Der Dank kommt später – und in den kleinen Dingen

Ich habe drei Wochen mit kranken Kindern hinter mir von einer normalen Erkältung über Bronchitis, Magen-Darm bis Mittelohrentzündung. Drei Kinder, die sich mit dem Kranksein abwechselten oder auch mal gleichzeitig krank waren. Ich habe Tees gekocht, Brustwickel angelegt, Eimer gehalten, Kinder gebadet, vorgelesen, Fieber gemessen – was man eben so macht mit krankem Kind. Und mein Mann ebenso. Drei Wochen, nach denen ich wirklich ziemlich erschöpft bin von all dem Kranksein, kurzen Nächten, vom ständigen Auf-den-Beinen-sein und wenig Ruhe. Wären meine Kinder Erwachsene, würde ich mir von ihnen ein Dankeschön wünschen. Ein paar Worte des Dankes für all die Anstrengungen. Und würde ein erwachsener Mensch keine Dankbarkeit zeigen, wäre ich wohl ziemlich verärgert – obwohl man Gutes nicht wegen des Dankes danach tut. Aber ein wenig erwartet man es eben doch danach. Die Kinder sind nicht dankbar, sie haben eher schlechte Laune, denn die gewohnte Bewegung fehlt ihnen und auch sie sind erschöpft vom langen Kranksein.

Kinder müssen nicht dankbar sein in dem Sinne, in dem es Erwachsene sind. Sie sind Kinder. Sie sind da, weil wir sie zu uns eingeladen haben. Sie denken noch nicht wie Erwachsene, sie handeln nicht wie Erwachsene. Sie sagen nicht artig: „Vielen lieben Dank dafür, dass Du mich gepflegt und Suppe ans Bett gebracht hast.“ Im besten Fall ist es für sie selbstverständlich, dass wir uns um sie sorgen und wir einfach immer da sind, bedingungslos. Im besten Fall erwarten sie es, weil es eben normal ist, dass sich andere Menschen um sie kümmern und sie nicht allein lassen mit ihren Beschwerden und Bedürfnissen. Im besten Fall fühlen sie sich einfach geliebt und können sich nichts anderes vorstellen.

Ich hoffe, dass eines Tages irgendwann einmal meine Kinder denken, dass sie eine schöne Kindheit hatten. Dass sie sich auf ihre Bindungspersonen verlassen konnten und sie sicher für sie da waren. Das wäre der Dank, den ich mir wünsche. Sie müssen es nicht in Worte fassen, sondern sollen es in sich spüren. Der Dank ist, dass sie glückliche Menschen werden, die sich geliebt fühlen.Bis dahin jedoch kann ich mich auch an den kleinen Dingen des Alltags festhalten, die mir Dank sind für das, was ich den Kindern mit auf den Weg geben möchte: Momente, in denen sie liebevoll zueinander sind. Oder wenn sie anderen Kindern helfen. Wenn der Kummer eines anderen sie nicht kalt lässt, sondern auch sie helfen wollen. All diese kleinen Momente zeigen mir, dass sie wissen, was Empathie bedeutet, weil sie sie vorgelebt bekommen. Sie lernen, sich einzufühlen in andere, weil andere sich in sie einfühlen und mitfühlen. Sie lernen durch uns als Vorbilder den Umgang mit anderen Menschen.

Für die großen Gefühle, das Schulterklopfen und das Lächeln zum Durchhalten sind nicht die Kinder zuständig. Dafür benötigen wir andere erwachsene Menschen, die uns das Gefühl geben, dass wir unsere Sache gut machen und die uns anerkennend zunicken. Denn ja: manchmal ist es einfach anstrengend und wir brauchen das Lob und den Dank eines anderen, um diese Zeiten gut durchzustehen – aber eben nicht von unseren Kindern.

Eure

Susanne_clear Kopie

6 Kommentare

  1. FrauH_ausDA

    So wahr. Ein Lob und eine feste Umarmung an alle Eltern, die sich liebevoll um ihre kranken oder gerade schwierigen Kinder kümmern!
    Ich habe selbst oft die Erfahrung gemacht, wie gut es tat, für diese Anstrengungen Anerkennung zu bekommen. Nicht von den Kindern; zB vom Partner.
    Von den Kindern ist der größte (direkte) Dank ein ankuscheln, ein „sich-pflegen-lassen“ und ein kränkliches „ja“ auf die nachfrage, ob Tee oder Vorlesen wohl helfen würden…

  2. Liebe Susanne,

    schon so lange lese ich fast täglich deinen Blog und fühle mich selbst immer geborgen und bestärkt von deinen Gedanken. Danke dir dafür! So oft sprichst du mir aus dem Herzen, gerade auch jetzt, wo ich meine fiebernde kleine Tochter stille. Ich danke dir sehr dafür und bin mir sicher, dass es auch deine Kinder tun!

    Liebe Grüße!

  3. schon so lange lese ich fast täglich deinen Blog und fühle mich selbst immer geborgen und getragen von deinen Gedanken. Danke dir dafür. So oft sprichst du mir aus dem Herzen, gerade auch jetzt, wo ich meine fiebernde kleine Tochter stille. Ich Danke dir sehr dafür und bin mir sicher, dass es auch deine Kinder tun!

  4. Liebe Susanne,
    das war mit wieder mal aus der Seele gesprochen und dafür sage ich einfach mal danke. Genau so war unser November- mit genau den gleichen Krankheiten und dem gleichen Ende. Ich hatte dann noch Geburtstag, als die Kinder wieder einigermaßen gesund, aber nicht fit war. Und man fragte mich, was ist denn mit Deinen Kindern los? Ich antwortete ihnen nur: „Sie sind nicht anders wie wir, wenn wir 3 Wochen am Stück nicht draußen waren, nichts und niemand anderen gesehen haben. 3 Wochen sämtliche Krankheiten auf einmal hatten, die manch einer nicht im ganzen Jahr gehabt haben“.

    Der größte Dank für mich, wäre wenn sie eines Tages das Gleiche spüren würden, wie auch ich heute noch mit 41. Denn ich empfinde große Dankbarkeit für meine Eltern, meine Familie. Geborgenheit und Liebe durfte ich spüren. Vieles habe ich vergessen, aber noch heute erinnere ich mich, wie ich mich nachts nie alleine gefühlt habe, wie meine Eltern am Bett saßen, die halbe Nacht Wadenwickel gemacht oder mir den Eimer hingehalten haben.

    Wenn meine Jungs in einigen Jahren einmal selbst glücklich zurück blicken können, wird es mich glücklich machen.

    Herzliche Grüße und hoffentlich einen gesünderen Dezember!!!
    Tanja

  5. Vor ein paar Jahren mal habe ich meiner Mutter gesagt, dass ich eine schöne Kindheit hatte, mich immer geliebt und augehoben und in meiner Individualität wahrgenommen und unterstützt gefühlt habe. Ich dachte, das wüsste sie besser als ich und habe es nur so dahin gesagt. Aber sie war zu Tränen gerührt und sagte mir, dass das eins ihrer wichtigsten Ziele im Leben war und ich ihr grade bestätigt habe, dass sie das erreicht hat. Dein Post erinnert mich daran, dass es jetzt, wo ich selber Mutter bin, Zeit wäre, mich noch einmal bei meiner Mutter (und eigentlich auch bei meinem verstorbenen Vater) zu bedanken. Dafür, dass ich es mir im Umgang mit meinem Kind so leicht machen kann und meistens einfach auf mein Bauchgefühl hören und meine spontanen Reaktionen ausleben kann. Denn dadurch, dass es in meiner Kindheit „richtig“ gemacht wurde, sind bei mir keine „falschen“ Kurzschlussreaktionen gespeichert. Und ist das nicht wirklich schön? Dass es sich fortsetzt, wenn der Samen gesetzt ist? Mit jedem liebevoll beim Aufwachsen begleiteten Kind wird die Welt ein bisschen besser. So, wie du es ja bei deinen Kindern auch schon siehst.

  6. Ich finde das ist ein großes Thema: Dass Kinder einfach Kinder sind und keine „Schuld“ bei uns anhäufen, nur weil wir sie „pflegen“. Sie haben, im Gegenteil, das Recht darauf, so behandelt zu werden und auch darauf, dass keine Gegenleistung erwartet wird. Und ich finde dieses Recht – das ist besonders wichtig – haben sie, selbst wenn sie erwachsen sind. Ich kenne einige Fälle, da setzen die Mütter (jetzt Großmütter, vor allem auch das Großmutter-Werden scheint sie dazu zu berechtigen) ihre erwachsenen Kinder unter Druck, nach dem Motto “ Ich habe dich großgezogen und gepflegt und nie eine Gegenleistung verlangt, jetzt hätte ich dafür aber shcon gern, dass ihr mich wenigstens besucht o.ä.. Auch das finde ich höchst grenzwertig, dann vom Erwachsenen Kind das einzufordern mit dem Argument, dass es das „schuldig“ wäre. Ich wünsche mir auch, dass ich meinen Kindern, wenn sie erwachsen sind, nicht egal bin. Aber ich wünsche mir, dass sie dann zu mir kommen, wenn ihnen danach ist, und nicht wenn ich sie nötige. Ich weiß,jetzt habe ich leicht reden, noch bin ich nicht alt und einsam, aber ich hoffe ich habe die Kraft, das auch so zu leben. Denn diese Druck finde ich furchtbar. Auch das Danke-sagen, klar, das wünscht sich jede Mutter. Aber aus diesem Wunsch wird oft das Verhalten, es den Kindern wann immer es geht aufs Brot zu schmieren, dass man als sie klein waren ja so viel für sie getan hat, und jetzt als Erwachsene sollen sie das zurückgeben. Mir ist etwas ganz anderes aufgegangen, seit ich Mutter bin: Meine Eltern waren großartige Eltern, und wahrscheinlich habe ich viel zu selten Danke gesagt, als ich bereits erwachsen war. Ich hole das jetzt nach, ich spreche mit ihnen darüber, wie sehr ich sie schätze und die Art, wie sie mich erzogen haben. Natürlich gibt das auch nur teilweise etwas zurück, aber vor allem glaube ich, dass wir eine Art Generationenvertrag haben: Das Danke, dass meine Eltern in vielen Situationen verdient gehabt hätten und nicht bekommen haben – eben weil wir Kinder waren – diese Wertschätzung versuche ich ihnen jetzt als Erwachsene wiederzugeben – vor allem auch dadurch, dass ich für meine Kinder dieselbe Fürsorge und Energie aufwende, wie sie für mich damals. Man gibt sein Danke, das man damals verpasst hat, also nicht den Eltern, sondern in Form der Liebe an die eigenen Kinder weiter. Ich finde diesen Gedanken schön, dass wir den Dank für unser Leben, für die Liebe der Eltern, am meisten wertschätzen, wenn wir die Energie und Liebe, die sie uns mitgegeben haben, an unsere Kinder weitergeben. Meine Eltern leben noch und ich sage ihnen oft, wie gut sie waren und sind, aber trotzdem denke ich immer wenn ich mal Kraft brauche oder es anstrengend ist: Meine Mutter hatte viele solche Situationen und hat sie immer liebevoll durchstanden und uns nie spüren lassen, dass wir anstrengend oder nervig sind. Ihr kann ich das nicht mehr in diesem Maße zurückgeben, weil wir nicht mehr in diesen Situationen sind, aber ich kann ihr zeigen, dass ich diese Liebe sehe und wertschätze, in dem ich für mein Kind ebenso verständnisvoll bin und die Liebe an es weitergebe. Und von meinem Kind kann und will ich nicht erwarten, dass es mich später besuchen kommt oder danke sagt. Aber vielleicht wird es sich mit seinem Kind daran erinnern, dass ich eine liebevolle Mutter war, und es genauso behandeln – das ist mir dann Zeichen genug, dass ich es ganz gut gemacht habe. Ich glaube die „schuld“ (wenn man überhaupt davon sprechen will), in der wir bei unseren Eltern (sofern sie uns liebevoll großgezogen haben) stehen, werden wir nie direkt begleichen können – aber wir begleichen sie in der nächsten Generation, genau wie unsere Kinder es nicht an uns zurückgeben, sondern an ihre Kinder weitertragen werden. Kinderliebe kann und darf man niemals einfordern als „Dank“ für die Elternarbeit, als Schuldbegleichen, Kinderliebe bekommt man geschenkt. Und die Kinder tragen diese Liebe im besten Fall weiter. So sehe ich das. Nichts schlimmer als Eltern, die die erwachsenen Kinder unter Druck setzen und Liebe „fordern“!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.