Werbung fürs Stillen? Nein, danke!?

Du schlägst eine Zeitschrift auf und findest darin das Bild einer stillenden Frau mit der Überschrift „Still Dein Baby solange Du willst! Stillen ist die gesunde und natürliche Ernährung des Babys“. Was würdest Du denken? Stilldruck? Unangebrachte Werbung? Beeinflussung? Keine Sorge, das gibt es nicht. Du schlägst eine Zeitschrift auf und findest darin das Bild einer Frau mit Baby und Flasche von einer großen Firma, die erklärt, dass ihr Produkt die Entwicklung des Babys fördert. Gibt es. Was denkst Du?

Umgeben von Werbung, aber wofür?

Im Fernsehen wird in einem Werbespot mit einem niedlich und mit großen Augen blickendem Baby erklärt, dass das Stillen in den ersten sechs Monaten nach der Geburt die beste und natürlichste Nahrung für das Baby sei. Ein wenig hängt in der Luft die Frage: Und nach sechs Monaten ist sie das nicht? Die Folgemilch jedenfalls würde das Immunsystem und die Gehirnentwicklung unterstützen. Auch hier wieder die Frage: Und was ist mit der Muttermilch? Im Wartezimmer des Kinderarztes liegen die Beutelchen mit Pulver in Griffnähe, daneben Broschüren darüber, was alles die Vorteile gerade dieser künstlichen Säuglingsnahrung seien. Passend dazu können Kinderärzt*innen bei Herstellern wie Nestlé Weiterbildungen besuchen über „Ernährungswissen kompakt für die Kinderarztpraxis“ und anderen Themen. Auf zahlreichen Elternblogs finden sich bezahlte Beiträge über die ersten 1000 Tage mit Baby, gesunde Ernährung und den Hinweis zu den Herstellern von Muttermilchersatzprodukten. Auch eine passende App von Beginn der Schwangerschaft an ist ein gutes Mittel der Kundenbindung neben den Schwangerschaftsriegeln und -säften, die optisch passend zur späteren Säuglingsnahrung angeboten werden. Und natürlich werden auch Stillhilfsmittel als Erstausstattungs-Must-Have in Blogartikel und Magazine eingebunden. Blättern wir durch Zeitungen und Magazine, lächeln uns Babys mit Fläschchen entgegen, wofür die Firmen ein großes Budget einplanen und Zeitungen große Werbeeinnahmen haben.  – Kurz: Wir sind umgeben von Werbung für Muttermilchersatzprodukte und Stillhilfsmittel.

Schon vor dem ersten Anlegen: Stillen ist schwierig!

Uns wird immer wieder suggeriert: Stillen ist nicht einfach, für das Stillen braucht Frau Hilfsmittel. Stimmt aber nicht. Im Gegenteil können uns „Stillhilfsmittel“ das Stillen erschweren. Was aber stimmt: Stillen ist nicht einfach anfangs und oft brauchen wir Unterstützung und Hilfe, besonders menschliche Hilfe. Und natürlich können Hilfsmittel wie Pumpen besonders berufstätigen Müttern eine große Erleichterung sein und überhaupt eine Möglichkeit darstellen, das Stillen auch bei Erwerbstätigkeit fortzuführen. Dennoch müssen wir nicht von Anfang an eine große Liste an Stillhilfsmitteln besorgen, um stillen zu können, sondern sollten vielmehr auf die menschliche Unterstützung bauen, die uns dann zu notwendigen Produkten professionell berät. Denn auch hier gibt es einen Unterschied: Professionelle Beratung ist eine andere als die von Laien auf verschiedenen Kanälen vorgetragene Werbung, eingebettet in die persönliche, individuelle Geschichte.

Die Industrie forscht seit Jahrzehnten nach einer Nahrung, die unsere Kinder fördert und ihre Gesundheit unterstützt und wir können die Entwicklung unserer Kinder durch die Gabe bestimmter Produkte beeinflussen. Es klingt alles so logisch, so richtig und ist so wunderbar in Szene gesetzt. Doch wenn wir einen Moment nachdenken, fragen wir uns vielleicht doch: Warum sollte ich eigentlich Muttermilch durch künstliche Säuglingsnahrung ersetzen, wenn erstere doch die natürliche, gesunde und kostenfreie Ernährungsform ist? Hat die natürliche Ernährungsform nicht einen Sinn und ist vielleicht die richtige Förderung für mein Kind?

Selbst entscheiden, weil Frau wirklich informiert ist

Dass das Stillen nicht mehr als normal betrachtet wird und dass wir uns zeitlich unter Druck gesetzt fühlen, liegt an einer gesellschaftlichen Entwicklung und an einem Einfluss, der seit Jahrzehnten ausgeübt wird. Es war ein langer Weg zur heutigen Pulvermilch und wir können an vielen Stellen froh sein, dass es sie gibt. Denn natürlich gibt es immer wieder Situationen, in denen es richtig und lebensrettend ist, dass es sie gibt. Und darüber hinaus gilt auch: Jede Frau hat das Recht, für sich und ihr Kind zu entscheiden, ob und wie lange sie stillen möchte. Jede Frau hat das Recht, sich auch gegen das Stillen zu entscheiden. Aus eigenen Gründen, aus ihren Gründen. Nicht, weil sie überredet wurde, dass künstliche Säuglingsnahrung richtig oder gesünder oder förderlicher wäre. Aber sie ist eine Alternative. Die Entscheidung für oder gegen das Stillen – sofern sie sich stellt – ist privat und sollte getroffen werden aus eigener Überzeugung und wohl informiert über die Vor- und Nachteile für Frau und Kind. Um die Einflussnahme durch Hersteller von künstlicher Säuglingsnahrung zu begrenzen und Frauen nicht vom Stillen abzuhalten, gibt es seit 1981 den Internationalen Kodex zur Vermarktung von Muttermilchersatzprodukten der WHO. Wer sich selbigen durchließt merkt, dass auch hier bei uns immer wieder Verstöße dagegen im Alltag gefunden werden.

Wo ist die Stillwerbung?

Während wir in Zeitschriften und den neuen Medien von Werbung für Muttermilchersatzprodukte umgeben sind, gibt es auf der Seite – nichts. Keine moderne Elternzeitschrift, die einseitig eine stillende Frau abbildet mit dem Slogan „Still Dein Baby – was anderes braucht es nicht!“ Keine Werbung im Fernsehen zur Prime Time mit Mutter, Brust und Baby ganz ohne Verweis auf Folgemilch. Keine Werbeanzeige mit dem Hinweis: „Wenn das Stillen schmerzt, brauchst Du Beratung“ oder „Deine Brust schmerzt beim Stillen? Wende Dich an eine Hebamme bevor Du abstillen willst“ oder „Schwierigkeiten beim Stillen? Es ist nicht Deine Schuld, lass Dich beraten“.

Frauen sind die Stilllobby

Die Werbung für das Stillen kommt größtenteils von denen, die mit dem Stillen beschäftigt sind: von Frauen. Hebammen, zu deren Arbeit es gehört, zur Ernährung des Babys zu beraten. Stillverbände – eine kleine Lobby -, die andere Frauen unterstützen in Stillfragen. Frauen, die selber stillen. Vielleicht auch solche, die selber eine schwierige Stillgeschichte erlebt und erfahren haben, dass sie trotz anfänglicher Hindernisse einen Weg finden konnten. Manchmal sind es auch Ärztinnen und Ärzte, die für das Stillen eintreten. Doch das Stillen hat keine große, finanziell mächtige Lobby. Keine Aktionäre, die dahinter stehen und die positiven Auswirkungen des Stillens passen nicht einmal richtig in eine Legislaturperiode. Die einzigen, die sich um das Stillen und ihre weitere Existenz kümmern können und gegenüber einer großen Industrie mit wohl ausgedachten Werbebotschaften und einem Millionengeschäft stehen, sind einfach nur wir Mütter. Die Stilllobby sind wir: Frauen, die länger oder kürzer oder mit oder ohne Widerstand stillen oder stillen wollten oder in irgendeiner Weise davon überzeugt sind. Es ist einfach nur eine Menge von Menschen, die davon überzeugt ist.

Manches Mal sind wir vielleicht zu vehement. Manches Mal schlagen einige über das Ziel hinaus, wenn sie zu viel fordern. Wenn sie anderen das Recht absprechen wollen, ihre Entscheidungen anders zu treffen als sie es selbst taten. Frauen üben in Stillfragen Druck auf andere Frauen aus, weil es niemand anderen gibt als diese Frauen, die sich sich dafür einsetzen. Das liegt nicht an ihrem Geschlecht, sondern daran, dass es keine andere Lobby für das Stillen gibt. Auch dann, wenn die Stillbefürworterinnen weniger in Anzahl und geringer in Einfluss sind, dürfen sie jedoch nicht vergessen, dass sie nicht die alleinige Wahrheit besitzen und die Entscheidungsmacht für andere.

Stillen ist kein Wettbewerb, Stillförderung kein Kampf. Druck hilft nicht, aber Aufklärung, Einfühlsamkeit, Anteilnahme und Zuwendung. Das sind die Schlüssel zu einer erfolgreichen Werbung für das Stillen – auch ohne Werbebudget.

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