Windel(frei)

Eigentlich ist “windelfrei” nicht die korrekte Bezeichnung für das, worum es eigentlich geht. Die englische Bezeichnung “elimination communication” ist eigentlich passender. Denn es geht genau darum: um Kommunikation. Wie auch alle anderen Bedürfnisse zeigt das Baby nämlich auch an, wenn es das Bedürfnis nach Ausscheidung hat. Das Baby weint, es Hunger hat, wenn es Schmerzen fühlt, wenn es sich langweilt oder Nähe braucht. Und natürlich signalisiert es auch das Bedürfnis, seinen Blasen- oder Darminhalt los zu werden. Wenn man darüber nachdenkt, ist es vollkommen logisch, dass auch dieses Bedürfnis angezeigt wird. Selbst Remo Largo schreibt in seinem Klassiker Babyjahre (2002, S.206f.): “Kurz bevor ein Säugling den Darm oder die Blase entleert, bewegt er sich etwas mit Körper und Beinen und stößt gleichzeitig einen kurzen Schrei aus.

Babys geben Signale, weil sie ihre Ausscheidungen nicht bei sich tragen wollen

Warum das Baby das tut? Weil es ganz einfach seine Ausscheidungen nicht mit sich herum tragen möchte. Das tut ja sonst auch niemand. Weder Tiere noch Menschen. Warum also sollten Babys das machen wollen? In seinen eigenen Ausscheidungen zu sitzen, ist nicht angenehm. Es stinkt und greift die Haut an. Windeldermatitis kann auf dieser Grundlage entstehen – eine unangenehme Erkrankung für ein Baby, die ausgerechnet die zarte Haut im Intimbereich betrifft. Da Babys aber keine Nestflüchter sind und auf die Fürsorge ihrer Bindungspersonen abgewiesen sind, signalisieren sie ihnen auch: Hallo, ich muss mal! Bitte hilf mir! Largo (2002, S.472) sagt dazu: “Durch dieses Signal vorgewarnt, hält die Mutter ihn [den Säugling] so weit von ihrem Körper weg, daß sie von Urin und Stuhl nicht beschmutzt wird. Auch unsere Kinder zeigen dieses Verhalten im Neugeborenen- und Säuglingsalter (Duché). Weil wir aber darauf nicht reagieren, verliert sich das Verhalten nach einigen Wochen. Manche zeigen aber noch nach Monaten mit Schreien, motorischer Unruhe oder mimischen reaktionen an, wenn sie die Blase oder den Darm entleeren müssen.

Reagieren wir also nicht auf das Signal des Babys, stellt es das Signal irgendwann ein. Auch dieses Verhalten des Babys ist bekannt von einschlägigen Schlafprogrammen: Reagieren Eltern nicht auf das Schreien des Babys, resigniert es irgendwann und schreit nicht mehr und schläft erschöpft ein – mit zahlreichen langfristigen Nebenwirkungen. Glücklicherweise sind hier, beim Nicht-Reagieren auf die Ausscheidungssignale, die Nebenwirkungen sind so dramatisch wie beim Schreienlassen vor dem Schlafen: Sie lernen eben einfach, in die Windel zu machen. Und das ist auch nicht schlimm. Im Kontext von “windelfrei” wird nämlich oft das Gefühl vermittelt, dass einzig die windelfreie Variante die einzig gute für das Baby sei, weil eben viel mehr auf Signale geachtet werden und man das Baby besser verstehen würde. Aber so ist es nicht: Es ist eine Entscheidung, die man eben trifft: Mit Windeln oder ohne. Beides hat seine Berechtigung. Auch Herbert Renz-Polster, Arzt und Autor zum Thema artgerechtes Aufwachsen sieht das so: “Man sollte das Konzept also nicht überfrachten. Die von manchen Anhängern des windellosen Aufwachsens geäußerte Meinung, nur das windelfreie Aufziehen sei ein respektvoller Umgang mit einem Baby, ist jedenfalls schwer nachvollziehbar.” (2010, S.215).

Das Baby verstehen lernen – ohne vollgepullerte Wohnung

Und damit sind wir bei einem weiteren wichtigen Punkt in Sachen ”elimination communication”: Die Gestaltung der Umgebung. Um die Sigale des Babys richtig wahrnehmen zu können, muss man sie kennen. Um sie kennen zu lernen, muss man das Baby in Ruhe beobachten können. Wer die Signale des Babys kennen lernen möchte, kann es einfach an einem Vormittag beobachten. Babys pullern Vormittags mehr als am Nachmittag. Das Baby wird einfach auf eine Unterlage gelegt und beobachtet: Wenn es pullert, zeigt es vorher etwas an? Schreit es, quietscht es, verzieht es das Gesicht, schüttelt es sich, zuckt es mit den Beinen? Merkt Euch die Signale und probiert aus, das Baby dann abzuhalten, wenn es sie beim nächsten Mal zeigt. Wenn keine Signale gezeigt werden, kann man auch nach der Uhr gehen: Nach einer halben Stunde etwa, nachdem das Baby zuletzt gepullert hat, kann man es nochmals abhalten.

Abhalten und signalisieren: Du kannst jetzt!

In dem Film “Babies”wird in einer Sequenz ebenfalls gezeigt, wie ein Baby abgehalten wird. Die Mutter schüttelt es dabei etwas sanft, so wie wir es tun, wenn wir ein Baby auf dem Arm haben und es beruhigen möchten und macht dabei ein “Schhh”-Geräusch. Wird das Baby nämlich so gehalten, entspannt die Muskulatur und  es kann gut pullern. Ganz ähnlich wie bei uns, wenn wir kurz nach der Geburt mit noch nicht wieder gekräftigtem Beckenboden hüpfen. Und das Geräusch hilft dem Baby zu verstehen: Jetzt kannst Du.

“Ausscheidungs-Kommunikation” im Alltag

Die “Ausscheidungs-Kommunikation” funktioniert im Alltag vielleicht nicht immer. In traditionellen Gesellschaften, in denen windellos gelebt wird, sind die Babys schließlich auch nahezu rund um die Uhr in Körperkontakt mit den Bezugspersonen, weshalb die Wahrnehmung der Signale wesentlich einfacher ist. Deswegen ist es bei uns hilfreich, trotzdem Windeln zu verwenden, wenn man es braucht. Wer sehr gut die Signale versteht und viel Raum hat, um darauf einzugehen, kann sie auch weg lassen und es bei größeren Kindern mit den so genannten  Splitpants probieren. Diese Hosen sind besonders in China, aber auch Sibirien oder bei den Inuit verbreitet: Durch einen Schlitz in der Hose kann das Baby abgehalten werden, ohne dass es hierfür extra ausgezogen werden muss.

Da es bei der Ausscheidungs-Kommunikation um ein eingespieltes Wahrnehmen der kindlichen Signale geht, ist es schwer, dies anderen Personen zu vermitteln. Im Kindergarten ist wohl kaum Raum, damit sich eine Erzieherin auf die individuellen Signale des Kindes konzentrieren und das Kind bedarfsgerecht abhalten kann.

Doch insgesamt hat der Ansatz deutliche Vorteile: Es spart Arbeit (Wäsche waschen, trocknen etc.) und auch Müll (Windelflies, Papiertücher zum Abwischen), ist hygienisch und verhilft dem Kind zu einer guten Wahrnehmung des eigenen Körpers. Wer aber damit gar nicht anfangen kann: Es geht auch mit Windeln. Und man ist deswegen keine schlechtere Mutter.

Stoffwindeln: Die gute Kombination oder Alternative

Wer Elimination Communication betreibt, benötigt natürlich auch Windeln für zwischendurch – zumindest am Anfang oder in der kalten Jahreszeit. Es gibt verschiedene Gründe, warum Stoffwindeln besser sind als Wegwerfwindeln: Sie sind ökologischer, ökonomischer, atmungsaktiver und damit besser für die Haut des Kindes und einfach auch in ihren verschiedenen Designs hübsch anzusehen. In Verbindung mit EC gibt es einige Aspekte, auf die man bei der Auswahl der Stoffwindeln achten sollte.

Und wer sich nicht für EC entscheidet, ist aus oben genannten Gründen mit Stoffwindeln ebenfalls besser bedient als mit Wegwerfwindeln. Dabei gibt es mittlerweile einen großen Markt an verschiedenen Stoffwindelsystemen, der für Neulinge nicht unbedingt einfach zu überschauen ist. Wer sich für Stoffwindeln entscheidet, sollte daher gründlich beraten werden und genau die passenden Windeln für sich, das Kind und die Situation finden.

 

Weiterführende Literatur:

  • Bauer, Ingrid (2007): Es geht auch ohne Windeln! Der sanfte Weg zur natürlichen Babypflege. – 3. Aufl. München: Kösel.
  • Fontanel, Béatrice/d’Harcourt, Claire (2008): Babys in den Kulturen der Welt. – 4. Aufl. Hildesheim: Gerstenberg.
  • Largo, Remo H. (2002): Babyjahre. Die frühkindliche Entwicklung aus biologischer Sicht. – 5. Aufl. München: Piper.
  • Renz-Polster, Herbert (2010): Kinder verstehen. Born to be wild: Wie die Evolution unsere Kinder prägt. – 2. Aufl. München: Kösel.