Tag: 20. Juni 2021

Fallenlassen nach der Anstrengung

Immer dann, wenn Luise vom Kindergarten abgeholt wird, ist von einer Minute auf die andere nichts mehr möglich: Sie sieht ihren Vater in der Garderobe stehen und erklärt, dass er sie nun anziehen und raustragen soll. Aber morgens, da schafft sie es doch auch mit dem Anziehen, fragt er sich.

Immer dann, wenn Finn abends von seiner Großmutter abgeholt wird, gibt es Streit: Auf einmal benimmt er sich „wie ein kleines Baby“, obwohl er doch den ganzen Tag „so ein großer Junge war“. Auf einmal verabschiedet er sich nicht anständig und macht nicht mehr mit.

Immer nach dem Abendessen ist es schwer, Mia noch dazu zu bringen, sich die Zähne putzen zu lassen und sich bettfertig zu machen. Eben noch saß sie am Tisch, hat ihr Brot geschmiert, den kalten Tee getrunken und die Tomate klein geschnitten, danach hat sie keine Lust mehr auf nichts.

Viele Dinge des Alltags sind für unsere Kinder anstrengend. Anstrengend meint, dass sie Kraft aufwenden, um sie zu meistern. Sie werden herausgefordert durch sie: Sei es der Vormittag im Kindergarten, wenn sie sich an Regeln anpassen müssen oder der Besuch bei einer Verwandten, wenn erwartet wird, dass das Kind „groß ist“ oder das ordentliche Essen am Tisch. Für Kinder sind all diese Aufgaben noch recht neu, erfordern Geschick im Umgang mit anderen und/oder Geschick der Fein- oder Grobmotorik. Soziales Miteinander erfordert Kooperationsfähigkeit und manchmal auch das Aufschieben eigener Bedürfnisse. Kinder lernen all diese Dinge, aber sie müssen sich dabei anstrengen: Nicht selten gehen sie in ihrem Tun und Lernen bis an die eigenen Grenzen.

Und dann sind sie erschöpft von dem, was sie geleistete haben. Nach der Anspannung, nach der Anstrengung kommt die Entspannung. Mit dem Fallenlassen der Anpassung, Anstrengung und Anspannung brauchen sie es, aufgefangen zu werden. Sie lassen sich fallen in den sicheren Hafen. Jeden Tag bewegen sie sich zwischen dem eigenständigen Lernen und Tun und der Rückkehr zu uns, um irgendwann wieder aufbrechen zu können. Wenn wir sie dann auffangen, geben wir ihnen damit Geborgenheit und Verständnis.

Eigentlich kennen wir selbst als Erwachsene auch das Gefühl, wie wunderbar es ist, sich nach einem anstrengenden Tag oder einer besonderen Herausforderung bei der Arbeit an einen Menschen, der uns nahe ist, anzulehnen. wie gut es tut, sich nach einem schwierigen Tag einfach in das Sofa fallen zu lassen und nichts mehr zu tun. Und während wir erwachsen sind und unsere Gefühle und Bedürfnisse schon viel besser regulieren können, sind unsere Kinder Kinder. Erwarten wir also nicht zu viel von ihnen. Überfordern wir sie nicht mit Erwartungen und seien wir nachsichtig mit ihnen.

Eure

Zur Autorin:
Susanne Mierau ist Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik) und Familienbegleiterin. Sie arbeitete an der FU Berlin in Forschung und Lehre, bevor sie sich 2011 im Bereich bedürfnisorientierte Elternberatung selbständig machte. Ihr 2012 gegründetes Blog geborgen-wachsen.de und ihre Social Media Kanäle sind wichtige und viel genutzte freie Informationsportale für bedürfnisorientierte Elternschaft und kindliche Entwicklung. Susanne Mierau gibt Workshops für Eltern und Fachpersonal und spricht auf Konferenzen und Tagungen über kindliche Entwicklung, Elternschaft und Familienrollen.

Foto: Ronja Jung für geborgenwachsen.de