Einmal bei sich selbst Kind sein – Temperamente annehmen und begleiten

Jeden Tag hören wir, wie andere Eltern mit und über ihre Kinder sprechen. Wie sie sie zu Dingen auffordern, wie sie Wünsche vortragen oder Befehle erteilen. Wir hören, wie sie mit Konfliktsituationen umgehen. Wir bekommen mit, wie sie mit Freunden und Familie, Nachbarn oder dem Mann an der Supermarktkasse über ihre Kinder sprechen – manchmal in ihrem Beisein. Wie wir mit und über unsere Kinder sprechen, wirkt sich aus: Auf uns selbst und unsere Wahrnehmung von unseren Kindern, auf das Bild anderer Menschen von unseren Kindern und nicht zuletzt auch darauf, wie unsere Kinder sich selber sehen. Mit unseren Worten formen wir ihr Bild von sich. Ein Bild, das Jahre in ihnen weiter getragen wird und das zu ihrer inneren Stimme wird.

Elterntemperamente und Kindertemperamente – passen sie zusammen?

Jedes Kind kommt mit seinem oder ihrem Temperament auf die Welt. Einige sind leiser, andere lauter. Manchmal passt das Temperament unseres Kindes gut zu unserem eigenen, manchmal ist es eine Herausforderung, wenn ein extrovertiertes Kind zu einem introvertiertem Elternteil kommt oder anders herum. Menschen sind verschieden. Die Aufgabe von uns Eltern ist es, einen Weg mit unseren Kindern zu finden, der uns allen gut tut.

Ein häufiger Fehler von uns ist, zu erwarten, dass sich das Kind an uns anpassen müsste. Auch wenn eine geringfügige Anpassung des Temperamentes über die Jahre möglich ist, bleibt die ursprüngliche „Melodie“ des Kindes, sein ureigenes Wesen jedoch bestehen: Leise, introvertierte Kinder werden kaum irgendwann in ihrem Leben zu lauten Menschen, die gerne im Mittelpunkt stehen. Ebenso werden die neugierigen, mutigen und wilden Kinder nicht irgendwann auf natürliche Weise still, langsam und bedächtig in ihrer Grundhaltung. Jedes Kind kommt mit einer bestimmten Ausprägung zu uns. Nur weil wir die Eltern sind, bedeutet dies nicht, dass unser Temperament das bessere wäre, an dem sich alles orientieren müsse. Im Gegenteil: Wenn wir unseren Kindern entgegen kommen – ein Entgegenkommen bedeutet nicht eine Selbstaufgabe – können wir den Alltag gemeinsam besser und einfacher gestalten, weil wir nicht gegen etwas arbeiten müssen, sondern es abholen auf halbem Wege und begleiten.

Sprache bestimmt das Selbstbild und die Beziehung

Diese Haltung dem Kind gegenüber spiegelt sich auch in unseren Worten wieder und darin, wie wir mit oder über unser Kind sprechen: Sagen wir „Du bist zu wild!“ oder „Das ist mir zu wild!“. Sagen wir „Du bist zu schüchtern.“ oder sagen wir „Ich habe das Gefühl, Du brauchst mehr Zeit.“. Mit unseren Worten können wir unserem Kind das Gefühl geben, dass es selbst falsch ist oder wir beschreiben unsere eigenen Gefühle und helfen ihm dabei, zu verstehen, wie die Außenwelt es vielleicht wahrnehmen könnte. Die Aufgabe von Eltern ist es nicht, das Temperament des Kindes zu ändern, sondern ihm zu helfen, einen Weg zu finden, wie es sich mit seinem Temperament gut in der Gesellschaft bewegen kann. Wir gestalten mit unseren Worten die Gedanken, die unser Kind von sich selbst hat. Sagen wir immer wieder: „Du bist zu laut!“ Wird es sich selbst als störend wahrnehmen. Sagen wir: „Du stampfst für mich/unseren Nachbarn zu laut auf dem Boden herum!“ ist das Ziel, das wir verfolgen das selbe (mehr Ruhe oder leisere Bewegungen), aber wir gehen einen Weg, in dem wir erklären statt zu verurteilen. In der Wahrnehmung unserer Kinder können wir durch unsere Worte Selbstbilder erschaffen davon, ob sie sich selbst als Störenfriede, Nervensägen, Mimosen, Zicken, Mauerblümchen,… sehen oder ob sie ihr jeweiliges Temperament annehmen und positiv damit umgehen können und ihre Eigenart als Charakterzug sehen, aus dem Stärken entwickelt werden können. Denn jedes Temperament kann als Ressource wahrgenommen und entsprechend ausgebaut werden. Manchmal bietet es sich an, nicht an den „Mängeln“ zu Arbeiten, sondern die Kraft dieser Besonderheit zu betrachten.

Besonders wichtig ist dies auch in Hinblick darauf, wie wir mit anderen über unsere Kinder sprechen: berichten wir davon, dass das Kind zu laut, zu wild, zu schüchtern, unkreativ oder still ist, erschafft das eine Vorstellung in unserem Gegenüber. Eine Vorstellung, auf die dieser Mensch wahrscheinlich zurück greift, wenn er mit dem Kind umgeht. Durch unsere Worte über unser Kind können wir ein negatives Bild in einem anderen Menschen erschaffen, durch das er sich auch negativ unserem Kind gegenüber verhalten wird. Ein negativer Kreislauf kann so beginnen. Gerade bei Erstgesprächen mit Lehrer*innen und Erzieher*innen sollten wir darauf achten, wie wir unser Kind beschreiben und worauf wir den Blick dieser Menschen lenken.

Das Wichtigste für Kinder ist, dass sie sich angenommen, geliebt und wertgeschätzt fühlen – welche Phase auch immer sie gerade durchlaufen und wie anstrengend es gerade sein mag.
Susanne Mierau: Geborgene Kindheit S.116

Bei sich selbst Kind sein

Die einfache Frage, die wir uns stellen können, wenn wir über unsere Gedanken und unseren Ausdruck unseren Kindern gegenüber nachdenken, ist: Wie würde ich mich damit fühlen? Nicht nur jetzt, als Erwachsener, der Dinge einordnen und reflektieren kann. Wie würde ich mich als Kind fühlen, wenn ich mit diesen Worten beschrieben werden würde? Wie würde es sich anfühlen, wenn ich meine Eltern so über mich reden hören würde oder wenn ich lesen würde, wie sie von mir sprechen? Tauchen wir ein in unsere eigene Kindheit und fragen uns: Welche Worte habe ich selbst als Kind gehört? Welche Worte und Sätze meiner Eltern haben mich gestärkt und welche haben mich verletzt?

Denken wir einmal darüber nach, wie es wäre, bei uns selbst Kind zu sein. Werden wir gesehen, so wie wir sind? Oder wird von uns gewünscht und erwartet? Woher kommen die Anforderungen, denen wir gerecht werden sollen und sind sie überhaupt realistisch? Wenn wir am Ende sagen können – auch wenn es auch immer mal schlechte Tage und Zeiten gibt -: Ja, ich wäre gerne bei mir selbst Kind, ist das eine wunderbare Antwort. Wenn nicht, können wir mit diesen Gedanken beginnen, einen neuen Weg zu beschreiten, einen Mittelweg zwischen den Bedürfnissen des Kindes und den eigenen.

Eure