Das Baby-Led Weaning Experiment: Wie mein Baby ohne Brei mit dem Essen beginnt – Ein Tatsachenbericht Teil 2

Ist das Baby nun bereit für die erste Beikost, das heißt, es kann (fast ohne Hilfe) aufrecht sitzen, Dinge mit der Hand ergreifen und selbständig zum Mund führen, stellen sich für Eltern die Fragen: Wie beginne ich nun wirklich mit Baby-Led Weaning? Welches Essen ist geeignet und welches nicht? Muss ich irgendwas beachten?

Baby-Led Weaning ist eigentlich ganz einfach: Das Baby isst ab dem Zeitpunkt, an dem es bereit ist, einfach mit. Doch für uns ist dies gar nicht so einfach, denn schließlich haben wir über Jahre von allen Seiten gehört: Babys langsam an Beikost heran führen. Nicht zu viele unterschiedliche Lebensmittel geben, sondern langsam Neues einführen und sehen, wie das Kind es verträgt. Karotten sollen Verstopfung machen, Pastinaken eher abführen. Und bei Brot ist man sich mittlerweile ganz unsicher: Früh mit Gluten vertraut machen oder lieber spät, damit keine Zöliakie entsteht? Und was ist eigentlich mit Milchprodukten?

Bei BLW gibt es dabei nur wenige und ganz einfache Regeln, die beachtet werden müssen:

  1. Das Kind darf sich aussuchen, was es vom gesunden Familienessen mitisst.
  2. Die Speisen sollten nicht extra gesalzen sein.
  3. Die Speisen sollten nicht gezuckert sein, es gibt keine „Süßigkeiten“.
  4. Es werden selbstverständlich keine gefährlichen Speisen gegeben: Keine Nüsse (insbesondere Erdnüsse wegen Erstickungsgefahr), kein Honig (Botulismusgefahr), bei Nahrungsunverträglichkeiten oder Allergien vorher mit einem Arzt oder Ernährungsberater sprechen
  5. Vertrau Deinem Kind: Was es ablehnt, verträgt es vielleicht auch nicht.
  6. Dem Kind wird niemals Essen aufgedrängt, denn es hat seine Gründe, warum es nicht isst (siehe z.B. Punkt 5).
  7. Das Kind isst selbständig: Es wird nicht gefüttert, Lebensmittel werden ihm nicht an den Mund gehalten und auch nicht für das Baby gehalten.
  8. Das Kind soll Freude am Essen haben.
  9. Das Kind entwickelt sich nach seinem eigenen Tempo: Es gibt immer wieder Phasen, in denen es weniger isst. Das ist normal – selbst bei Breikindern!
  10. Das Kind bekommt weiterhin Muttermilch/künstliche Säuglingsnahrung, anfangs als Hauptnahrungsmittel. Die Umstellung auf gänzlich feste Kost dauert lange und wird vom Kind bestimmt.
  11. Das Kind muss aufrecht sitzen beim Essen und wird niemals mit Nahrung allein gelassen.

 

Niemals hungrig beginnen

Bei der Einführung von Breikost wird oft behauptet, Babys sollten ruhig hungrig sein, damit sie die neue Nahrung auch annehmen. Das ist natürlich Unsinn: Beim Baby-Led Weaning wie auch bei der Einführung von Brei gilt, dass das Kind auf keinen Fall hungrig sein sollte. Das Baby weiß ja noch nicht, dass Essen satt macht. Auch nach der ersten Mahlzeit wird es den Zusammenhang noch nicht kennen. Selbst nach der zweiten nicht. Es dauert, bis das Kind verstanden hat, dass dieses neue Spiel auch zu etwas in seinem Körper führt. Wer ein Baby hungrig vor den ersten Brei oder das Fingerfood setzt, riskiert nur einen stressigen Beginn dieser neuen Erfahrung. Im Verlauf dieser ersten Mahlzeit wird das Baby nämlich immer unruhiger, weil es Hunger hat und dabei aber noch nicht optimal das Essen in den Magen befördern kann und ja auch gar nicht auf dem schnellsten Weg dies tun soll. Daher gilt: Babys niemals hungrig vor den ersten Brei oder Fingerfood setzen!

Kein Geschirr, kein Besteck

Was beim Baby-Led Weaning gespart werden kann, ist das Geschirr: Teller und Schüsseln werden wie alles andere als interessante Objekte und mögliche Spielzeuge betrachtet und landen daher entweder im Mund und deren Inhalt auf dem Tisch oder gar auf dem Boden. Und wer möchte eigentlich gerne aus Plastikschüsseln essen? Das Fingerfood kommt daher besser direkt auf den Tisch oder das Brettchen am Stuhl. Wie auch sonst bei Babys gilt: Lieber eine Weile auf Tischdecken verzichten! Die Gefahr ist zu groß, dass daran gezogen wird und Sachen auf dem Boden landen oder sich jemand verbrennt, wenn Heißes auf der Tischdecke stand.

Sonstige „Vorkehrungen“

Überhaupt landet beim Baby-Led Weaning viel auf dem Boden. Je nach Art der Mahlzeit ist daher der Reinigungsbedarf nach dem Essen recht unterschiedlich. Wer unter dem Tisch einen Teppich hat, sollte lieber eine Folie vor dem Essen unter legen. Ansonsten ist ein Lätzchen praktisch für das Baby. Lätzchen mit Ärmeln können sehr vorteilhaft sein, wenn sie die Bewegungsfreiheit nicht einschränken und nicht über die Hände rutschen. Bei wärmeren Temperaturen können Babys gut einfach nackt oder in Windeln essen. Praktisch ist es, schon vor dem Beginn des Essens einen nassen Waschlappen bereit zu halten: Mit der einen Seite kann nach dem Essen das Kind abgewischt werden, mit der anderen der Stuhl/Tisch schon einmal notdürftig erstgereinigt werden.

Das allererste Essen

Wie kann nun also die erste Mahlzeit aussehen? Es werden auf keinen Fall irgendwelche „Kinderprodukte“ gekauft, wie sie die Nahrungsmittelindustrie in letzter Zeit vermehrt auf den Markt bringt. Beim Baby-Led Weaning geht es gerade darum, das Kind am ganz alltäglichen Essen teilhaben zu lassen. Daher wird auch nicht extra gekocht, sondern vom Gekochten etwas abgenommen und angeboten. Das kann eine gekochte, ungesalzene Kartoffel sein, ein Stück Gurke, ein Stück Birne, ein Stück Kürbis… Bei allen angebotenen Lebensmitteln sollten die Fähigkeiten des Kindes im Auge behalten werden: Die Feinmotorik des Babys mit 6 Monaten ist noch nicht stark ausgeprägt. Es kann daher ein Lebensmittel, welches es in der Hand hält, nicht vollständig aufessen, weil es den „Griff“ nicht vorwärts schieben kann. Daher sollten die ersten angebotenen Nahrungsmittel länglich sein: Kartoffeln sollten möglichst groß gekocht und der Länge nach geviertelt werden, damit sie gut gehalten werden können. Auch Gurke wird der Länge nach in dünne Stücke geschnitten. Karotten oder Pastinake lassen sich so ebenfalls sehr gut verzehren. Gekochtes Gemüse sollte so weich sein, dass das Baby es mit dem Kiefer zerkleinert/mit der Zunge am Gaumen zerdrücken kann, aber nicht so matschig, dass es schwer in der Hand zu halten ist. Wer Brot anbietet, muss darauf achten, dass gekauftes Brot immer auch einige Mengen an Salz enthält. Daher bei der Verwendung von gekauftem Brot auf die täglichen Mengen achten oder einfach selber ein paar Brötchen oder ein salzarmes Brot backen.

Guten Appetit – oder besser: Viel Spaß!

Ab Sommer 2013 gibt es den passenden Workshop zum Thema in Berlin:  Beikoststart ohne Brei – So lernt mein Baby selbstbestimmt und glücklich Essen.
Anmeldung und weitere Infos unter [email protected]
Termine:
13.07.2013 15:00-17:00 Uhr im Pikapé in Pankow
03.08.2013 11:00-13:00 Uhr im Hug & Grow in Tiergarten

Weiterführende Literatur:

  • Rapley, Gill/Murkett, Tracey (2010): Baby-Led Weaning. The Essential Guide to Introducing Solid Foods and Helping Your Baby to Grow Up a Happy and Confident Eater. New York: The Experiment.

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