Bindungsorientiert leben nach schwerer eigener Kindheit

Melanie Couson ist Ärztin, Coach und Mutter von zwei Kindern. Auf ihrem Blog melaniecouson.de schreibt sie berührende Texte über all diese Themen. Für Geborgen Wachsen hat sie aus ihrer Beruflichen Erfahrung darüber geschrieben, wie ein bindungsorientiertes Leben dann gelingen kann, wenn Eltern selbst eine schwere Kindheit hatten:

Wenn du hier regelmäßig mitliest, dann bist du wahrscheinlich jemand, der sein Familienleben liebevoll und bedürfnisorientiert gestalten möchte. Das ist inzwischen – glücklicherweise – das Ziel vieler Eltern und ich bin davon überzeugt, dass das der Grundstein ist für ein gesünderes, erfüllteres Miteinander.

Mir begegnen aber in meinem Beruf als Ärztin und auch privat immer wieder Eltern, die selbst eine so belastete, oft sogar traumatische Kindheit hatten, dass sie sich fragen, wie sie etwas schaffen sollen, das sie selbst nicht kennen, wofür ihnen das Vorbild fehlt. Mir begegnen Eltern, die merken, dass sie theoretisch gern liebevoll und gelassen wären, aber in der Praxis vor ihrem wütenden Kleinkind stehen und entweder selbst einen Wutanfall bekommen – oder einfrieren und sich von dem Kind zurückziehen. Manche sind voll Reue, weil sie beispielsweise als Kinder geschlagen wurden und sich so sehr gewünscht haben es besser zu machen, aber das Gefühl haben daran gescheitert zu sein. Weil sie sich manchmal so hilflos gefühlt haben, dass sie ihren Kindern doch weh getan haben, und sei es „nur“ verbal.

Es stimmt, dass es schwieriger ist respekt- und liebevoll mit den eigenen Kindern umzugehen, wenn man selbst diesen Umgang nicht erfahren hat. Aber die weit verbreitete Annahme, dass geschlagene Kinder fast immer selbst zu Schlägern würden, ist nicht bestätigt. Die US-amerikanische Psychotherapeutin Susan Forward schreibt in ihrem Buch „Vergiftete Kindheit“, dass misshandelte Eltern sogar eher „in Auflehnung gegen die Schmerzen der eigenen Kindheit davor zurückscheuen, irgendwelche Grenzen zu setzen und durchzudrücken“. Ihre Erfahrung nicht respektiert worden zu sein resultiert also oft eher darin, dass sie ihre eigenen Grenzen nicht wahrnehmen und ihren Kindern gegenüber nicht vertreten können, was diese wiederum verunsichern kann. Das ist zwar weit weniger schädlich als Gewalt anzuwenden, ist aber auf Dauer auch eine große Belastung.

Doch was kann man tun, wenn man seine Geschichte nicht wiederholen möchte, wenn man seine Kinder frei von der seelischen und/oder körperlichen Gewalt großziehen möchte, die man selbst erlebt hat? Folgende Dinge können helfen:

  1. Zuallererst, Mitgefühl, Mitgefühl, und noch mehr Mitgefühl: Und zwar für dich selbst und deine Wunden. Es erfordert Mut und Stärke sich mit diesen auseinanderzusetzen und mit den eigenen Kindern einen anderen Weg gehen zu wollen. Diese Stärke bekommst du vor allem dadurch, dass du erst einmal dir selbst und dem, was du erlebt hast, liebevoll begegnest.
  2. Sorge für Entlastung im Alltag: Das hat mit genau dieser liebevollen Haltung zu tun, die du dir gegenüber einnehmen musst – etwas, das gerade ehemals vernachlässigten oder misshandelten Kindern sehr schwer fällt. Du opferst dich vielleicht schon dein Leben lang auf, weil das ein Verhalten ist, das dir früher wenigstens ein bisschen Anerkennung gesichert hat. Aber Aufopferung in Kombination mit Kindern ist der sichere Weg in die Überforderung. Und aus dieser Überforderung kann wiederum die Gewalt entstehen, die man gar nicht will. Es muss nichts Großes sein. Manchmal reicht schon eine andere Haltung sich selbst gegenüber, das bewusste Bemühen milde mit sich zu sein, oder ein Abend, den man statt mit Aufräumen mit einem geliebten Hobby verbringt.
  3. Bleibe emotional verfügbar: Wenn dein Kind dich – wie jedes normale Kind – auf die Palme bringt und dein Impuls ist dich von ihm zurückzuziehen, versuche das Gegenteil zu tun. Kinder wollen wissen, wer ihre Eltern sind, und manchmal zielt ihr Verhalten genau darauf ab etwas über sie zu erfahren. Zeig es ihnen. Zeig ihnen auch, wenn es dir nicht gut geht oder wenn du hilflos bist. Das macht ihnen weniger Angst als gar keine Reaktion – oder ein mit Mühe zurückgehaltener Wutanfall, der schließlich in einer Explosion endet.
  4. Eltern sind auch nur Menschen: Und das ist auch gut so. Dein Kind ist nämlich auch nur ein Mensch. Wie kann es das Menschsein und all die schwierigen Gefühle, die es mit sich bringt, lernen, wenn du selbst versuchst alles perfekt zu machen? Es ist ein verständlicher Wunsch möglichst alles Leid von seinen Kindern fernhalten zu wollen, gerade wenn man selbst unter so schwierigen Bedingungen aufgewachsen ist. Aber viel schädlicher als Eltern, die Fehler machen und darüber reden können, sind Eltern, die perfekt und unfehlbar sein möchten oder sich gar dafür halten. Dein Kind lernt dadurch nur, dass man über schwierige und „negative“ Gefühle nicht spricht, sondern sie runterschluckt – wahrscheinlich so wie du damals.
  5. Sprich über deine Erfahrungen: Deine Kinder merken es sowieso, wenn du manchmal traurig, abwesend, verzweifelt oder scheinbar grundlos wütend wirst. Lass sie – in altersgerechter Weise – an dem teilhaben, was du erlebt hast. Sie fragen sich das ohnehin, und wenn sie die Gründe für dein Verhalten nicht kennen, werden sie darüber spekulieren und das meiste auf sich beziehen. Kinder verstehen oft mehr als wir uns vorstellen. Wir wollen sie vor Themen wie Missbrauch und Gewalt so lange es geht schützen, aber das ist gar nicht möglich, und es ist auch nicht unbedingt zu ihrem Besten, wenn sie nichts darüber wissen.
  6. Hol dir Hilfe: Wenn dich trotz allem ständig ein schlechtes Gewissen plagt, wenn du dich überfordert fühlst, wenn du Verhaltensweisen zeigst, die du ändern möchtest und es trotz aller Anstrengung nicht schaffst, dann ist das Beste, was du tun kannst dir Hilfe von außen zu holen. Sich einzugestehen, dass man es – gerade unter so erschwerten Bedingungen – nicht alleine schafft, ist keine Schwäche, sondern ein Zeichen von Stärke. Schwach wäre es seine Unzulänglichkeiten an seinem Kind auszulassen, stark ist es diesen ins Auge zu sehen und Verantwortung zu übernehmen. Es ist nicht einfach – aber es geht.

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