Tag: 9. August 2019

Kinder bei Veränderungen begleiten

Manchmal gibt es anstrengende Momente mit Kindern, anstrengende Tage oder auch ganze Wochen. Dies besonders dann, wenn unsere Kinder in Umgewöhnungsprozessen stecken, wenn Routinen wegfallen. Und dies noch ganz besonders dann, wenn sie solche Umstellungen noch schwer verarbeiten können, weil sie noch im Kleinkindalter sind und diese Veränderungen sich in Form von Wutausbrüchen zeigen.

Was nehmen Kinder als Veränderungen wahr?

Das, was für Kinder Veränderung ist, ist aus unserer Perspektive manchmal zunächst nicht augenscheinlich. Manchmal übersehen wir, welche Situationen oder Ereignisse für die Kinder ein einschneidendes Erlebnis sind. Oft sind das Situationen, die wir eigentlich positiv bewerten: Urlaub, Einschulung, Kindergartenbeginn. Wir denken oder sagen: „Wir sind zusammen im Urlaub und machen so viele tolle Dinge zusammen! Warum hast Du nur so schlechte Laune?“ oder „Wow, die Schule beginnt, Du bekommst eine Schultüte und Feier und darfst endlich in der Schule lernen!“ oder „Endlich triffst Du all Deine Freund*innen nach den Ferien im Kindergarten wieder!“ Aber für Kinder sind diese Situationen oft schwierig, weil sie einen Umbruch bedeuten, weil Bindungspersonen wechseln und/oder weil sie in besonderer Weise kooperieren müssen und sie das sehr beansprucht. Im Urlaub sind gerade Kleinkinder oft sehr herausgefordert, weil sie sich einer völlig neuen Umgebung wiederfinden mit neuen Geboten und Verboten: „Nicht so laut sein beim Essen!“, „Nein, das gehört nicht uns, da müssen wir…“ Urlaube fordern für Kleinkinder ein hohes Maß an Kooperation – sind sie erschöpft davon, reagieren sie mit schlechter Laune, Wut, Erschöpfung. Auch der Wechsel von Bezugspersonen kann sehr schwierig und anstrengend sein: Wenn Erzieher*innen oder Lehrer*innen wechseln, wenn ein Geschwisterkind vom Kindergarten in die Schule wechselt und fortan nicht mehr den Alltag im Kindergarten teilt.

Oftmals ist es zunächst schwer, sich hier einzufühlen und zu interpretieren, woher die Wut oder schlechte Laune des Kindes kommt. Unser Blick auf das Kind und den Alltag ist ein anderer und wir erkennen zunächst nicht, welche großen Umbruchprozesse gerade stattfinden oder welche große Leistungen das Kind gerade vollbringt. Unsere Perspektiven sind unterschiedlich, was zu Problemen in der Interaktion führen kann: Das, was wir denken, was das Kind gerade gerne tut/was ihm gut tut/worauf es sein Augenmerk richtet, muss nicht mit dem übereinstimmen, was wirklich im Kind vorgeht. Wir sehen das Kind aus der Erwachsenenperspektive und denken analytisch, logisch nach unseren Maßstäben. Das Kind hingegen denkt anders: Anders emotional, aber auch konkret in anderen Hirnbereichen.

Veränderungen, die besondere Kooperation voraussetzen

Unsere Kinder kooperieren in unserem Alltag an vielen Stellen mit uns. Kooperation meint dabei, dass wir gemeinsam auf ein Ziel hin arbeiten. Sie unterstützen uns in vielen kleinen Momenten des Alltag, indem sie beispielsweise den Fuß ruhig halten, um sich einen Schuh anziehen zu lassen, indem sie am Tisch sitzen bleiben beim Essen, indem sie versuchen, bei der Zubereitung des Essens zu helfen oder sich etwas selber aufzutun oder einzuschenken. Manchmal übersehen wir, wieviel sie jeden Tag auf uns zu gehen oder an wie vielen Stellen sie unterstützen wollen. Und manchmal erwarten wir auch einfach zu viel und übersehen, wie anstrengend einige Situationen sein können. Typisches Beispiel hierfür ist der oben aufgeführte Urlaub, in dem Kinder neuen und anderen Regeln unterliegen, deren Einhaltung anstrengend ist und die sie auch nicht beständig erinnern. Viele dieser Regeln können sie wahrnehmen, manchmal müssen sie erinnert werden, aber manchmal wird es auch einfach zu viel der Einschränkung und Veränderung. Es ist wichtig, dass wir unseren Blick darauf lenken, an wie vielen Stellen sie Änderungen vorfinden und damit umgehen müssen. Wir können uns selbst daran erinnern, indem wir diese Situationen sprachlich begleiten, beispielsweise wenn sich das Kind an den Tisch setzt und auf Kellner oder Kellnerin wartet, können wir sagen: „Du weißt jetzt schon, dass wir das Essen erst bestellen müssen und es nicht wie zu Hause so schnell auf dem Tisch steht.“ Damit zeigen wir dem Kind, dass wir sehen, dass es selbst kooperiert und gleichzeitig erinnern wir uns selbst daran, welche Leistung das Kind hier gerade erbringt.

Ganz ähnlich ist es in anderen neuen Situationen: Im Kindergarten müssen sie auf eine neue Weise Rücksicht nehmen auf Abläufe, Routinen und viele andere Kinder. All das ist anstrengend und am Ende des Kitatages, wenn wir sie abholen, sind sie erschöpft und vielleicht gerade jetzt, bei ihren Hauptbindungspersonen, lassen sie los und wollen entspannen. Wir nehmen die schlechte Laune wahr, übertragen sie vielleicht auf uns, stellen in Frage, ob das Kind uns noch mag, aber eigentlich ist es wirklich total erschöpft und schon das Anziehen ist jetzt gerade zu viel.

Auch dann, wenn Bindungspersonen wechseln, ist das für Kinder anstrengend: Der Lieblingserzieher ist im Urlaub, der Ablauf morgens anders, die Lieblingserzieherin geht in Elternzeit, die Geschwisterkinder oder andere nahe Freund*innen wechseln vom Kindergarten in Schule: Auf einmal fallen wesentliche Bindungspersonen weg im Alltag und das Kind ist traurig, die neuen Abläufe und die Umgewöhnung sind anstrengend.

Diese Punkte kannst Du beachten, um Dein Kind gut zu begleiten:

  • Auf Augenhöhe“ des Kindes gehen: Was ist gerade bei meinem Kind aktuell, was hat sich verändert?
  • Erwachsene Bewertungen vermeiden: Was schlimm ist oder nicht, kann nur das Kind selbst bewerten.
  • Gefühle annehmen und begleiten: Die Gefühle, die das Kind hat, darf es haben und sie brauchen eine Begleitung
  • Nicht zu viel verlangen: Unsere Kinder gehen mit schwierigen Situationen anders um, haben weniger Erfahrungswissen. Setzen wir keine erwachsenen Maßstäbe an sie und ihr Verhalten.
  • Augenmerk auch auf positive Dinge richten: Mit dem Kind auch darüber sprechen, was am Tag besonders schön war und selbst die Situationen sprachlich hervorheben, in denen etwas gut läuft (siehe Beispiel oben) – und sich selbst auch an die positiven Dinge im Alltag erinnern
  • Bei anhaltenden Problemen, Traurigkeit, Erschöpfung: Hilfe suchen und Fachpersonen kontaktieren

Umgang mit Veränderungen

Wenn unsere Kinder auf einmal besonders wütend, übellaunig oder traurig sind, lohnt sich ein Blick auf die Dinge, die sich vielleicht gerade verändert haben. Denken wir nicht einfach nur: Ach, das ist eine blöde Phase, sondern sehen wir hinter das Verhalten auf das wirkliche Bedürfnis, auf die kindlichen Gefühle. Nehmen wir an, dass das Kind sich schwerer tut mit Umstellungen als wir Erwachsene und denken wir nicht, dass das Kind wie ein Erwachsener denken oder handeln sollte. Nehmen wir die Kindlichkeit an und respektieren sie. Nehmen wir an, dass das Kind gerade die breite Palette an Gefühlen kennenlernt und dass es alle Gefühle fühlen darf und wir es dabei begleiten. Erklären wir dem Kind, dass es sich gerade in einer Umstellungssituation befindet und Umstellungen immer mal vorkommen und es okay ist, dann traurig oder wütend zu sein.

Eure

Susanne Mierau ist u.a. Diplom-Pädagogin (Schwerpunkt Kleinkindpädagogik)Familienbegleiterin und Mutter von 3 Kindern. 2012 hat sie „Geborgen Wachsen“ ins Leben gerufen, das seither zu einem der größten deutschsprachigen Magazine über bindungsorientierte Elternschaft gewachsen ist. Sie ist Autorin diverser Elternratgeber, spricht auf Konferenzen und Tagungen, arbeitet in der Elternberatung und bildet Fachpersonal in Hinblick auf bindungsorientierte Elternberatung mit verschiedenen Schwerpunkten weiter.