Neustart – Ein Vorwort und eine Leseempfehlung

Das Leben geht oft komische Wege. Manchmal begegnet man über verwirrte Umwege Menschen, die man vielleicht sonst nie getroffen hätte und die doch so wichtig sind, dass man sie später nicht mehr missen möchte. Ein solcher Mensch ist Stephan Urbach für mich. Über die Irrungen und Wirrungen des Lebens habe ich ihn kennengelernt und wie es so kam, fragte er mich, ob ich nicht ein Vorwort schreiben könnte, wie es zu seinem Buch passen würde, das am 1. Oktober bei Droemer-Knaur erscheint: .NEUSTART: Aus dem Leben eines Netzaktivisten.

Es gehört nicht unbedingt zu meinem Fachgebiet, ein Vorwort für das Buch eines Netzaktivisten zu schreiben, so scheint es zunächst. Und doch habe ich über die Jahre festgestellt, dass es bei aller Unterschiedlichkeit auch viele Dinge gibt, die uns vereinen.

Als ich damals kurz vor der Geburt meines zweiten Kindes war und überlegte, Twitter als Medium zu nutzen, stand ich vor der Frage, welchen Namen ich mir dort geben wollen würde. Ich bin in solchen Dingen nicht besonders kreativ. Also fragte ich meinen Mann nach einigen nicht-peinlichen Twitternamen seines Umfeldes, um mir ein Bild zu machen. So hörte ich zum ersten Mal von @herrurbach und beschloss nach Rücksprachen, mich @fraumierau zu nennen – so einfach geht das manchmal.

Erst einige Zeit später lernte ich Stephan Urbach dann persönlich kennen. Ich wusste damals schon, dass er sich der Netzaktivistengruppe Telecomix angeschlossen hatte, um Menschen im Arabischen Frühling zu unterstützen. Dabei ist „unterstützen“ zu wenig gesagt, da er sich vielmehr so in dieses Projekt begeben hat, dass er sich und sein eigenes Leben über diese Arbeit hinweg vergaß. So sehr gab er sich dieser Aufgabe hin, dass sie ihn fast verschlungen hätte mit all den Sorgen, der Trauer und Wut, die ihn überrollten. Er wollte sterben – und tat es doch nicht, weil er aufgefangen wurde von einem Netz im Netz.

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In seinem Buch konnte ich nun, Jahre später, all dies nachlesen und noch viel mehr: Von seiner Jugend, dem Vergessen, dem Tod seiner Mutter, einer gescheiterten Ehe. Davon, wie er per Skype live mit ansehen musste wie ein Freund in Aleppo erschossen wurde direkt vor seinen Augen. Eine Geschichte von der Suche, vom Leben, vom Trauma.

Obwohl ich um die Umstände seiner politischen Arbeit wusste, hat mich das Buch zutiefst bewegt. Denn es zeichnet das Bild eines Menschen nach, der es nicht einfach hatte und doch das Herz am richtigen Fleck vor sich her trägt. Einer der sagt, was gesagt werden muss – auch wenn es unbequem ist. Ein Mensch, der viel raucht, trinkt und pöbelt – und dabei so sehr Mensch ist, wie man nur sein kann. Einer, der brennt statt zu glimmen. Ein Mensch, der sich fast einmal selbst verloren hat in seiner Aufgabe, in seinem Streben danach, anderen zu helfen und der die Qualen des Lebens kaum noch aushalten konnte. Es ist nicht einfach, das alles zu lesen. Schon gar nicht, wenn man diesen Menschen kennt. Es sind harte Worte, erschütternde Berichte mit denen ein Leben nachgezeichnet wird, das so eng verwoben ist mit der Weltgeschichte.

Und doch lässt das Buch am Ende ein so wichtiges Gefühl zurück: Davon, wie wichtig es ist, dass es solche Menschen gibt und auch, dass sie Unterstützung und Hilfe brauchen, um sich in ihrer Aufgabe nicht zu verlieren. Es wirft auch die Frage auf, wie viel wir bereit sind – im ganz Kleinen oder auch im Großen – zu kämpfen für eine bessere Welt. Denn hier schließt sich wieder Kreis zu meiner Arbeit: Wir alle wünschen uns eine bessere Zukunft für uns und unsere Kinder. Wir wünschen uns Frieden und Freiheit. Doch diese Dinge passieren nicht einfach so. Wir müssen daran arbeiten, verstehen, helfen. Ein Anfang kann das Lesen dieses Buches sein – auch wenn es keine leichte Kost ist. Damit wir die Menschen, die aus anderen Ländern zu uns kommen und Hilfe brauchen, bereitwilliger unterstützen. Damit wir Helfer verstehen. Und damit wir auch selber helfen und uns gegenseitig stützen für diese Arbeit am besseren Morgen.