Über den Krebs und meine Mutter

Im Rahmen meines Buchschreibprojektes habe ich andere Blogger_innen und interessierte Menschen gefragt, ob sie für geborgen wachsen Beiträge schreiben wollen für die Tage, an denen ich an meinem Buch schreibe. Zukünftig wird es hier also auch Beiträge anderer Autor_innen geben. Heute stelle ich Euch einen dieser Beiträge vor, deren Autorin anonym bleiben möchte. Es geht um den Krebs ihrer Mutter und en Umgang damit:

Bis vor einigen Jahren hat mich das Thema Tod nicht betroffen. Ich hatte keine Angst vor dem Tod weil er mich nicht berührt hat. Erst mit den Kindern habe ich die Angst entdeckt, doch das tägliche Denken darüber habe ich mir verboten um nicht immer die Endlichkeit im Kopf zu haben.

Dann kam 2010. Das Jahr in dem meine Mutter krank wurde. In einem Straßencafé, in das sie mich und meine Schwester geladen hatte, erzählte sie uns, dass sie die Diagnose Brustkrebs erhalten hat. Die Diagnose war einen Tag alt. Sie war noch klein und nahm doch sofort den ganzen Raum ein. Ich fühlte mich sofort von ihr erdrückt. Meine Großmutter hatte bereits Brustkrebs gehabt und die Bilder meiner Kindheit in denen sie uns die Narben ihrer abgenommenen Brüste gezeigt hatte saßen tief.

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Sofort schaltete ich bei diesem Treffen im Café auf Funktionsmodus um: „Das kriegen wir hin“, „Was können wir tun?“ hörte ich mich sagen, während meiner Schwester die Tränen liefen. Ich erlaubte mir keine Tränen, „Eine Schwache genügt“, dachte ich noch. Die Therapie meiner Mutter verlief gut. Wir sahen sie nun seltener. Alles an dieser Krankheit machte sie mit sich alleine aus. Es war ihr Kampf und nicht der ihrer Töchter, sagte sie mal zu mir. Es ging ihr teilweise sehr schlecht, sie konnte sich nicht mehr richtig bewegen und ihre Weiblichkeit hat sehr unter dem Verlust der Haare gelitten. Sie sprach wenig bis gar nicht mit uns über die Krankheit. Ich besuchte sie mit den Kindern ab und zu und erzählte ihr von Belanglosigkeiten. Im Krankenhaus sprachen wir über das Wetter.

Und Ich? Ich sprach auch nicht darüber. Ich tat es ab in Nachfragen meiner Freunde und versuchte die Starke zu sein. „Eine Schwache genügt“ war für mich zu einem Motto geworden. Manchmal schrieb ich ihr Briefe um mir Telefonate mit ihr zu ersparen. Ich hätte ja doch gerne geweint und das wollte ich nicht. Ich professionalisierte unser Verhältnis.

Ende 2011 war alles überstanden. In einem neuen Cafétermin informierte uns meine Mutter darüber, dass sie keine Krebszellen mehr hätte. Sie übergab uns Papiere mit denen wir uns bei einem Brustkrebszentrum melden sollten um selbst mit der Kontrolle zu beginnen, da der Krebs agressiv und erblich sei. Sie sagte: Endlich könne sie wieder auf Arbeit gehen. Nicht mehr zu 150%, sondern nur noch zu 80%. Ich glaube bei diesem Termin lächelte ich und stellte wieder keine Fragen. Ich stellte keine Fragen und legte die Papiere in den Schrank. Dort setzen sie nun Staub an.

Seitdem haben wir nie wieder über den Krebs gesprochen. Bereits mehrfach habe ich versucht das Thema anzuschneiden und nachzufragen, doch meine Mutter wechselt das Thema immer sofort.

Ich habe meine Mutter nie ohne Haare gesehen, oder von ihren Narben gehört. Sie trägt seit damals Perücke und ihren Arm immer in einer Schlinge da dieser anschwillt permanent, aber sie spricht nicht darüber. Vor kurzem erzählte mein Vater, dass meine Mutter wohl erneut ins Krankenhaus muss, er sagte aber auch nichts Konkretes. Immer wenn mich die Menschen nun fragen wie es meiner Mutter geht, so antworte ich wahrheitsgemäß, dass ich es nicht weiß. Ich weiß nicht ob sie gesund, oder krank ist. Ich weiß nicht wie es ihr wirklich geht! Früher, da konnte ich es sagen.

Seit 2010 kann ich das nicht mehr!

Sie hat sich entschieden. Schon 2010. Es ist ihr Kampf und ich bin als Tochter nur eine Zuschauerin am Rand der Manege. Ihr Leben, ihre Entscheidung. „Eine Schwache genügt“ eben, lässt mich seitdem mit den Zähnen knirschen jede Nacht. Und so kämpfe ich im Schlaf mit meiner Mutter und mit all meinen Worten die ich seit dem nicht sagen kann.

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