Kinder sind Wunder – jedes für sich. Besprechung zum Buch „Jedes Kind ist hoch begabt“ von Gerald Hüther und Uli Hauser

Wir sind nicht und werden nicht, was nur unsere Gene uns vorgeben. Jeder kennt den Satz „Das Talent hat er von seiner Mutter/seinem Vater“. Doch stimmt das überhaupt? Jahrzehntelang wurde angenommen, dass wir sind und werden, was uns unser genetisches Erbe vorgibt. Gerald Hüther, Professor für Neurobiologie, und Uli Hauser zeigen in ihrem Buch „Jedes Kind ist hoch begabt: Die angeborenen Talente unserer Kinder und was wir aus ihnen machen„, dass dieses veraltete Denken längst nicht mehr dem neusten Stand entspricht: Jedes Kind ist ein Wunder und hat vielfältige Begabungen. Nur fehlt uns heute oft der Blick, diese besonderen Begabungen auch zu sehen.



Es beginnt schon im Mutterleib: Babys entwickeln sich nicht nur nach einem festen genetischen Programm, sondern es entstehen im Gehirn des Babys während der Schwangerschaft Vernetzungen, die durch die Sinneseindrücke und Einflüsse der Mutter geprägt werden. So ist das Gehirn eines jeden Babys schon bei der Geburt einzigartig und  genau daran angepasst, wie es zur Umwelt passt. Und genau so geht es das ganze Leben lang weiter: Wir bilden Fähigkeiten aus, die wir benötigen, die wir für unser ganz spezielles Leben brauchen. Jeder für sich, in seiner Familie, in seinem Ort, in seiner Kultur. Jedes Kind kann dabei ganz besondere Fähigkeiten entwickeln: Eines kann besonders gut klettern, eines Kirschkerne weit spucken. Ein Kind, das mit körperlichen Einschränkungen geboren wurde und vielleicht Hände und Arme nicht gut bewegen kann, ist dafür mit Füßen und Beinen besonders begabt. Doch leider ist es heute so, dass uns diese Begabungen nicht mehr auffallen. Unser Augenmerk ist vielmehr auf andere Dinge gerichtet: Dass Kinder gut sind in Mathe, dass sie sich durchsetzen können, dass sie besser als alle anderen turnen oder Geige spielen. Wir haben den Blick für die „kleinen“ Besonderheiten der Kinder verloren.

Woran liegt das? Gerald Hüther und Uli Hauser zeigen, wie wir gesellschaftlich so geprägt wurden, dass wir uns an einem Begabungskonzept des letzten Jahrhunderts orientieren. Ein Konzept, das uns heute jedoch nicht mehr weiter bringt und uns nicht hilft. „Wer nach wie vor meint, Kinder mit Bestrafung und Belohnung dazu bringen zu müssen, sich so zu verhalten, wie er das möchte, erzieht nicht. Er richtet ab. Dressiert. Ein Kind erlebt diese Versuche als Verletzung seines tiefen Bedürfnisses nach Verbundenheit. Es macht die schmerzvolle Erfahrung, dass es so, wie es ist, nicht richtig ist, und dass es sich so verhalten muss, wie es seine „Erzieher“ wünschen, damit es von ihnen wieder angenommen wird und dazugehören darf.“ Dieses Verhalten beginnt schon nach der Geburt, wenn wir unseren Kindern nicht den Raum geben, sich in ihrem eigenen Tempo zu entwickeln, sondern sie „in ihrer Entwicklung fördern“, indem wir ihnen zeigen, wie sie sich vom Rücken auf den Bauch umdrehen sollen, wie das Spielzeug richtig funktioniert, wie man sich mit Baby-Zeichensprache ausdrücken kann bevor man Wörter gelernt hat. Kinder haben so nicht mehr den Raum, Selbstwirksamkeit zu erfahren. Sie machen keine eigenen Erfahrungen. Sie werden angepasst an unsere Erwartungen. Und so kommt es später auch, dass Kinder vielleicht gute Schulnoten haben, weil sie uns Erwachsene nicht enttäuschen wollen. Doch dabei haben sie verlernt, selbst zu entdecken, Fragen zu stellen und komplexe Zusammenhänge zu entdecken. Sie erwerben gute Noten, können damit im Leben jedoch nichts anfangen.

Auf dieser Basis stellen Hüther und Hauser fest, dass es Zeit für ein Umdenken ist. In der Erziehung ebenso wie in der Schulausbildung: Kinder sollen sich frei entwickeln dürfen, ihren jeweiligen Talenten entsprechend. Sie brauchen Raum, um selbst zu erkunden und sich nach ihren eigenen Bedürfnissen und Begabungen zu entwickeln, nicht wie bislang nach einem sinnlosen Konzept: „Soll sich die Durchschnittsnote verbessern, muss vor allem in den Fächern gelernt werden, die am wenigsten Spaß machen, wo die größten Defizite sind. So gibt es Nachhilfe in Französisch, um von „mangelhaft“ auf „ausreichend“ zu kommen. Nicht in Englisch, um sich von „befriedigend“ auf „sehr gut“ zu verbessern. Es ist ein absurdes System, viel Zeit mit dem zu verbringen, was man eher nicht kann. Und nicht mehr Zeit in das zu investieren, was man kann, um richtig gut zu werden.“

Gerald Hüther und Uli Hauser führen sehr anschaulich und einfach vor, was derzeit in unserer Auffassung zu Erziehung und Bildung schief läuft und wie es geändert werden sollte – mit ganz einfachen Maßnahmen. Untermalt wird dies durch die neuesten Erkenntnisse der Neurobiologie. Hierdurch entsteht ein spannendes, leicht zu lesendes und zum Nachdenken anregendes Buch. Es ist nicht nur für alle Eltern geeignet, die sich fragen, welches Schulsystem das richtige für ihr Kind ist. Vielmehr ist es ein Buch für Eltern von Anfang an, weil es den Blickwinkel ändern kann, mit dem wir unsere Kinder betrachten: Jedes Kind ist einzigartig und hat seine ganz besonderen Begabungen. Wir müssen nur hinsehen und ihm den Raum geben, sie entfalten zu dürfen.

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