Wie ich mit meiner Tochter über den Krieg sprach

„Mama, ich mag nicht zu Oma fahren!“

„Warum, Tochter?“

„Bei Oma ist Krieg!“

„Was??? Nein, bei Oma ist kein Krieg!“ – Meine Mutter wohnt im Süden von Berlin an einem Ort, an dem es alles andere als kriegerisch zugeht.

„Oma hat gesagt, ganz weit weg ist Krieg. Und Oma wohnt ganz weit weg!“

Das war der Zeitpunkt, an dem ich mich mit dem Thema „Krieg – und wie erkläre ich das meiner Tochter“ auseinander setzen musste. Das ist für mich nicht einfach. Mein Vater wurde 1938 geboren. Er ist ein Kriegskind und ich habe schon früh als Kind die Grauen meines Vaters vor dem Krieg gehört: Von seinem Vater, der gestorben war, vom Onkel in Kriegsgefangenschaft, von Nächten im Bunker, vom Mangel an Nahrung und Pferdefleisch. Krieg, das ist für mich seit meiner jüngsten Kindheit Teil einer furchtbaren Familiengeschichte.

Krieg ist furchtbar. Es gibt nichts zu beschönigen und es gibt keine Sieger – wie auch immer er ausgeht. Es war klar, dass ich mich diesem Thema als Mutter irgendwann stellen musste. Die Kinder sehen keine Nachrichten bei uns zu Hause und wir hören sie auch nicht im Radio, aber an anderen Orten lassen sich nicht Ohren oder Augen verschließen. An anderen Orten erfahren Kinder etwas von der Welt, auch wenn wir das zu diesem Zeitpunkt gar nicht an sie heran kommen lassen wollten.

Was Krieg ist, fragte ich meine Tochter. Bei vielen Themen ist er erst einmal gut, die Gedanken des Kindes zu dem Thema ganz zu erfassen. „Da kämpfen Menschen mit Schwertern und Raketen und machen sich tot.“ Erstaunlich, wie präzise ein fünfjähriges Kind sich vorstellen kann, was Krieg bedeutet. Krieg, das wissen auch schon die Kleinen, ist etwas furchtbares, bei dem Menschen sterben. Nicht nur Erwachsene, auch Kinder. „Und deren Eltern sind dann bestimmt sehr traurig.“ Ja, der Krieg macht Menschen unglücklich: Mütter und Väter verlieren ihre Kinder, Kinder ihre Eltern, Großeltern Kinder und Enkelkinder, Brüder verlieren Schwestern und andersrum. Krieg bedeutet Verlust, Trauer, Angst. All das können Kinder schon in etwa begreifen, denn sie wissen, dass es schlimm ist, andere Menschen zu verlieren. Auch in diesem Krieg gibt es Menschen, die andere verlieren.

Doch kehren wir zurück zum Anfang. „Der Krieg ist in einem anderen Land, nicht in unserem. Dieses Land ist ganz weit weg, noch viel weiter weg, als Oma weg wohnt!“ „Und wenn er auch hierher kommt?“ Gerade haben wir Glück, erkläre ich, dass wir hier keinen Krieg haben. Das ist schon viele Jahre so, länger als ich selber lebe. Aber als Opa klein war, da gab es auch hier Krieg. Wir können glücklich sein, dass es hier keinen Krieg gibt. Aber wir dürfen uns nicht darauf ausruhen. Es ist auch unsere Aufgabe, uns darum zu kümmern, dass es auch in Zukunft keinen geben wird. Wie wir das machen? Wir bestimmen mit, was passiert, wenn wir wählen gehen. Wir wertschätzen alle Menschen, woher sie auch kommen, was sie auch glauben und glauben an das Recht, dass jeder Mensch gleich behandelt werden muss. Wir versuchen, richtige Entscheidungen zu treffen. Wir sind in der Mannschaft der lieben Menschen, wie Buddenbohms Sohn sagt.

Das alles macht nicht, dass es jetzt gerade keinen Krieg gibt. Er ist da und wir können nicht die Augen davor verschließen. Auch nicht die Augen unserer Kinder. Aber wir können unseren Beitrag leisten, nicht weg zu sehen und unsere Kinder dazu anleiten, einer friedvolleren Zukunft entgegen zu sehen.

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