Babys brauchen keine Frühförderung, sondern Feinfühligkeit

Wir wissen es längst: Die ersten Jahre des Lebens sind besonders wichtig. Doch nicht erst ab der Geburt wird der Grundstein für das weitere Leben gelegt, sondern schon in der Schwangerschaft. Wie sich Kinder entwickeln, wie sie körperlich und seelisch gesund bleiben, all das hat seinen Ursprung in der Schwangerschaft und den folgenden Jahren. Deswegen achten Eltern heute ganz besonders darauf, ihren Kindern möglichst viele Anregungen zu geben, sie eben zu „fördern“. Anne-Ev Ustorf zeigt in ihrem Buch „Allererste Liebe: Wie Babys Glück und Gesundheit lernen„, dass es aber gar nicht auf irgendwelche Kurse und Forscherkrippen ankommt, sondern einzig darauf, dass wir eines der Grundbedürfnisse des Kindes wirklich erfüllen: das Bedürfnis nach verlässlichen, liebevollen und feinfühligen Eltern.



Gerade wenn es um die Worte „Liebe“, „Geborgenheit“ oder „Zuwendung“ geht, haben wir es hier nicht besonders einfach: Geprägt durch die Geschichte schwingen damit nämlich auch immer die Worte „Verwöhnen“ oder „Verziehen“ mit. Ergebnisse der Hirnforschung zeigen jedoch, das dies vollkommen unsinnig ist. Denn erst durch liebevolle und prompte Zuwendung sind Kinder fähig, sich richtig zu entwickeln und zu lernen. Schon in der Schwangerschaft nimmt die Liebe der Eltern einen „Einfluss auf die Gefühlsentwicklung und den Gehirnaufbau des Kindes“, schreibt Anne-Ev Ustorf in ihrem Buch. Sie spricht vom „kompetenten Fötus“, der nämlich schon während der Schwangerschaft eine Bindung zur Mutter aufbaut.

Auch den Stress der Mutter bekommt das Baby in der Schwangerschaft schon mit. Hat sie viel Stress, kann das auch nach der Geburt zu übermäßiger Erregbarkeit und emotionalen Beeinträchtigungen führen. Ebenso kann eine Depression der Mutter vor oder nach der Geburt Einfluss nehmen auf die Gehirnentwicklung. Depression wird daher nicht unbedingt genetisch vererbt, aber durch das Verhalten der Mutter gegenüber dem Baby ändern sich Hormonausschüttungen und führen zu Veränderungen im Gehirn und im Reizleitungssystem und schließlich steigt die Wahrscheinlichkeit, dass auch das Kind später einmal an einer psychischen Erkrankung leidet. Deswegen ist heute Prävention so wichtig: Schwangere und Mütter müssen einfühlsam begleitet und unterstützt werden. Auf Förderkurse und -programme kann daher bei gesunden Babys getrost verzichtet werden. Kurse jedoch, die die Feinfühligkeit unterstützen und Eltern helfen, die Signale des Babys richtig zu deuten*, können durchaus hilfreich sein.

Nach der Geburt ist also Feinfühligkeit der Eltern eine wichtige Basis für die weitere psychische und auch physische Entwicklung des Kindes. Über das feinfühlige Reagieren der Eltern lernt das Baby, seine eigenen Gefühlszustände wahrzunehmen, zu deuten und später auch bei anderen zu erkennen und selbst darauf bei anderen reagieren zu können. Ulstoff schreibt daher: „Die liebevolle emotionale Kommunikation mit dem Kind ist – neben dem Füttern und Pflegen natürlich – die wohl bedeutsamste Aufgabe der Bindungsperson in den ersten zwei Jahren.“

Anne-Ev Ustoff zeigt in ihrem Buch, wie sich das Gehirn des Babys von der Schwangerschaft über die ersten Jahre entwickelt und welchen Einfluss die Bindungspersonen darauf haben. Dabei werden neurologische Grundlagen einfach erklärt und man erhält einen guten Überblick über den aktuellen Forschungsstand. Eltern können nach dem Lesen des Buches also aufatmen: Liebe und Geborgenheit sind das Wichtigste, was man Kindern an „Förderung“ zukommen lassen kann. Leider ist das jedoch heute für viele Eltern im Spagat zwischen Arbeit und Familie nicht so einfach und die Medien tragen ihren Teil dazu bei, dass man sich entweder als überbehütende Glucke oder als karrieregeile Rabenmutter empfindet. Doch auch dafür kann Ustoff eine Lösung anbieten: „Sind Eltern zufrieden, geht es meist auch den Kindern gut. […] Ein Kind entwickelt sich dann zu Hause gut, wenn die Mutter sich über das Kind freut und gern mit ihm zusammen ist.“ Wenn dem nicht so ist, bietet sich ein guter Kindergarten an, denn: „Etliche Studien haben zeigen können, dass eine gute Krippenbetreuung langfristig nicht schadet – sofern sie nicht unter einem Jahr beginnt und nicht ganztags andauert.“

*Anmerkung:
Das FABEL-Konzept der Gesellschaft für Geburtsvorberitung, Familienbildung und Frauengesundheit e.V. ist ein solches Angebot, das Feinfühligkeit bei den Eltern unterstützt. Auch das SAFE-Kursangebot wirkt in dieser Richtung.

1 Kommentare

  1. manuela riep

    Hallo Susanne,
    ich bin zur Zeit mit meinem zweiten Kind schwanger und habe deinen Blog in den letzten Tagen für mich entdeckt. (Tipp von einer Freundin, die die Stillkekse gerne zur Geburt verschenkt! (: ) Jeden einzelnen Artikel verschlinge ich regelrecht. DANKE für deine tollen Tipps, mach weiter so!
    Liebe Grüße,
    Ela

    PS: Das Buch habe ich mir soeben bestellt. Endlich mal die passende Lektüre zu all meinen Gedanken!

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