Gelassen durch die Jahre 5 bis 10 – Interview mit Katja Seide über „tyrannische Kinder“

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Am 26. März habe ich mit Katja Seide eine öffentliche Diskussion zu ihrem neuen Buch „Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn: Gelassen durch die Jahre 5 bis 10“ geführt und sie zum Inhalt ihres neuen Buches und die Begleitung in der „Wackelzahnpubertät“ befragt. Hier könnt ihr das Interview nun in zwei Teilen nachlesen:

TEIL 1

Ich fand die Einleitung allein schon sehr spannend, da es dort sehr viel um bedürfnisorientierte Elternschaft gegenüber anderen Erziehungsstilen bzw. autoritative Erziehung geht. Warum ist das heute noch nötig?

Eltern, die bedürfnisorientiert erziehen, werden immer noch häufig angegriffen. Oft wird ihnen vorgeworfen, dass sie keine Grenzen setzen oder sich nicht trauen nein zu sagen. Ich wollte den Eltern Argumente geben, mit denen sie das entkräften können. Denn so ist es nicht. Wir setzen durchaus Grenzen und wir sagen auch Nein. Der einzige Unterschied zu den anderen Erziehungsstilen ist die Ebene der Eltern. Bei den einen sind sie Trainer, die die Richtung angeben und zeigen wo es langgeht, bei den anderen ist es eher wie im Freien Spiel, wenn alle in der Gruppe entscheiden, was jetzt die Regeln sind.

Ich könnte nicht behaupten, welcher Weg besser ist. Ich habe den diesen einen Weg gewählt mit meinen Kindern, aber alle anderen Erziehungswege müssen dadurch nicht schlechter sein.

Für mich war das das Besondere an dem Buch, dass auch Eltern, die anders erziehen, das Gefühl bekommen, abgeholt zu werden, sodass sie sich angenommen fühlen und eigene Impulse umsetzen können. In der Einleitung werden die Eltern schon liebevoll integriert, indem geschrieben wird: „Ihr werdet bestimmt auch etwas lesen, was euch nicht gefällt. Dann lest einfach weiter und nehmt aus dem Buch raus, was euch passt.“ Dennoch ist die Frage nach den Tyrannenkindern immer sehr groß. Bestimmte Personen aus der Psychologie und Erziehungswissenschaft sagen: „Hütet euch bloß vor den Tyrannenkindern, vor der nächsten Generation, die ihr groß zieht“. Warum haben sie so eine Angst vor den Tyrannenkindern?

Wir leben in einer Gesellschaft, wo sich die Menschen einfügen müssen, weil das große Ganze sonst nicht funktioniert. Wenn Kinder laut und wild sind, besteht für manche vielleicht die Gefahr, dass diese Gesellschaft zusammenbricht, weil sie sich später nicht einfügen wollen. Aus dieser Angst, die den Eltern durch die „Tyrannenkinder“ gemacht wird, reagieren Eltern sehr stark auf vermeintliche Auffälligkeiten ihrer Kinder. Ich habe zum Beispiel mal eine Mutter im Kindergarten beobachtet, die ihrer Fünfjährigen geradezu verbot, zu weinen. Sie hockte vor ihr, und beschwor die Kleine immer wieder, heute wirklich nicht vor den Erziehern zu weinen. Sie sei doch schon groß usw. Ich fand das total schade und auch seltsam, weil ich die Mutter eigentlich als ganz liebevoll kannte. Aber was war vorher geschehen? Das Mädchen war neu in der Kita und weinte tatsächlich viel. Die Erzieherinnen hatten die Mutter also angesprochen und gefragt, was denn zuhause los sei, dass sie in der Kita immer so viel weinen müsse. Und wenn das nicht aufhöre, würden sie das Jugendamt anrufen. Ist das nicht krass? Dabei weinte das Mädchen nur, weil sie Heimweh hatte, also genau das Gegenteil von dem, was die Erzieherinnen da unterstellt hatten. Und die Mutter hatte sich gezwungen gefühlt, ihr weinendes Kind „auf Spur“ zu bringen. Ich glaube, so geht es vielen Eltern so – sie erziehen mehr an ihren Kindern herum, weil es diesen Druck von außen gibt.

Die einen bezeichnen sie als Tyrannen, die anderen als ihre Kinder. Was ist das positive an den Eigenschaften, die die Kinder bekommen, wenn sie von anderen als Tyrannen bezeichnet werden?

Das Großartige ist, dass Kinder sich nicht verbiegen lassen. Man kann ein Kind, was bedürfnisorientiert groß wird, zu nichts zwingen. Das finde ich im Hinblickk auf unsere Geschichte, bspw. wenn man die Nazizeit betrachtet, ganz gut, da unsere Kinder sehr wahrscheinlich nicht obrigkeitshörig sind und so etwas wie der Holocaust dadurch hoffentlich nicht mehr passieren können. Für Eltern ist es manchmal schwierig, dieses Nicht-Zwingen-Können, aber umso älter die Kinder werden, desto einfacher wird es. Es ist ja, wenn Kinder etwa 5 Jahre oder älter sind, nicht mehr so wie in der Autonomiephase, wo ihnen ihre Gefühle oft im Weg standen. Mit 5 Jahren sind Kinder schon total vernünftig. Man kann mit ihnen reden und wenn es keinem ihrer echten Bedürfnisse im Weg steht, tun sie das, was wir von ihnen wollen einfach freiwillig.

Im Buch gibt es auf Seite 55 ein sehr schönes Zitat, es lautet: „Das Gehirn des Menschen ist nämlich so angelegt, dass die Erfüllung von Bedürfnissen die Ausschüttung von den körpereigenen Opioiden, Dopaminen und Oxytocin nach sich zieht – es werden also glücklich machende Hormone freigesetzt, und der Mensch fühlt sich wohl. “ Ihr beschreibt dann, was jeder Mensch zum Glücklichsein braucht. Wo siehst du aktuell die Probleme in unserer Gesellschaft, die das Glücklichsein behindern?

Als Sonderpädagogin arbeite ich täglich mit 5-10 Jährigen zusammen. Dort stelle ich oft fest, dass den Kindern Aufmerksamkeit fehlt. Manchmal bekomme ich das Gefühl die Eltern der Kinder wissen gar nicht mehr, wie man richtig Aufmerksamkeit schenkt. Aufmerksamkeit ist ja ein echtes Bedürfnis. Wenn man sie bekommt, dann schüttet das Gehirn Hormone aus, die nicht nur glücklich machen, sondern auch auf das Aggressionszentrum einwirken, es quasi streicheln. Fehlt es an Aufmerksamkeit, wird dieses Aggressionszentrum nicht mehr gestreichelt und der Mensch ist viel leichter erregbar. Da reicht dann schon eine Kleinigkeit aus, um zu explodieren. Eine offene Zahnpastatube zum Beispiel. Bekommt ein Mensch aber echte Aufmerksamkeit von seinem Partner oder seinen Eltern, dann kann man über solche Kleinigkeiten entspannt hinwegsehen. Dummerweise haben wir in Deutschland diesen Gedanken, man dürfe aufmerksamkeitsheischendes Verhalten nicht beachten. „Die will nur Aufmerksamkeit!“, wird dann gesagt, „Ignorier das am besten, dann hört sie damit auf.“ Wenn man sich das aber genau anschaut, dann ist das genau der falsche Weg – ignoriere ich das Verhalten, dann gebe ich ja noch weniger Aufmerksamkeit, d.h. ich verstärke den Mangel und das Aggressionszentrum wird immer noch nicht beruhigend gestreichelt. Das Kind muss also noch schwierigeres Verhalten zeigen, um dann wenigstens negative Aufmerksamkeit zu bekommen. Ein Teufelskreis. Der richtige Weg ist also, sich dem Kind positiv zuzuwenden und diesen Mangel an Aufmerksamkeit auszugleichen. Und diesen Gedanken „der will nur Aufmerksamkeit…“, den sollten wir schleunigst in die Mottenkiste packen.

Eigentlich ist es so einfach. Denn was wir als Quintessenz aus diesem Kapitel mitnehmen sollten, ist bei auffälligem Verhalten ihrer Kinder sofort an unerfüllte Bedürfnisse und möglicherweise ungünstige Strategien zu denken, anstatt sie wollen uns auf dem Kopf rumtanzen.“ Eigentlich ist es ja so einfach, eigentlich musst du nur denken: Was steht hinter diesem Verhalten?

Wenn man es kann, ist es total einfach. Leider haben wir das alle nicht gelernt. Viele von uns sind mit Liebe bedacht worden, wenn wir uns „gut“ verhalten haben, und mit der kalten Schulter bestraft worden, wenn wir etwas „Böses“ gemacht hatten. Das wirkt nach. Tatsächlich habe ich auch heute noch meist den Impuls mein Kind zu bestrafen, bspw. mit ignorieren. Diesen Impuls muss ich dann gedanklich erst einmal bei Seite packen. Erst dann kann ich mich meinem Kind richtig widmen. Wir haben oft Angst, dass wir dadurch das schlechte Verhalten irgendwie belohnen und dadurch verstärken und manchmal ist das erst einmal auch so. Bei meinen Schülern herrscht teilweise so ein Mangel an Aufmerksamkeit von den Eltern, dass sie, wenn ich ihnen Aufmerksamkeit geben, die sie zuhause vermissen, sehr stark auf mich fixieren und teilweise auch den Unterricht torpedieren, damit ich mich ja nicht anderen Kindern zuwenden kann. Das ist natürlich blöd, aber das bespreche ich dann mit ihnen. Und nach und nach wird es auch besser – je mehr ich eben diesen Aufmerksamkeitsmangel auflösen kann. Aber das sind Extrembeispiele. Bei den allermeisten Familien kommt so ein starker Mangel nicht vor, und deshalb wird dieses „Ich- gebe- den -kleinen- Finger- und- das- Kind- nimmt- die- ganze- Hand“ nicht vorkommen. Im Hinterkopf behalten sollten Eltern einfach, dass Kinder uns nicht auf dem Kopf rumtanzen, oder Grenzen austesten wollen, sondern das „schlechtes“ Verhalten meist ungünstige Strategien sind, um auf ein Bedürfnis aufmerksam zu machen. Man kann die Strategien doof finden und das dem Kind auch rückmelden, aber es bleibt dabei, dass man dann trotzdem gucken sollte, wie das Bedürfnis des Kindes befriedigt werden kann. Dann verschwindet das schlechte Verhalten ganz automatisch.

Das Buch ist ja für das Alter 5-10 Jahre ausgerichtet, in meinen Augen ist es jedoch viel umfassender. Der Schwerpunkt liegt hier anders als beim ersten Buch und ist dadurch auch für Eltern von jüngeren Kindern geeignet.

Ja, diese Rückmeldung bekomme ich zu dem zweiten Buch oft. Es ist eigentlich für alle geeignet, die in einer Beziehung leben, auch für Paare ohne Kinder beispielsweise. Es geht grundlegend um Kommunikation und darum, welche Punkte wichtig für eine gute Beziehung sind.

Es geht viel um die Bedürfnisse. Ihr schreibt auch Bedürfnisse gibt es momentan, immer geltend und individuell. Bedürfnisorientierung verträgt sich nicht mit Regeln, die von anderen für alle aufgestellt werden. Was bedeutet das für den Alltag von Eltern?

Es gibt ja zwei Arten von Bedürfnissen. Einmal die, die mit dem Typ Kind zu tun haben. Ob es zum Beispiel seinen Liebestank durch kuscheln auffüllt, oder durch exklusive Aufmerksamkeit oder positive Rückmeldung braucht. Diese Art ist immer geltend, das Kind braucht also jeden Tag Kuscheleinheiten oder Zweisamkeit, um glücklich zu sein. Und dann gibt es noch altersbedingte Bedürfnisse, das bemerkt man z.B. bei Einjährigen, die anfangen, sich mit „nein“ abzugrenzen. Da ist dann das altersbedingte Bedürfnis, dass auf das Nein gehört wird. Zwischen 5 und 6 ist das Bedürfnis häufig, gefährliche Sachen auszuprobieren und raus zu gehen, um Dinge zu entdecken, also eher das „groß sein.“ In diesem Alter müssen die Eltern also, wenn sie bedürfnisorientiert agieren wollen, die Möglichkeit geben, das auszuleben. Beide Arten der Bedürfnisse sollten immer im Blick behalten werden.

Im zweiten Teil des Interviews geht es um die 5 Säulen einer guten Beziehung und praktische Hinweise für den Alltag mit Kindern –> mehr dazu hier.
Hier könnt Ihr die gesamte Lesung/Diskussion anhören.

Katja Seide ist Mutter von drei Kindern und arbeitet als Sonderpädagogin in Brandenburg. Ihre Mitautorin Danielle Graf ist Mutter von zwei Kindern und arbeitet als Rechtsökonomin. Beide bloggen zusammen auf gewünschtestes-wunschkind.de Das Buch Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn: Gelassen durch die Jahre 5 bis 10ist seit 27. Februar im Handel erhältlich.

* Der Link zum Buch ist ein Affiliate-Link zu Amazon, durch den ich im Falle einer Bestellung eine Provision erhalte ohne dass für Euch Mehrkosten anfallen. Das Buch ist unabhängig davon aber auch im Buchhandel, bei Buch7 oder anderen Shops erhältlich.

1 Kommentare

  1. Danke für das tolle Interview! Nach dem Lesen ist mir endlich eine Lösung für ein aktuelles Problem bei uns in der Familie eingefallen, mir ist ein Licht aufgegangen! Von Herzen vielen, vielen Dank für Eure wertvolle Arbeit, immer wieder!!!

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