Das erste Mal nach der Geburt

Mit der Geburt eures ersten Kindes ändert sich unheimlich viel: Ihr werdet vom Liebes- zum Elternpaar und nach einigen Monaten stellt sich häufig die Frage: „Wie können wir neben dem Eltern- auch wieder ein Liebespaar sein?“. Zu einem Liebespaar zählt nicht nur, aber für die meisten Paare auch das Thema Sexualität. Und um dieses Thema soll es in meinem heutigen Gastbeitrag gehen. Konkret geht es um die Frage „Wir sind vor ein paar Monaten Eltern geworden und unsere Sexualität schläft immer noch. Wie können wir das ändern?“.

Gedanken nach der Geburt

Grundsätzlich ist es möglich, dass ihr wieder miteinander schlaft, sobald der Wochenfluss beendet und mögliche Narben wie zum Beispiel nach einem Dammschnitt verheilt sind (wobei das sicher selbstverständlich ist). Oft braucht der Geist aber länger, um sich wieder auf die Sexualität einzustellen, als der Körper. Weil ich in meiner Praxis Frauen berate, kenne ich die Sorgen und Bedenken, die das erste Mal nach der Geburt begleiten, vor allem aus Frauensicht. Die häufigsten Sorgen sind meiner Erfahrung nach:

  • Mein Körper hat sich sehr verändert (mein Bauch und meine Brüste sind nicht mehr so straff, ich habe Hautrisse und Schwangerschaftsstreifen), bin ich noch attraktiv?
  • Bin ich überhaupt noch ein sexuelles Wesen oder „nur noch Mutti“? Wie schaffe ich es, neben meiner Mutterrolle auch wieder zu meiner sexuellen Seite zu finden?
  • Ist meine Vagina nicht zu weit geworden?
  • Wird es wehtun, wenn mein Partner in mich eindringt (diese Frage ist besonders häufig nach schweren Geburten oder Dammschnitten)?
  • Ich bin viel zu müde, wo soll da noch die Energie für Sex herkommen?
  • Ich habe einfach keine Lust mehr auf Sex.

publicAll diese Bedenken sind nicht nur normal, sondern auch sehr verständlich und kein Grund, sich zu schämen! Ich finde es unglaublich, welcher Druck heute auf frischgebackenen Müttern lastet – der Körper soll am besten sechs Wochen nach der Geburt schon wieder „laufstegtauglich“ sein und sowieso soll er wieder aussehen als hätte er nie ein Kind getragen. Wenn ihr solche Medienbotschaften auch belastend findet, dann wäre einer meiner Tipps, euch nur noch mit Zeitschriften, Webseiten und Medien zu umgeben, die Frauen und Mütter wirklich wertschätzen und nicht mit „Du solltest“-Botschaften und stresserzeugenden Schönheitsidealen bombardieren.

Außerdem habe ich noch mehr Denkanstöße für euch vorbereitet und möchte euch zusätzlich das Buch „Bettgeflüster“ von Andrea Bräu empfehlen, denn das fünfte Kapitel des Buchs widmet sich genau unserem Thema hier und ihr Buch ist auch sonst gut zu lesen und umzusetzen.

Tipps & Denkanstöße, um eure Sexualität wieder aufzuwecken

  • Sicher wird es euch nicht wundern, wenn ich euch als ersten Punkt das Reden empfehle! Redet miteinander, erzählt euch von euren Bedenken und vielleicht auch Ängsten und hört einander zu.
  • Bringt wieder Romantik in euren Alltag, um das Liebespaar in euch wieder hervorzuholen. Wie habt ihr euch früher umworben? Gab es Blumen, seid ihr Essen gegangen? Sprecht darüber, was ihr vor eurem Kind gemocht habt, was euch fehlt und überlegt, wie ihr Einiges davon wieder in euer Leben bringen könnt. Sicher wird sich nicht alles wie früher umsetzen lassen, doch an dieser Stelle hilft euch eure Kreativität (die jedes Paar hat!). Ihr seid früher gern zusammen Essen gegangen, aber möchtet euer Kind noch keinen ganzen Abend betreuen lassen? Wie wäre es mit Essen von einem guten Lieferservice und einem schön gedeckten Tisch mit Kerzen daheim. Was habt ihr für Ideen und Tipps zum Thema Romantik? Ich würde mich sehr freuen, eure Kommentare zu lesen!
  • Manchen Frauen hilft es, sich zunächst selbst erkunden, zu spüren, wie sich ihr Körper jetzt anfühlt und reagiert, ob und wo es Stellen gibt, die möglicherweise (schmerz)-empfindlicher sind als früher. Das kann euch helfen, wieder mehr Vertrauen zu eurem Körper und eurer sexuellen Seite zu finden.
  • Dass die Vagina sich durch eine Geburt für immer ausgeweitet hat, ist eine unbegründete Sorge. Nicht nur bildet sie sich ein Stück weit von selbst zurück, sondern ihr tragt mit eurer Rückbildungsgymnastik den restlichen Teil dazu bei. Wichtig beim Thema Beckenbodentraining ist, dass alle drei Schichten des Beckenbodens trainiert werden. Ich gehe aber davon aus, dass es vermutlich kaum noch Rückbildungskurse gibt, in denen nur „Wasserstrahl anhalten“ als Beckenbodentraining angeboten wird, erwähnen möchte ich es trotzdem.
  • Wenn ihr wieder intim miteinander werden möchtet, muss es auch nicht gleich Sex mit Geschlechtsverkehr sein. Sex wird zwar oft damit gleichgesetzt, kann aber soviel mehr beinhalten! Wie wäre es beispielsweise mit einer Massage, einem Bad zu zweit, einer Runde hingebungsvollem Küssen oder gegenseitigem von Kopf bis Fuß Streicheln? Auch das kann sehr erotisch und verbindend sein.
  • Kennt ihr die Serie „Make Love“? In der ersten Folge der dritten Staffel, „Sex ohne Leistungsdruck“ gibt es schöne Ideen zu entdecken, wie Intimität auch bei Müdigkeit und körperlicher Erschöpfung aussehen könnte. Nebenbei bemerkt finde ich die Sexologin und Paartherapeutin Ann-Marlene Henning großartig und sympathisch und empfehle ihre „Make Love“-Serie und -Bücher gern weiter.
  • Schläft euer Baby mit im Schlafzimmer bzw. Bett und ihr möchtet darum dort verständlicherweise nicht sexuell aktiv werden, so gibt es vielleicht auch andere Bereiche in eurer Wohnung, die sich anbieten?
  • Als ehemalige BH-Beraterin und ausgewachsener Lingerie-Fan möchte ich euch auch die ‚Macht gut sitzender Unterwäsche‘ ans Herz legen. Es ist beeindruckend, wie gut sitzende BHs und schöne Lingerie das Selbstbewusstsein von Frauen anheben können. Läden, die eine gute und wertschätzende BH-Beratung anbieten, findet ihr beispielsweise auf der sogenannten Brafitting-Map. Fühlt ihr euch noch zu unsicher, um euch nackt zu zeigen, könntet ihr außerdem auch ein weich fallendes Babydoll wie dieses hier tragen. Für mich ist dieser Schnitt ein großer Favorit, weil er an jeder Figur und Brustgröße gut sitzt.
  • Um euch attraktiver und damit auch wieder begehrenswerter zu fühlen, kann auch ein wenig  Beautywellness wohltuend sein, wie Susanne es hier beschrieben hat.
  • Nicht zuletzt möchte ich unbedingt noch erwähnen, dass Frauen sich durch das Muttersein auch weiblicher und attraktiver fühlen können – und auch so von ihrem Partner oder ihrer Partnerin wahrgenommen werden. Vielleicht kann euch auch diese Sichtweise helfen, euch in eurem Körper wieder wohler zu fühlen. Ein Kind bekommen zu haben, ist kein körperlicher Makel! Es ist ein Geschenk.

Ich wünsche euch von Herzen, dass ihr als Eltern- und Liebespaar alle Höhen und Tiefen eures Familienlebens gemeinsam meistert, euch liebt und streitet und versöhnt, euer Begehren immer wieder entfacht – denn das ist möglich – und ein wundervolles Kind oder wundervolle Kinder großzieht!

11990981_1681824955386521_40814454_oAnja ist selbstständige Diplom-Psychologin, ehemalige BH-Beraterin und Lingeriefan, fasziniert davon, wie ein gut sitzender BH die Lebensqualität seiner Trägerin physisch wie psychisch verbessern kann. In ihrer Praxis in Berlin-Friedrichshain berät sie Frauen zu den Themen Selbstbewusstsein, Körperakzeptanz und Sexualität und blogt auf ihrer Homepage rund um diese Bereiche.

  • Anja Wermann

    Hallo Maria,
    herzlichen Dank für deinen Kommentar, sehr gut zu wissen, dass ich zum Thema Wochenfluss veraltete Quellen habe! Danke also für deine Ergänzung und auch, dass du offen über deine Erfahrungen sprichst! Das ist sicher für viele Paare, die deinen Kommentar lesen, hilfreich und mutmachend 🙂
    Viele Grüße
    Anja

  • Heike

    Hallo, ich finde man sollte sich doch im Vorraus gar keine Gedanken dazu machen. Wenn man sich in einer ruhigen Zeit aneinanderkuschelt, dann entsteht vielleicht einfach so die Lust aufeinander. Man ist ja nicht nur Mutter und Vater sondern man lliebt sich als Paar genau oder sogar mehr als vor der Geburt. Und wenn in dem Moment der Zärtlichkeit, beispielsweise, wenn man sich beim Kuscheln den Rücken streichelt und/oder sich küsst, dann ist es doch eigentlich normal, dass die Lust steigt. Und dann probiert man einfach. Und wenn man an einem Punkt ist, wo man merkt, dass man noch nicht weiter will, dann war es doch trotz allem schön. Nähe ist für Eltern genauso wichtig wie vor dem Kind und dabei ist es egal, ob man nur aneinandergekuschelt Fernsehen schaut, sich streichelt oder ob man eben Sex miteinander hat.
    Liebe Grüße, Heike

  • Sandra

    Ich hatte einen Dammriss 3. Grades und obwohl äußerlich alles verheilt ist, habe ich „innerlich“ starke Schmerzen beim Geschlechtsverkehr, obwohl ich so große Lust habe.
    Mit Gleitgel kann ich es zumidestens aushalten, aber ohne geht es nicht .
    Mein Mann und ich können zum Glück offen darüber reden und uns anders näher kommen , aber ich frage mich, ob es jemals besser wird?