Tag: 3. September 2020

Umdeuten: Oder wie wir andere Wörter für das Verhalten der Kinder finden

Ja, das Verhalten von Kindern ist für uns Erwachsene manchmal anstrengend. Und damit sind wir schon beim eigentlichen Thema: Nicht das Kind ist anstrengend, sondern das Verhalten, das es gerade zeigt. Für das Verhalten, das wir als anstrengend empfinden, finde wir Erwachsene oft viele und manchmal auch ausgefallene Namen: Das Kind, das gerade ganz viel Nähe sucht, wird Klammeräffchen genannt. Das Kind, das sehr eigenwillig ist, betiteln wir als zickig. Das vorsichtige Kind wird Angsthase gerufen. – Und wir denken oft gar nicht über die andere Bedeutung dieses Verhaltens nach, sondern nutzen erstmal diese abwertenden Worte, denn viele Eltern haben es ebenso erlebt und erlernt.

Hinter das Verhalten des Kindes sehen

Dabei steckt darin, das Verhalten des Kindes aus einer anderen Perspektive zu betrachten, eine große Chance. Wenn wir zunächst ein negatives oder abwertendes oder beschämendes Wort im Kopf haben, können wir einen Moment innehalten und darüber nachdenken, was hinter dem Verhalten des Kindes steht: Was tut es hier eigentlich genau? Wie kann ich das, was es tut umschreiben mit anderen Adjektiven? In den meisten Fällen merken wir dann, dass das Kind durchaus gute Gründe für das eigene Verhalten hat und dass genau dieses Verhalten aus Sicht des Kindes sinnvoll ist.

Wenn das Kind sich an uns klammert in der Kita oder einer Familienfeier und wir uns eigentlich wünschen, dass das Kind sich löst und auf andere zugeht, fallen uns vielleicht Worte ein wie „vorsichtig“, „beobachtend“ oder „bedürftig“. Mit diesen Worten fällt es uns leichter, Verständnis aufzubringen für das Kind und wir merken vielleicht auch, wie wichtig es jetzt gerade ist, dem Kind diese Nähe zu geben und das Problem nicht das Kind ist, sondern die eigene Scham gegenüber den anderen Erwachsenen. Wenn wir das Kind als zickig empfinden, können wir ebenso ander Worte suchen und stellen vielleicht fest, dass das Kind „selbstsicher“, „bestimmt“ und „mutig“ ist – was eigentlich toll ist, nur vielleicht gerade in dieser Situation und im Verhältnis zu unseren Wünschen nicht.

Ein anderer Blick auf das Kind

Wenn wir versuchen, den Sinn hinter dem Verhalten des Kindes zu sehen und positive Worte für die Eigenwilligkeit zu finden, eröffnet uns das als Eltern einen anderen Blick auf das Kind, der nicht mehr auf vermeintliche Fehler gerichtet ist, sondern auf die Ressourcen und Fähigkeiten des Kindes. Und im Blick gespiegelt kann sich dann auch das Kind anders sehen, fühlt sich verstanden und erlangt einen Blick auf die eigenen Fähigkeiten und individuellen Stärken, statt sich als negativ gesehen zu fühlen und dieses Bild zu nach und nach zu übernehmen.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.