Zukunft des Gebärens – Was ich mir für meine Tochter nicht wünsche

Vor kurzer Zeit feierten wir den zweiten Geburtstag meines Sohnes. Zeit, um zurück zu blicken und auch mit meiner Tochter einen Blick zurück zu werfen auf den Tag, an dem sie große Schwester wurde. Ihr Bruder wurde zu Hause geboren und sie erlebte viele Teile der Geburt mit: Sie wachte am Morgen auf, als die Geburt schon begonnen hatte, krabbelte mit ihren dreieinhalb Jahren durch meine Beine hindurch, während ich stehend Wehen veratmete. Zum letzten Teil der Geburt schickte ich sie mit einer Freundin hinaus, um mich ganz auf das Geburtsgeschehen konzentrieren zu können. Sie kam kurze Zeit danach als große Schwester zurück. Was sie an diesem Tag gelernt hat ist, dass Geburt ein natürlicher Vorgang ist, dass Frauen gebären können und dass sie dies in dem Umfeld tun sollten – sofern medizinisch möglich -, das ihnen gut tut. Viele Monate lang spielte die das Gebären nach, steckte sich eine Puppe unter den Pullover, tönte und ließ das Puppenkind hinaus plumpsen. Auch zum Geburtstag ihres Bruder haben wir wieder über die Geburt gesprochen. Über ihre und seine und sie sagte mir „Mama, und wenn ich dann zu Hause mein Baby bekomme, darfst Du dabei sein und mir helfen.“

Baby_nach_Geburt

Hebammenarbeit läuft aus

Doch wird das möglich sein? Gerade erst in dieser Woche las ich bei Anja „Wo sind all die Hebammen hin?“, worin es darum geht, dass sie immer weniger Hebammen bei ihren Arbeitsrunden durch Berlin trifft. Die Hebammen hören mit ihrer wichtigen Arbeit auf, weil Hebammenarbeit eine Tätigkeit geworden ist, der allzeit viel abverlangt wird, die aber nicht entsprechend entlohnt wird und zusätzlich durch hohe Versicherungskosten belegt ist, die sich kaum noch Hebammen leisten können. Von der Begleitung der Frauen in Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett abgesehen, werden von Hebammen auch alle Beratungen und Tätigkeiten rund herum gefordert: Akupunktur in der Schwangerschaft oder zumindest Homöopathie, nach der Geburt Anleitung in Babymassage und Tragen des Babys im Tragetuch oder Beratung bei Regulationsstörungen. Mittlerweile hat es sich eingebürgert, dass werdende Eltern nahezu erwarten, dass Hebammen für all diese Tätigkeiten auch zur Verfügung stehen – natürlich ohne etwas für diese Leistungen zahlen zu wollen, sondern in der Erwartung, all diese Dinge würden frei zur Verfügung stehen. Selbstverständlich wäre es wünschenswert, wenn es so wäre, wenn werdende Eltern diese Angebote einfach so kostenfrei zur Verfügung bekommen würden. Denn klar ist: Eltern brauchen diese Beratung und Unterstützung. Doch das System funktioniert nicht: Hebammen bezahlen für ihre Weiterbildungen, wenden Zeit auf, die von den Krankenkassen in den Abrechnungen nicht berücksichtigt wird und haben dennoch nur einen geringen Stundenlohn für ihre verantwortungsvolle Aufgabe. Als ob das nicht schon schlimm genug ist, werden sie zusätzlich mit hohen Versicherungskosten belegt, die in Anbetracht dieses Einkommens kaum ausgleichbar sind. Und als ob dieses auch noch nicht reichen würde, ist der Fortbestand der Versicherungen für die nächste Zeit nicht mehr gesichert. Hebamme sein oder gar zu werden ist ein Risikogeschäft geworden.

Was das für die Geburten unserer Kinder bedeutet? Es ist unklar, ob es schon in naher Zukunft noch den Hebammenberuf gibt, wie wir ihn bislang kennen durch die Geburten unserer Kinder. Das betrifft eben nicht nur diejenigen Hebammen, die Geburten zu Hause oder im Geburtshaus begleiten, sondern gerade eben jede Hebammenarbeit. Es bedeutet eine weiter zunehmende Technisierung, Klinikroutinen, die nicht am Wohl der Gebärenden ausgerichtet sind sondern an Bedarfen von Unternehmen, die Kliniken nun einmal sind. Es bedeutet, dass Frauen eben nicht frei entscheiden können, wann wo und wie sie gebären. All dies wirkt sich nicht nur auf den Geburtsverlauf aus, es wirkt sich auf die Zeit danach aus, auf das Stillen, auf den Aufbau der Bindung. Das Verlieren des Hebammenstandes bedeutet für unsere Gesellschaft ein Risiko auch in Hinblick auf unser weiteres soziales Miteinander, in Hinblick auf den Umgang miteinander.

Für meine Tochter wünsche ich mir, dass sie ebenso frei wie ich entscheiden kann, wann, wie und wo sie ihr Kind zur Welt bringt. Dass sie es, sofern es eine komplikationslose Geburt war, nach der Geburt aufnehmen kann, an ihm riechen kann wie ich es an ihr tat und sie all die Unterstützung – oder einfach nur Ruhe – bekommt, die sie benötigt. Ich wünsche ihr so sehr, dass sie gebären darf, wie sie es erlebt hat.

Warum Sorgen machen: Social freezing ist die Lösung?

Aber vielleicht sind diese Gedanken sowieso völlig überflüssig, weil die Zukunft des Gebärens daraus besteht, dass Frauen ihre Eizellen auf Kosten der Unternehmen einfrieren lassen können. Vielleicht werde ich nicht erleben, dass meine Tochter Kinder bekommt und werde sie bei der Geburt nicht begleiten können und ihr danach nicht mit meinem Wissen um Elternschaft zur Seite stehen können. Entscheidet sie sich vielleicht erst mit 40 oder 45 dafür, die zurückgelegten Eizellen befruchtet einpflanzen zu lassen, werde ich vielleicht schon gestorben sein. Meine Tochter wird nicht darauf vertrauen können, dass ich im Wochenbett kräftigende Suppen für sie koche, sie umsorge, ihr das Baby abnehme und sie entlaste. Aber wer macht das dann eigentlich, wenn es auch keine Hebammen mehr gibt?

Vielleicht hat sich das Klima des Gebärens bis dahin sowieso gewandelt: Künstliche Befruchtungen und Hormonbehandlungen liegen in den Händen von Ärzten und sind oftmals mit vielen weiteren medizinischen Abläufen, Routinen und Untersuchungen verbunden. Die Wahrscheinlichkeit, Zwillinge zu bekommen, ist nach künstlicher Befruchtung etwa 20mal höher, damit auch die Wahrscheinlichkeit, vor dem eigentlichen Geburtstermin die Kinder zur Welt zu bringen, was wider weitere medizinische Behandlungen erfordert, vielleicht die Unterbringung der Kinder auf einer Neonatologie, Schwierigkeiten beim Stillen und beim Aufbau der Bindung mit sich bringt. Gebären und Geburten sind dann hochtechnisierte, notwendigerweise überwachte und geplante Vorgänge. Was das für die Menschheit bedeutet, können wir nur erahnen, wenn wir uns das komplexe Spiel der Hormone ansehen, das für unser Leben so notwendig ist und auch ausschlaggebend dafür, wie sich die Menschheit überhaupt entwickelt hat.

Ob Social freezing unter diesen Gesichtspunkten überhaupt etwas mit Selbstbestimmung oder Unterstützung zu tun hat? Nein, denn die Auswirkungen sind so weitreichend, dass sie über den Einzelnen weit hinaus gehen und sich gesamtgesellschaftlich auswirken in einer Weise, die wir nicht abschätzen können. Es geht nicht nur darum, dass selbst bestimmt werden kann, zu welchem Zeitpunkt reproduziert wird. Schwangerschaft und Geburt sind nicht nur Reproduktion. Natürlich ist die künstliche Befruchtung und das Einfrieren von Eizellen für einige Menschen eine wichtige Errungenschaft – im Fall einer medizinischen Indikation, nicht einer berufsmäßigen.

Was ist zu tun?

All dieses wünsche ich mir nicht für meine Tochter. Und auch nicht für mich. Ich würde gerne meine Enkelkinder noch selber im Arm halten, meine Tochter bei der Geburt unterstützen, wenn sie sich dies dann noch immer wünschen würde. Und selbst wenn es anders ist, wünsche ich ihr, dass sie Frauen an ihrer Seite hat, die einem beruf nachgehen, den sie gerne machen und von dem sie gut leben können. Ich wünsche ihr fachkundige und doch persönliche Begleitung von nicht ständig verschiedenen Menschen, sondern von konstanten Personen, auf die sie sich verlassen kann. Ich möchte wissen, dass meine Enkel in einer respektvollen Weise geboren werden.

Was können wir also tun, um unseren Kindern zu ermöglichen, später auch selber so Kinder zu bekommen, wie sie es sich wünschen? Auch wenn die Demonstrationen und lauten Proteste lange zurück liegen, dürfen wir nicht vergessen, dass die Arbeit noch nicht vorbei ist, dass die Geburtshilfe weiterhin nicht gesichert ist und tatsächlich viele Frauen schon jetzt ohne gute Unterstützung in Schwangerschaft und Elternschaft starten. Wir müssen uns weiter einsetzen für unsere Rechte und die unserer Kinder. Wir müssen unsere Bedürfnisse formulieren und laut vortragen. Wir dürfen nicht aufgeben. Nicht nur nicht für uns und unsere Freundinnen, sondern auch nicht für unsere Kinder. So, wie wir immer Eltern sind und uns eine bessere Zukunft wünschen, müssen wir uns auch hier dafür einsetzen.

Ich gebe nicht auf, mir für meine Kinder eine freie, selbstbestimmte Geburt zu wünschen.
Und Ihr?
Eure
Susanne_clear Kopie

 

 

 

 

3 Kommentare

  1. Wenige Tage nach der Geburt meiner Tochter war dies der Gedanke, der mir in den Sinn kam: Dass ich ihr eine schöne, freie, selbstbestimmte Geburt wünsche. Gerade weil wir keine hatten. Im Nachhinein würde ich sagen, ich war eine dieser typischen Klinikstorys. Zwar hatte ich eine Beleghebamme, aber als nach 16 Stunden Wehen der Babykopf immer noch nicht weit genug im Becken war, stand bei den Ärzten der Schichtwechsel an. Also sagte man mir, ich müsse jetzt entscheiden, ob ich einen Kaiserschnitt will. Und dass das Baby mit dem Kopf vermutlich schief läge und sowieso nicht mehr spontan geboren werden würde.

    Ich war nach schiefgelaufener (sehr sehr spät gelegter) PDA und Wehentropf vollkommen entkräftet. Zu diesem Zeitpunkt war ich durch CTG und PDA schon stundenlang ans Bett „gefesselt“ und mein ganzer Körper schmerzte bis in die Haarwurzeln. Ich antwortete also, wenn es gar nicht anders ginge, dann eben Kaiserschnitt, denn ich hatte Angst um meine feststeckende Tochter. Draußen auf dem Gang hörte ich, wie die Ärztin zu jemanden sagte, man müsse „das“, also die Geburt meines Kindes, jetzt mal langsam zu Ende bringen.

    Die folgende sekundäre Sectio war ein schreckliches Erlebnis. Ich war darauf in keiner Weise vorbereitet, hatte große Angst und große Schmerzen. Meine Tochter kam glücklicherweise wohlbehalten zur Welt, aber dass ich keine selbstbestimmte Geburt haben durfte, hat mich lange gequält. Zu dem Thema möchte ich selbst gern noch etwas schreiben, jedoch ist das einer der Texte, die mir nur langsam von der Hand gehen.

  2. Das Thema macht mich wahnsinnig traurig. Auch ich denke in den letzten Tagen wiéder sehr viel an die wunderschöne Geburt meiner Tochter im Geburtshaus und mich beschäftigen oft die gleichen Gedanken wie Du sie beschreibst. Wie werden meine Kinder ihre Kinder zur Welt bringen? Und fern von meiner eigenen Familie frage ich mich oft, was das Aussterben des Hebammenberufes aus unserer Gesellschaft macht. Was hat das für Folgen für die Frauen, die alleine gelassen werden? Und hat die Zunahme von Klinikgeburten mit einer Menge an medizinischen Indikationen bis hin zu dramatisch steigenden Kaiserschnittraten nicht auch langfristige negative Auswirkungen auf unsere Kinder? Und aller Protest scheint nichts zu bewirken. Mich macht das fassungslos und traurig, von welchen Lobbyisten wir regiert werden.

  3. Hallo Susanne,

    vielen Dank für deinen Blog aus dem ich so viel hilfreiches für mich entnehmen kann. Als ich hörte, dass ich schwanger bin war ich in Panik. Eine Geburt? Wie soll ich das denn schaffen? Ganz klar, Vollnarkose und Kaiserschnitt, was anderes tue ich mir nicht an dachte ich. Dann fingen die Leute auch noch an mir unaufgefordert ihre Horrorstorys von der Geburt zu erzählen.. Sätze wie „es war der schlimmste Tag in meinem Leben“, oder „die Schmerzen bringen nicht um, aber man wünscht sich tot zu sein“ haben meine Ängste natürlich noch verstärkt. Das ist aber noch längst nicht alles, die Leute werden auch nicht müde mir zu berichten, dass man bei der Geburt im Krankenhaus erstmal einen Zugang gelegt bekommt, dann wird ein Einlauf gemacht, damit kein „Unfall“ passiert, dann wird man im Intimbereich rasiert..

    Ich bin ziemlich unbedarft was das Thema angeht, da ich mich noch nie damit beschäftigt habe, aber man kann sich sicher vorstellen, dass es mir einige schlaflose Nächte eingebracht hat.

    Dank deinen Erzählungen hier bin ich jetzt sicher, dass ich einen Weg finden werde das ganz anders zu machen, ohne Medikamente und Hilfsmittel und vor allem ohne Panik und unerträgliche Schmerzen. Danke dafür!

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