Das Ende des Kinderwunsches

„Ah, Frau Mierau, Ihr Kinderwunsch ist ja jetzt abgeschlossen.“ sagt meine Hausärztin zur Begrüßung zu mir, als ich zur Besprechung meiner Blutwerte zu ihr komme. Ich stutze einen Moment. Ich habe das nicht gesagt. Ich habe es auch nicht gedacht. Ich bin doch deswegen gar nicht hier?

Es soll in diesem Text nicht darum gehen, dass es vermessen und unangebracht ist, von einer Frau mit drei Kindern zu denken, dass sie sicher keine weiteren Kinder mehr bekommen will/soll. Auch nicht darum, was es über unsere Gesellschaft aussagt, dass Menschen so denken und Großfamilien so selten sind. Es geht um das Gefühl, dass dieser Satz in mir ganz persönlich ausgelöst hat und die Gedanken, die ich sich einen Weg gebahnt haben.

Ich sitze dort und innerhalb von Sekunden schießen Gedanken durch meinen Kopf. Ich fühle, wie ich nicke und frage mich gleichzeitig, warum ich das tue. Ja, mein Kinderwunsch ist abgeschlossen. Ich werde keine weiteren Kinder bekommen und dieses, das gerade dem Babyalter entwachsen ist, ist das letzte Baby, das ich geboren habe. Ein wenig beschleicht mit Wehmut bei diesen Gedanken. Nicht noch einmal diesen besonderen Moment des Schwangerschaftstests auskosten: Ob sich eine Linie zeigt? Das Gefühl, ein Baby in sich zu tragen, es wachsen zu spüren. Der Körper, der sich im eigenen Körper bewegt. Ein Kind gebären, diese unglaubliche Kraft. Zum ersten Mal an diesem Kind riechen, es ansehen und wissen: Ach ja, das bist ja Du. Das erste „Mama“. Die vielen tausend Momente, die es wunderbar macht, dieses Elternsein. Das Wachsen.

Ich sitze dort und all diese Gedanken rauschen durch meinen Kopf. Das alles ist vergangen, denn ich werde kein weiteres Kind mehr bekommen. Nicht, weil ich all das nicht mehr wünsche. Nicht, weil ich es nicht von ganzem Herzen und aus tiefster Seele liebe, schwanger zu sein und Kinder zu haben. Ich werde keine Kinder mehr bekommen, weil ich Kinder habe.

Während ich dort sitze, wird mir auf einmal klar: Ich werde keine Kinder mehr bekommen, weil ich schon Kinder habe. Weil ich sie liebe und gerne mit ihnen zusammen bin. Weil sie alle drei ganz verschieden sind und mich auf ihre Weise fordern. Weil ich so für sie da bin, wie ich für sie da sein will und weil ich weiß, dass ich ganz persönlich es so richtig finde, wie es gerade ist. 3 Kinder, 3 Wege, 3 Geburten: Geburtshaus, zu Hause, Krankenhaus. 3 Menschen, die ich ins Leben begleiten darf. Nächte, die ich mit ihnen durchgestanden habe, wach. Nächte, in denen ich neben ihnen lag und schlief und sich manchmal eine kleine Hand in meine schob. So viele Besonderheiten, so viele Bedürfnisse – und auch meine eigenen.

Ich sitze dort und weiß, dass ich eine Vernunftentscheidung treffe, keine Herzensentscheidung. Weil es sich richtig und vernünftig anfühlt, dass wir keine weiteren Kinder bekommen. Weil es sich in meinen Gedanken richtig anfühlt, weil ich nicht weiß, wie ich so mit noch mehr Kindern leben kann, wie ich es jetzt tue. Weil ich nicht weiß, ob ich meinen Ansprüchen gerecht werden kann an mich selbst. Weil ich nicht weiß, ob ich genug Spielraum habe in mir für jedes Temperament, das da kommen könnte. Weil ich nicht weiß, ob in den Bedürfnissen der Kinder, die ich schon habe, genug Spielraum vorhanden ist für ein weiteres Geschwisterkind. Ich dachte einmal, dass wir auch mit zwei Kindern komplett wären, weil es sich einfach so anfühlte, so rund und schön und wunderbar. Ich bin unendlich dankbar, dass mich das Leben überrascht hat damit, dass es sich noch runder und schöner anfühlen konnte. Drei ist meine Zahl. Für andere ist es vielleicht Eins oder Zwei oder Vier oder Acht. Meine Zahl ist die Drei.

Als ich die Praxis verlasse, bin ich eine Frau mit drei Kindern. So, wie ich sie betreten habe. Aber im Inneren ein wenig anders, ein wenig bestimmter, ein wenig traurig und ein wenig glücklich über das, was da ist und eben nur noch wächst und sich nicht mehr erweitert.

Eure