Du weißt, was Du brauchst! – Kinderbedürfnisse wertschätzen

An manchen Tagen ist es nicht einfach, wenn die Kinder ihre Bedürfnisse anmelden und dafür einstehen. Wenn sie nicht die Kartoffeln mit Quark essen wollen, sondern nur Tomaten. Oder wenn sie abends noch unbedingt in die Badewanne wollen, obwohl es doch schon Schlafenszeit ist. Oder wenn sie sagen, dass der Fuß schmerzt und sie deswegen nicht in den Kindergarten könnten. Dabei haben wir doch ganz andere Pläne gehabt, wollten das Essen schnell auf den Tisch bringen, die Kinder ins Bett oder waren schon mit einem Fuß im Auto auf dem Weg zur Arbeit.

Aber sehen wir uns diese Bedürfnisse einmal an, wenn wir sie selber haben. Wenn wir am Abend zu unserer Partnerin/unserem Partner sagen: „Schatz, ich möchte heute keine Kartoffeln mit Quark, mir steht der Sinn nach Tomatensalat.“ und er/sie sagt „Aber Liebes, heute gibt es nun Kartoffeln. Keine Diskussion!“ oder wir sagen „Puh, ich geh noch schnell in die Badewanne.“ und er/sie „Schatz, ich glaube, Du gehst heute nur noch schnell ins Bett.“ Oder wir wachen am Morgen mit Gliederschmerzen auf – gehen wir dann wirklich zur Arbeit?

Wir alle wünschen uns für unsere Kinder, dass sie selbst bestimmt groß werden, dass sie für ihre Bedürfnisse einstehen und sie im Leben später gut äußern können, damit sie ihren Weg gut und selbstbestimmt gehen können. Wir wünschen uns, dass sie auf ihr Bauchgefühl hören, wenn es darum geht, ob sie eine Sachen machen oder nicht, wie sie sich ernähren und mit anderen umgehen. Sie sollen ihre Bedürfnisse erkennen und richtig darauf reagieren.

Und obwohl wir alle diesen Wunsch haben, fällt es uns im Alltag manchmal so schwer, unseren Kindern diese Gut zu vermitteln: Für die eigenen Bedürfnisse einstehen und sie durchzusetzen. Es fällt uns so schwer, unsere Kinder ihren Weg gehen zu lassen, wenn er von unserem so abweicht. Dabei ist es für sie so wichtig, dies zu lernen.

Als Erwachsene komme ich immer wieder in Situationen, in denen ich denke „Ich möchte das so oder so tun“ und dann mache ich es doch anders. Ich handel gegen mein Bauchgefühl, weil ich mir denke, dass es doch anders sein müsste, dass ich das doch nicht so machen einfach machen kann. Die ermahnende Stimme von Eltern, Lehrern, Chefs sagt mir, einen anderen Weg zu gehen. Und gerade in diesen Situationen denke ich nur allzu oft danach „Ach, hätte ich es doch anders gemacht. Hätte ich mal auf mein Bauchgefühl gehört!“

Kinder können das oft noch. Sie haben ein Bauchgefühl. Ihr Bauchgefühl kann ihnen sagen, dass sie vielleicht jetzt gerade bestimmte (gesunde) Lebensmittel brauchen, weil ihr Körper sie braucht. Sie spüren, dass sie vielleicht lieber einen Gang runter schalten sollten und zu Hause bleiben, weil sich vielleicht eine Erkältung anbahnt und ehe sie ganz davon betroffen werden, wollen sie vielleicht lieber schon vorher etwas Ruhe und Kraft tanken.

Vielleicht ist es nicht jeden Tag und in jeder Situation möglich, jedes dieser Bedürfnisse anzunehmen. Und oft gibt es auch Situationen, in denen wir einschreiten müssen aus dem ein oder anderen Grund. Und auch wir müssen unsere Wege gehen. Aber wir können ihnen klar machen, dass wir sie wahrnehmen und verstehen. Wir können ihnen sagen, dass es uns leid tut, dass dafür heute kein Raum ist. Und dass wir es an einem anderen Tag anders machen. Und es dann auch wirklich tun. Wir können ihnen zeigen: Du hast ein Gespür für Dich und es ist gut, dass Du Dich wahrnimmst und für Deine Bedürfnisse einstehst. Das macht Kinder stark und gibt ihnen ein gutes Gefühl für sich und begleitet sie sicher in die Zukunft.

4 Kommentare

  1. Ja, könnte man drüber nachdenken, solche Situationen anders zu handhaben.

    Ich habe aber ein Problem mit der Grundprämisse, denn deine rethorischen Fragen am Anfang beantworte ich tatsächlich anders, als vermutlich erwartet.

    Wenn ich (oder meine Frau) geplant haben, dass es Kartoffeln mit Quark gibt, dann gibt es die auch, selbst wenn einer spontan Lust auf Tomatensalat hat.
    Und wenn ich (oder meine Frau) zu später Stunde auf die Idee komme baden zu gehen, dann wird der Partner sagen „Muss das unbedingt sein? Ich denke nicht“
    Und Gliederschmerzen reichen bei mir tatsächlich noch nicht zum Krankfeiern aus.

    Stelle ich deshalb vielleicht auch den Anspruch an mein Kind genauso zu handeln wie ich? Ist das gerechtfertigt? Oder müsste ich Kindern da eigentlich sogar mehr Freiraum lassen, als ich ihn mir selber gestatte?

  2. Was ist denn dein Vorschlag für die genannten Situationen? Wenn ich Tomatensalat möchte und es gibt Kartoffeln, habe auch ich Pech. Ich könnte los fahren, Tomaten kaufen, Salat schneiden aber in der Zeit müsste mein Partner alleine essen. Das fänd er nicht gut und gemütlich ist das für mich auch nicht.
    Wenn ich abends spät baden möchte, kann ich das im Gegensatz zum Kind, alleine. Ich würde ihn aber vielleicht mit dem laufenden Wasser nerven. Also würde ich vermutlich nicht baden.
    Wenn ich mit Gliederschmerzen aufwache, muss ich entscheiden, wie schwerwiegend diese Schmerzen sind. In den meisten Fällen gehe ich ins Büro und sehe im Laufe des Tages, ob es geht oder nicht. Wenn für die Firma wichtige Termine anstehen, ziehe ich die durch. Wenn eh ein unwichtiger Tag ist, gehe ich vielleicht früher. Ein Kind kann aber doch nicht abschätzen. Es kann weder absehen, ob die Schmerzen im Verlauf des Tages besser werden, noch ob sie groß genug sind um einen Eltern-Krank-Tag zu „rechtfertigen“.
    Ich bin durchaus total bei dir, dass das wichtige Bedürfnisse sind, die man nicht ignorieren soll. Ich finde aber es ist genauso wichtig, dass die Kinder lernen, dass sie nicht der Mittelpunkt der Welt sind sondern Teil eines sozialen Gefüges in dem jeder Kompromisse machen muss und wo man auch mal unangenehme Situationen ertragen muss.
    Wenn mein fiktives Kind keine Kartoffeln mit Quark wollen würde, müsste es diese auch nicht essen. Zur Verfügung stehende Möglichkeiten, wie ein Brot, ein Apfel oder ähnliches, stünden alternativ zur Auswahl. Mehr aber auch nicht.
    Wenn es abends baden möchte und ich möchte gerne schlafen, dann kann man versuchen mich zu überreden aber ich wäre nicht bereit mein Bedürfnis nach Schlaf grundsätzlich hinten an zu stellen.
    Krankheiten einzuschätzen halte ich ebenso für die Aufgabe eines Erwachsenen. Damit ist ein Kind doch total überfordert. Ich würde schauen, wie meine Arbeit das zulässt und dem Kind zum Beispiel anbieten es früher abzuholen.
    Was würdest du machen?

  3. Ich schließe mich der Frage von Yvi an..das klappt irgendwie nicht immer…vor allem wenn das akute Alternativbedürfnis des Kindes nicht Tomatensalat ist, sondern Schokolade?! Was ist dann? 😉 Oder: das Kind will nicht baden, aber muss, weil schon seit 5 Tagen nicht gebadet? Oder Haare waschen nach 2 Wochen? Man muss immer versuchen, Kompromisse zu finden, aber es geht nicht immer!
    LG, Julia

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