Ich bin für Dich da

„Mama, es geht mir nicht gut…“ sagst Du und blickst mir in die Augen. In Deinen Augen sehe ich nicht nur das große Kind, das Du jetzt bist: In Momenten wie diesen erkenne ich das Baby, das einmal in meinen Armen lag, so warm und weich vor so vielen Jahren. So klein, so hilflos und ganz tief in mir spürte ich schon damals: Ich bin für Dich da. Von nun an bis an mein Lebensende.

„Ich bin für Dich da“ dachte ich, als ich Dich als Baby in den Armen hielt, als ich Deinen Bauch streichelte, als ich Dich an Abenden und Nächten durch die Wohnung trug. Ich bin ja da, flüsterte ich in Dein kleines Ohr, wenn Du auf meiner Schulter weintest, weil alles so neu, so aufregend, so verängstigend, so anders war. „Ich bin ja da“ sagte ich, während ich Dich später aufhob vom Boden, weil Du wieder einmal beim Versuch der ersten Schritte auf den Knien gelandet bist. Ich bin da und tröste Dich. Ich bin ja da und schütze Dich. Ich bin da und helfe Dir, wo Du selbst nicht weiter kommt mit Taten oder Gefühlen.

„Ich bin da“ war so oft die einzige Antwort, die mir einfiel, wenn Du vor Wut tobtest und selbst nicht genau wusstest woher und wohin. Ich war da, beständig und bereit, Dich nach dem Gefühlssturm wieder in die Arme zu schließen. Denn wenn die Welt ins Wanken gerät, dann tut es gut, wenigstens eine Konstante zu haben.

Ich bin da und warte. Als Deine Flügel größer wurden und Du ausflogst, um die Welt zu erkunden. Du wusstest, wohin Du zurück kommen kannst, dass Du zurück kommen kannst und mit offenen Armen empfangen wirst. Immer und immer wieder – während die Ausflüge länger wurden, weiter. Zu Hause ist da, wo Du immer wieder in die Arme geschlossen wirst bei der Rückkehr.

„Ich bin ja da“ sage ich während ich Dir heute über die Haare streiche, weil Du zu groß geworden bist, um auf meinem Arm zu ruhen. Und diese Worte öffnen Tore, weil sie eben immer da waren, weil sie Beständigkeit für Dich bedeuten. Sie geben Raum und sagen Dir, dass Du all das loslassen kannst, was Dich bedrückt. Weil es immer so war und so sein wird.

„Ich bin da“ sagt mehr als viele andere Worte. Es sagt: Ich bin hier bei Dir, ich hör Dir zu. Ich bin hier und jetzt da für Dich, bei Dir, mit Dir. Ich bin da, um Dir zuzuhören. Nicht, um Dich zu belehren, nicht um Dich umzustimmen oder zu beeinflussen. Ich bin einfach nur hier, um das anzunehmen, was Du gerade jetzt abgeben möchtest, worin ich dich gerade jetzt begleiten kann. Kein „Ist ja nicht so schlimm“, kein „Du musst Du Dich beruhigen“. Einfach ein Dasein und Annehmen – wie gut uns das tut, einfach gesehen und angenommen zu werden.

„Ich bin da“ werde ich sagen, wenn Du Deinen ersten Liebeskummer hast, wenn Du zum ersten Mal einen Menschen verlierst, der Dir viel bedeutet. Ich werde da sein, hier, wenn Du in einer anderen Wohnung wohnst und reden möchtest. Oder schweigen. Ich bin da, ohne Wertung, ohne Druck, wenn Du zum ersten Mal ein eigenes Kind in den Armen halten solltest und ihm zuflüsterst „Ich bin ja da“ und gleichzeitig die Sicherheit hast, dass auch hinter Dir immer jemand steht. Bereit für das, was da kommen mag.

Eure


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