Jede*r hat Wohlbefinden verdient

Ich sitze morgens in der Straßenbahn mit den Kindern. Es ist recht leer, ein paar Sitze weiter sitzt eine Frau, etwa in meinem Alter. Sie hält ihr Handy vor sich, mit der anderen Hand trägt sie zuerst an den Haltestellen Mascara auf, dann einen Lippenstift. Die zwei Frauen im Viererabteil neben uns stecken die Köpfe zusammen, eine sagt: „Die hat es aber nötig.“ und nickt in ihre Richtung. Als die geschminkte Frau aussteigt, geht sie an uns vorbei. Aus ihrer Jackentasche schaut eine Bäckereitüte, in ihrer offenen Handtasche sehe ich einen braunen Puppenhaarschopf. Sie ist Mutter, denke ich mir. – Und ja, vielleicht hat sie es nötig, weil es ihr einfach gut tut. Warum eigentlich auch nicht?

Wahrscheinlich ist diese Frau heute morgen aufgewacht, hat ihr Kind geweckt und gemeinsam mit dem Kind das Frühstück gemacht und gegessen. Sie wird Kindersachen herausgesucht haben zum Anziehen oder ihrem Kind geholfen haben, sich selbst anzuziehen. Sie wird Zähne nachgeputzt und Haare gebürstet haben. Neben all dem hat sie vielleicht auch noch den Tisch mit dem Kind abgeräumt und schnell eine Ladung Wäsche in die Maschine gestopft. Sie hat sich geduscht oder gewaschen, sich schnell frisiert und angezogen. „Ist alles fertig? Habe ich nichts vergessen?“ wird sie gedacht haben bevor sie sich auf den Weg gemacht hat mit ihrem Kind. Vielleicht hat sie die Aufgaben mit einem Partner/einer Partnerin geteilt. Vielleicht aber auch nicht. Sie hat, als sie hinaus auf die Straße geht, vielleicht schon einen vollen Tag hinter sich. Und eigentlich hat sie es schon allein dafür Wohlfühlzeit verdient.

Ich schaue an mir herunter. Meine Haare sind zu einem praktischen Pferdeschwanz gebunden, so früh morgens bin auch ich ungeschminkt. Ich mag es, mir Zeit für mich zu nehmen, mein Gesicht einzucremen und mich zu schminken. Ich mag diese wenigen Minuten Zeit, die mir wohl tun und nach denen ich mich im Spiegel ein wenig frischer ansehen kann und gleich auch so fühle. Ich mag es, mir das Gefühl zu geben, mich zu pflegen und mir etwas Gutes zu tun – auch wenn es nur ganz kurz ist. Es tut mir einfach gut. Meistens schaffe ich das aber erst zu einer entspannten Zeit am Mittag. Auch sie hat es nicht zu Hause geschafft. Es gab wohl anderes zu tun.

Ich habe es nötig mir Gutes zu tun. Man kann sagen, dass man sich nicht schminken muss, um schön zu sein und sich wohl zu fühlen. Das stimmt. Aber für mich ist es ein schönes Ritual. Ich habe es nötig, mich schön zu fühlen – für mich. Weil ich mich gerne im Spiegel ansehe und mich freue, wenn ich trotz Stress in ein Gesicht blicke, dass ein wenig Entspannung vermittelt. Und vielleicht geht es dieser Frau aus der Straßenbahn auch so. Vielleicht ist es für sie sogar noch wichtiger. In all dem Stress, all den Aufgaben, all dem Dasein für andere, all der Arbeit einfach etwas tun, um sich wohl zu fühlen. Es ist schade, dass sie es nicht in Ruhe zu Hause schafft. Es ist toll, dass sie es dennoch macht. Hinter dieser Geste, sich in der Bahn zu schminken, liegt vielleicht eine so große Geschichte: von Aufgaben, von Elternschaft, vielleicht von fehlender Unterstützung, von Liebe, von Verzicht und doch auch von Selbstfürsorge. Und niemand von uns sollte sie deswegen verurteilen – im Gegenteil. Wir alle haben mehr Verständnis und mehr Wohlwollen verdient. Manche schminken sich vielleicht Lippen und Augen, manche haben andere Rituale, um es sich gut gehen zu lassen. Aber jede*r von uns hat es verdient, Momente für sich zu haben.

Eure

6 Kommentare

  1. Wieder wunderschön geschrieben Susanne und Du hast recht, keiner sollte verurteilt werden, bloß weil er sich ein paar Minuten für sich Zeit nimmt. Liebe Grüße, Nicole.

  2. Gibt mir einen neuen Blick auf Make-Up, den ich so noch nicht hatte. Das als Selbstfürsorge zu begreifen finde ich sehr schön, auch wenn ich selbst lieber ein paar Absätze lese in der Zeit.
    Danke 🙂

  3. Danke für den schönen Text, Susanne! Ich finde mich darin total wieder – ich bin eine Schminktante und habe das schon vor dem Mini sehr gerne und sorgfältig gemacht. 🙂 Das hört ja nicht auf, wenn man Mutter – das Bedürfnis sich etwas Gutes zu tun. Aber mir hat tatsächlich auch schon mal eine Bekannte folgendes gesagt, aber ich über unsere sehr unruhigen Nächte geklagt habe: Na, wenn du noch Zeit zum Schminken hast, kann es ja so schlimm nicht sein. 🙁
    Irgendwie kann man es nur „falsch“ machen: wenn man als Mama strahlt und glücklich ist, ist das nicht authentisch. Und wenn man platt ist und erschöpft, dann soll man bitte dankbarer sein, und nicht so jammern… Und deshalb sollte man es einfach so machen wie es für einen selbst richtig ist und sich gut anfühlt.

  4. Du Tolle! Ich stimme absolut mit dir überein, wir sollten uns unterstützen und anerkennen, wenn jemand sich darum kümmert, dass es ihm gut geht. Mich macht es glücklich, wenn ich Menschen sehe, die ihrem Bauchgefühl folgen und fröhlich sagen, das brauche ich jetzt einfach!

  5. Katrin Petersen

    Es tut mir wie immer sehr gut, Deine Beiträge zu lesen und dieser zeigt einmal mehr, dass wir mehr Verständnis und Mitgefühl miteinander benötigen. DANKE

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