegen gesetzt sind – dies gemeinsam mit ihnen verarbeiten. Manche Kinder werden sehr krank und müssen Medikamente nehmen, untersucht oder operiert werden. Und sie wünschen sich nicht, von Ärzten oder Krankenschwestern behandelt zu werden. Aber es ist notwendig. Es ist vielleicht sogar notwendig, weil ihr Leben davon abhängt. Wenn wir also eine unpopuläre Entscheidung für unsere Kinder treffen, müssen wir sie mit Überzeugung treffen und dann bei unseren Kindern sein, ihnen erklären und ihnen helfen, mit der Situation klar zu kommen. Dies ist bindungsorientierte Elternschaft im Krankheitsfall.

Aluberlin von Grosse Köpfe hat in ihrem Artikel eine Liste gemacht mit all den Dingen, die wir berücksichtigen sollten als Eltern, wenn unsere Kinder krank werden. Wenn sie ins Krankenhaus kommen. Aber natürlich gilt dies auch immer dann, wenn wir sie zu Hause behandeln. Bindungsorientierte Elternschaft bedeutet, dass wir manchmal Entscheidungen treffen, von denen wir überzeugt sind. Gerade weil wir dies sind, können wir zu ihnen stehen. Wir können – und müssen – unseren Kindern ruhig erklären, warum eine Behandlung notwendig ist. Wir sprechen mit ihnen – egal welches Alter das Kind hat. Ob ein Frühchen im Inkubator oder eine Fünfjährige mit Blinddarmentzündung: Jeder Mensch hat den Respekt verdient, mitgeteilt zu bekommen, was mit ihm gemacht wird. Bei dem Warum und Wie müssen wir natürlich das Alter des Kindes berücksichtigen. Aber wichtig ist immer, dass wir ehrlich sind: Dass wir nicht sagen, dass es nicht weh tut, wenn es dann doch weh tun wird. Wie sollen uns unsere Kinder sonst später noch glauben? Wir müssen ehrlich sein, denn auch das hat mit Respekt zu tun. Wir sprechen auf kindgerechte Weise mit ihm und entscheiden auch, welche Informationen es von anderen Personen über die Krankheit und Behandlung bekommt. Und natürlich sind wir da. Wir sind immer da. Wir halten kleine Hände, wir sind da beim Aufwachen und Einschlafen. Wir geben Kraft und sind der Fels in der Brandung.

All das sind wir, wenn wir gegen den Willen eines Kindes ein wichtiges Medikament geben müssen ebenso wie wenn wir es zu einer lebensnotwendigen Operation begleiten. Bindungsorientierte Elternschaft macht sich nämlich gerade in diesen Zeiten aus, in den Krisenzeiten. Wenn wir nicht wegsehen, sondern einfach da sind. Wenn wir einen Weg mit gehen, auch wenn er unbequem und unschön ist, aber notwendig.

Elternwege sind oft nicht einfach. Oft kommen wir an unsere Grenzen und haben auch Angst, sind verzweifelt, fühlen uns unsicher. Es ist ganz normal. Und es gehört dazu, dass wir auch manchmal über unsere Grenzen gehen müssen und Dinge tun müssen, die für Kinder wichtig sind, ihnen aber nicht gefallen. das macht uns nicht zu schlechten Eltern. Im Gegenteil: Wenn wir sie sicher begleiten durch eine solche Krisenzeit  – was gäbe es dann noch für sie zu fürchten?

Wenn Ihr mehr über meine Gedanken zum Thema Kinder im Krankenhaus erfahren möchtet, hört in den Podcast hinein.

Habt auch Ihr schon Krankheiten oder Krankenhausaufenthalte mit Euren Kindern erlebt?
Erzählt mir gern Eure Geschichte.
Eure

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3 Kommentare

  1. Aada K. Lopez

    Oh ja, das kenne ich. Aber wie du so schön schreibst: Wenn man einen ehrlichen Umgang miteinander pflegt und den Kindern stets vermittelt da zu sein, bei Wind und Sturm, dann können sie letzten Endes sehr gut mit solchen Dingen umgehen. 🙂 Kinder und die Bindung zu ihnen ist meist stärker, als manche vermuten möchten. Das fängt bei einem kleinen Pieks im Po an und hört manchmal bei einer Operation auf. – Ich hoffe, deinem Kleinen geht es wieder gut. LG!

  2. Wir mussten leider im letzten Frühjahr über eine Woche auf der SäuglingStation verbringen. Erst waren wir nur zu zweit. Die Mini-Maus und ich kamen per Blaulicht. Ihr Zwillingsbruder folgte 3 Tage später.
    Es war schrecklich. Wenn man Kinder kaum in den Arm nehmen kann vor Schläuchen. Und Rüffel bekommt, weil das Kind in der Nacht auf Mamas Bauch liegt, statt im Bett. Sie war doch so unruhig und die Schläuche lang genug.
    Am Ende hat sie im Krankenhaus krabbeln, sitzen und stehen gelernt und ich das Leiden. Wochenlang war besonders die Kleine durch den Wind und nur auf meinem Arm. Hat jedem misstraut.
    Aber wir hätten keine Alternative gehabt.

  3. Fledermama

    Wie gerne hätte ich die Hand meines kleinen Raben gehalten… Aber hier in China dürfen selbst Eltern nicht auf die NICU (Neugeborenen Intensivstation). Und dort lag er direkt nach der Geburt für eine Woche. Und bekam Pulvermilch nach der Uhr und Antibiotika, während ich mich in den Schlaf weinte und mit der Milchpumpe maltretierte… Mein Mann meint, der Kleine habe das doch längst vergessen, aber ich bin der festen Überzeugung, dass dem nicht so ist…

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