Warum wir unsere Kinder nicht als Tyrannen bezeichnen sollten

„Der kleine Tyrann“, „die kleine Zicke“, „kleines Teufelchen“ – nahezu jeden Tag sind solche Beschreibungen irgendwo zu hören oder lesen. Niedlich-verharmlosend sehen wir in Schaufenstern Kindershirts hängen, auf denen kleine Teufel aufgedruckt sind mit passenden Sprüchen. Das Kind, das willentlich-widerborstige Wesen, das uns kommandiert, den Weg vorgibt und unser Leben negativ verändert. So haben schon Generationen vor uns die Kinder gesehen.

Doch so sind Kinder eben gar nicht. Ich habe schon öfters darüber geschrieben, warum bindungsorientiert aufwachsende Kinder keine Tyrannen werden. Doch unabhängig davon, welches Verhalten sie langfristig zeigen, geht es hier darum, wie wir sie bezeichnen und sehen. Häufig beginnen Beschreibungen wie „Tyrann“ oder „Zicke“ um den zweiten Geburtstag herum, wenn die Kinder ihren Wunsch nach Selbständigkeit stärker zeigen und gleichzeitig noch nicht in der Lage sind, sich in die Bedürfnisse anderer hinein zu versetzen. Das Kind, das eben noch so liebevoll betrachtet wurde, ist auf einmal ein Tyrann, weil es nachts nicht durchschläft (warum das normal ist, habe ich hier beschrieben) oder sich wütend auf den Boden wirfst (über den falschen Begriff „Trotz“ habe ich hier geschrieben). Was auf den ersten Blick wie Egoismus wirken kann, ist in Wirklichkeit jedoch nur ein ganz normales Verhalten des Kindes. Ein Verhalten, das biologisch so angelegt ist und deswegen von allen Kindern gezeigt wird weltweit – je nach Temperament in unterschiedlicher Ausprägung. Und genau dieses Verhalten ist sinnvoll, denn es fördert sie darin, die Dinge zu tun, die für ihre Entwicklung wichtig sind. Kinder müssen selbständig werden und sein und das können sie nur, wenn sie es ausprobieren und uns manches Mal auch davon überzeugen, dass sie Dinge schon (fast) können, die wir ihnen nicht zugetraut hätten. Kinder sind keine Tyrannen, keine Zicken, keine Teufel. Sie sind eben einfach Menschen. Und wir sollten ihnen vertrauen.

Heute wissen wir all dies und der Stand der Forschung bestätigt, dass das Verhalten unserer Kinder richtig und notwendig ist – auch wenn es uns manchmal so schwer fällt, dies anzunehmen. Dennoch halten sich hartnäckig veraltete Bilder vom Kind und seinem Verhalten in unserer Gesellschaft. Es ist wichtig, dass wir die neuen Erkenntnisse berücksichtigen, denn nur dadurch, dass wir wissen, dass die Kinder uns nichts Böses wollen, schaffen wir es, ohne Bestrafung und ohne Beschimpfung zu handeln. Es ist wichtig, dass wir darüber schreiben und sprechen und dieses Wissen weiter verbreiten. Denn es fehlt an vielen Stellen einfach Aufklärung und Verständnis. Das Wissen ist hilfreich: Als Eltern, die vielleicht selber ganz anders aufgewachsen sind, brauchen wir manches Mal diese Erkenntnisse, um von den Handlungsmustern unserer (Groß-)Elterngeneration Abstand zu nehmen und uns dem Kind zuwenden zu können. Es ist wichtig, dass wir uns immer wieder vor Augen halten: Mein Kind verhält sich normal, auch wenn es gerade anstrengend ist und ich dieses Verhalten nicht mag. Mein Kind verhält sich so, wie es sich in diesem Alter verhalten sollte.

Wenn wir Kinder als Tyrannen, Zicken, Teufelchen bezeichnen, ignorieren wir all diese Erkenntnisse. Wir gehen zurück zu den Annahmen über kindliches Verhalten zu Anfang des letzten Jahrhunderts. Wir machen Kinder verantwortlich, wo sie es nicht sind. Und wir ebnen in der Gesellschaft einen Umgang, eine Sicht auf das Kind, die in die gegenteilige Richtung von dem führt, was wir eigentlich anstreben sollten. Unsere Worte bestimmen unser Handeln. Bilder prägen sich ein. Wenn wir Kinder als Tyrannen bezeichnen, behandeln wir sie auch so. Wenn sie Pullover mit der Aufschrift „Satansbraten“ tragen, ist es, als würden sie Plakate durch die Gesellschaft tragen, die Gedanken über die böswilligen Kinder zementieren. Es ist eine Aufgabe von uns allen, daran zu arbeiten, dass Kinder so gesehen werden, wie sie gesehen werden sollten. Wir sind die Lobby unserer Kinder, wir können für eine bessere Zukunft, ein liebevolleres Miteinander einstehen. Wir sollten unser eigenes Denken ändern und gleichzeitig für unsere Kinder einstehen, wenn andere sie mit solchen Worten bedenken – denn niemand hat das Recht, ein Kind so zu betiteln (wie Anna hier schön beschreibt) Nur so können wir den Bedürfnissen von Kindern wirklich nachkommen und Fehler der Vergangenheit nicht in die Zukunft tragen. Kinder sind keine Tyrannen, keine Zicken, keine Satansbraten, keine Teufelchen. Sie sollten so nicht genannt und noch weniger so betrachtet werden.

Eure