Damit sie fliegen können, müssen wir sie los lassen – Die erste Schulwoche

Die erste Schulwoche liegt hinter uns. Zu sagen, sie sei anstrengend gewesen, wäre untertrieben. Ich glaube, es war die anstrengendste Woche seit vielen Jahren der Elternschaft. Denn tatsächlich ist es so: Auf einmal ist alles anders. Auf einmal sind sie groß und gehen ihren Weg weit ab von den bisher ausgetretenen Spuren, die wir kennen.

In dieser Woche habe ich viel über mein Kind und vor allem über mich und unsere Beziehung gelernt. Ich denke, unsere Beziehung ist seit jeher von gegenseitigem Respekt geprägt. Für mich bedeutet dies: Ich respektiere die Wünsche und Bedürfnisse meines Kindes und suche sie so gut es geht im Alltag zu berücksichtigen. Ich erkenne ihre Grenzen und Bedürfnisse und handle danach. Und dies alles ist eingebettet in meine sicheren Hände, mit denen ich sie im Notfall auffangen kann.

Für mich bedeutete diese erste Woche vor allem eins: Loslassen und Vertrauen. Das Vertrauen, das ich in mein Kind habe, musste ausgeweitet werden auf mir gänzlich unbekannte Personen: Neue ErzieherInnen, die den Unterricht begleiten, neue LehrerInnen und unbekannte Kinder. Ich musste darauf vertrauen, dass all das, was mein Kind in den letzten Jahren gelernt hatte und wie es sich sozial bewegt, dort in diesem neuen Rahmen umgesetzt werden würde und mein Kind so stark sein würde, seine Bedürfnisse zu formulieren und einzufordern: Dass es sich richtig und angemessen den Tag über mit Schulbrot und Getränken versorgen würde, dass es sich und seine Bedürfnisse anderen Kindern und Erwachsenen gegenüber klar machen konnte: vom Toilettengang allein im neuen Schulgebäude bis hin zu den persönlichen Grenzen im Spiel. Ich habe sie los geschickt in einen neuen Raum mit anderen Menschen mit ganz fremden Vorgeschichten und vertraut, dass all die Jahre zuvor sie ausreichend vorbereitet haben auf diesen neuen Weg, den sie nun wirklich allein geht.

Ich habe mein Kind beobachtet, wie es mit sich kämpfte: Wie die Lautstärke, die Gruppengröße, die neuen Kinder mit neuen Namen und neuen Spielen es herausforderten. Ich habe gesehen, wie die neuen Tagesabläufe es forderten: Frühes Aufstehen, frühes Aus-dem-Haus-Gehen und dabei zuvor achtsam an die Dinge denken, die benötigt werden. Ich habe gesehen, wie sie auch an ihre persönlichen Grenzen kam, überrollt wurde von all dem Neuen und den Anforderungen.

Mehr als je zuvor habe ich gelernt abzuwarten: Sie von der Schule abzuholen und ihr erst einmal in der Stille und Ruhe ihren Raum zu lassen, um das Geschehene zu verarbeiten. Dasein bedeutet vor allem: Raum geben. Ich habe geschwiegen und gewartet, was sie mit mir teilen möchte und wann. An manchen Tagen sprudelte sie vor Geschichten, an manchen war sie erst einmal stumm versunken. Ich ließ ihre Geschichten aus ihr heraus kommen. Über die neuen FreundInnen, das Mädchen, das so viel weint in der Klasse, die guten und schlechten Fächer, die schönen Momente und die unschönen. Von dem Kind, das in der Kantine einen Zahn verloren hatte und dem Jungen aus der Nebenklasse, der ihr immer hinterher rennt.

Die Tage bekamen neue Struktur: Nach dem Abholen musste die Zeit der Ruhe unbedingt eingeplant werden. Ausruhen, zu sich kommen. Keine Verabredungen nach der Schule, sondern erst am Spätnachmittag. Dabei sind auch gerade jetzt die Anker aus der Vergangenheit so wichtig. Freunde, die bestehen bleiben neben all dem Neuen.

Und da schläft sie nun neben mir, meine große Tochter, nach ihrer ersten Schulwoche. Ist sie wirklich gewachsen oder erscheint es nur so? Sie ist so groß und stark und hat all dies, was sie viel Kraft kostete, so gut gemeistert. Es war wahrlich nicht einfach. Nicht für sie – und auch nicht für mich. Damit sie fliegen können, müssen wir sie los lassen.

Eure

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2 Kommentare

  1. Wibke Dihrberg

    Vertrauen ja, aber auch gute Zusammenarbeit mit Lehrer/innen und Schule, das finde ich sehr wichtig! Auch wenns die Schule vielleicht nervt 😉 Es ist mein Kind! 🙂

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