Über das Vermissen der Stille

An manchen Tagen vermisse ich sie, die Stille. Früher war ich kein Mensch der lauten Geräusche. Ich hörte nicht voll aufgedreht Musik, ließ nicht den Fernseher im Hintergrund laufen. Ich mochte es, wenn es ruhig war. Die Stille hören und fühlen. Den eigenen Gedanken lauschen. Ich konnte im Sommer auf einer Wiese liegen und dem Rauschen der Blätter zuhören. Noch immer ist dies eine meiner liebsten Erinnerungen an die vergangene Zeit: Wind in den Bäumen und das Zwitschern der Schwalben.

Dann kam das erste Kind, später das zweite. Pipi-Langstrumpf-Musik zog ein, Mary Poppins und Pumuckl als Hörspiel. Und dazu kam Kinderlachen, Kinderweinen, Kinderstreit, Mitsingen, vorgetragene Gedichte und Reime, Freund_innen, die mit nach Hause gebracht wurden, Musikinstrumente. Die Stille zog aus und kam nie wieder. Sie wich einem ziemlich andauerndem Gebrabbel, einer Art weißem Rauschen, denn selbst wenn ich nicht Adressat eines Gespräches bin, sprechen die Kinder miteinander, mit Puppen, Tieren oder sich selbst.

Nur manchmal erahne ich sie, die alte Freundin Stille. Am Abend, wenn die Kinder schlafen und es ruhig wird. Ich höre vielleicht die Nachbarin in ihrer Küche rumpeln und frage mich auf einmal, ob mit den Kindern wirklich alles in Ordnung ist. Diese Stille. Ob sie noch atmen? Oder haben sie sich vielleicht zu sehr zugedeckt? Im Schlafzimmer lege ich meine Hand auf ihre Brust und fühle, ob sie sich hebt und senkt. Alles in Ordnung.

Oder die Stille am Nachmittag, wenn sie in ihr Spiel versunken sind und ich einen Moment des stillen Durchatmens habe bevor ich denke: Nun aber ist es schon ziemlich lange ruhig, was sie wohl machen? Und feststelle, dass hoch konzentriert die Wand bestempelt, mit einem Stock Putz aus der Wand gebohrt oder das Geschwisterkind mit Filzstift geschminkt wurde. Die Stille, die Ankündigung des Unfugs.

Die Stille, die ich einmal kannte, ist längst weg gezogen. Die Stille, die es nun ab und zu hier gibt, ist eine andere. Sie ist nicht mehr die ruhige, vernünftige Stille der Gelassenheit. Sie bedeutet meist nicht Entspannung und Fallenlassen. Sie ist eine ganz andere Seite der ehemaligen Mitbewohnerin. Vielleicht wird meine alte Freundin irgendwann zurück kommen. Ich denke aber, es wird noch einige Jahre dauern. Und ob sie dann wirklich sie ist? Oder vielleicht noch eine dritte Verwandte, eine Stille des Vermissens? Wir werden sehen.

Ist eine von ihnen vielleicht auch bei Euch vorbei gekommen?
Eure

Susanne_clear Kopie

6 Kommentare

  1. Eine neue Stille habe ich durch meine Kinder kennen und fürchten gelernt: Die Stille, die auf den lauten Rumms folgt. Deren Länge oft anzeigt, wie schlimm sich ein Kind verletzt hat – je länger die Pause bis zum Weinen, desto schlimmer der Schreck und manchmal auch die Verletzung.

  2. kiddo the kid

    Das ist ein sehr schöner Artikel. Bei uns ist Deine Stille auch nicht. Hab sie schon länger nicht mehr gesehen. Wo die wohl gerade so rumhängt?

  3. Hallo Susanne,

    nein, so richtig zurückgekommen ist sie nicht, die Stille. Und wenn die Kinder mal bein den Großeltern ist, man die Stille wahrnimmt, drückt sie aufs Ohr, bis der Nachwuchs wieder da ist. Man vermisst ja immer das anscheinend, was man nicht hat 😉

  4. Anika Werneburg

    Hallo Susanne,
    dein Text ist schön und wunderbar zu lesen. Ich hoffe ich kann so melodisch antworten…

    Früher liebte ich die Stille auch und manchmal vermisse auch ich diese Stille!
    Wenn ein Sonnenstrahl deine Nase kitzelt und du dich zu ihm drehst und er deine ganzen Körper wärmt.
    Wenn ein Vogel so schönt singt, dass der Klang dich entspannen lässt!
    Oder aus einem Moment der Ruhe, eine wunderbare, erholsame Stunde wird.

    Aber ich liebte auch den großen Bruder der Stille-den Lärm! Laute Musik-so das das Herz vor Freude überquillt! Stimmen die lachen, reden – Geborgenheit und Freundschaft austauschen. Gesang, der so schön ist, oder so schief, das dein Herz und dein Körper explodiert vor Wohlsein oder Lachen!

    Und heute ist da viel mehr vom Lärm! Aber die meiste Zeit macht er Freude! Und wenn man den Lärm anschaut, nur einen Moment inne hält und wirklich hinschaut! Dann sieht man die Stille! Wenn Legomama und Legokind singend im Bus sitzen, wenn die Tiere eine Parade machen oder Stifte das Papier kitzeln-dann ist sie da die Stille die den Körper wärmt und dich entspannen lässt. Die durch wissen lässt: Du hast alles richtig gemacht!
    Und du nimmst wahr, dass garnicht das der Lärm deines Lebens ist, sondern das was drumherum ist, den unschönen Lärm macht!

    Und dann habe ich noch einen Verwandten der Stille kennen gelernt – einen dunklen, Energie raubenden. Er oder sie gaukelt dir Stille vor, lässt dich Zeit verlieren und du sehnst dich nach einer Stille, die du eigentlich nie kanntest.
    Du sitzt vor der Waschmaschine und verlierst dich in das Drehen der Wäsche.
    Er verwandelt deine Momente, dein Leben und überdeckt es mit einem Rauschen. So raubt er dir Zeit und nimmt dir den Schlaf! Er quält dich mit bösen Gedanken und lockt mit scheinbarer Ruhe. Er lullt dich ein und versucht dir mit gestohlenen Momente Stille vorzugaukeln. Und wenn du nicht aufpasst, verlierst du dich in ihm!
    Aber wenn du dann weißt, was er versucht, was er dich Glauben machen will, dann wünscht du dir den Lärm und die Stille, egal ob die Alte oder die Neue!
    Und dieser Verwandte oder auch nur die Erinnerung an ihn, lässt dich die Stille und den Lärm mit ganz anderen Augen sehen!

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