Kategorie: Gespräche mit einer Vierjährigen

Gespräche mit einer Vierjährigen Nr. 9

Engel

Gerade habe ich festgestellt, dass meine Tochter die gleichen Themen hat wie das Goldkind von @berlinmittemom. Hier geht es nämlich auch um „Mama, geh nicht weg!“ und um die große Frage „Woher komme ich?“. Die beiden Mädchen sind ja auch im selben Alter etwa. Biologisch betrachtet ist die Tochter schon sehr aufgeklärt mit einer Geburtsvorbereiterin als Mama und dem kleinen Bruder, der ja zu Hause zur Welt kam. Wehen kann sie beispielsweise sehr gut nachspielen. Gerade auch die Geschichte ihrer eigenen Geburt muss ich in der letzten Zeit immer und immer wieder erzählen. Zum Geburtstag möchte ich ihr deswegen ein eigenes Bilderbuch schreiben und illustrieren, das ihre eigene Geburtsgeschichte enthält. Trotzdem stellt sich immer wieder die große Frage danach, was denn vor dem Leben im Bauch war. Und ihre Überlegungen dazu hat sie uns kürzlich mitgeteilt:

Tochter: „Mama, bevor ich in Deinem Bauch war, war ich ein Engel.“

Ich: „Ja?“

Tochter: „Ja, mit Flügeln.“

(kurze Pause zum Nachdenken)

Tochter: „Im Bauch hatte ich die Flügel auch noch. Das habe ich gespürt. Manchmal war das ganz schön eng.“

Ich: „Aha, und bei der Geburt sind sie dann abgegangen?“

(wieder Nachdenken)

Tochter: „Nein! Die sind noch dran geblieben. Die sind nur unsichtbar!“

Ich: „Ach!“

Tochter: „Ja, die sind auch immer noch dran. Manchmal, wenn ich unruhig schlafe, dann lieg ich nicht so gut darauf. Dann stören die mich. Die sind ja schon so Knochen.“

Ich: „Dann bist Du jetzt immer noch ein Engel?“

Tochter: „Ja, so ein bisschen. So halb.“

Und damit hat sie ziemlich Recht. Und halb Engel sein ist mir auch viel lieber als ganz.

Gespräche mit einer Vierjährigen Nr.8

Welraumbild

Wie auch immer die Tochter auf den Weltraum gekommen ist. Von mir hat sie das nicht. Ich kann manchmal noch immer nicht glauben, dass die Menschen wirklich ins Weltall fliegen. Jedenfalls setzte sie sich hin malte dieses Weltraumbild: Die ganze große Erde, die Sonne und drum herum lauter Astronauten. Ich bestaunte das Bild sehr (und ja, ich lobe meine Kinder viel, wenn das auch heutzutage oft verpönt wird). Jedenfalls setzte sie sich danach wieder auf ihre Hochebene, während ich mit dem Sohn auf dem Boden saß und stillte. Doch das Thema Weltraum war noch nicht abgeschlossen für sie:

Tochter: „Weil, ich werde später  nämlich auch Astronautin!“

Ich: „Ach, ehrlich?“ und denke: Was für eine furchtbare Vorstellung!

Tochter: „Aber ich komm Euch dann besuchen!“

Ich: „Das ist schön!“ und heule fast schon bei dem Gedanken, dass mein kleines Kind irgendwann nicht mehr bei uns wohnt.

Tochter: „Dann setze ich aber den Helm ab. Nicht, dass die mich sonst einsperren.“

Denke: Hä? Aber die Tochter fährt schon fort mit ihren Überlegungen.

Tochter: „Aber ich nehm Dich auch mal mit mit der Rakete. Dann fliegen wir zum Mond. Dann müssen wir erst den fragen, dem der Weltraum gehört, für den ich dann arbeite, und dann kannst Du mit.“

Ich: „Und wem gehört der Weltraum?“

Tochter: „Keine Ahnung. Das werden wir dann ja sehen. Vielleicht den Englein oder so. ABER Du musst Dich richtig, richtig warm anziehen. Da draußen ist es nämlich ganz kalt!“

Ich: „Ach?“

Tochter: „Ja, da ist es so RICHTIG kalt. Da ist nämlich immer Weihnachten!“

Und nun freue ich mich doch ein bisschen über den Berufswunsch. Denn es ist ziemlich einmalig, wenn ich später einmal der Tochter erzählen kann, dass ihr erster Berufswunsch Astronautin für die himmlischen Heerscharen war im Land der ewigen Weihnacht.

Gespräche mit einer Vierjährigen Nr.7

Wählen

Am Sonntag wurde in Berlin gewählt: Volksentscheid über die Rekommunalisierung der Berliner Energieversorgung. Am späten Nachmittag wollten auch wir ins Wahllokal aufbrechen und sagten der Tochter, dass wir nun wählen gehen wollen.

Ich: „Wir gehen jetzt wählen.“

Tochter: „Das heißt weehlen.“

Ich: „Nein, das heißt wÄhlen. Mit Ä nicht mit E.“

Tochter: „Ach so. So wie ZeehnÄ.“

Der Mann und ich lachen. Der Sohn auch, obwohl ich sehr stark annehme, dass er in diese höheren Formen der Rechtschreibung und Aussprache noch nicht eingeweiht ist. Die Tochter ist von der heiteren Stimmung angesteckt und lacht auch.

Der Mann zu mir: „Das kannst Du verbloggen!“

Tochter: „Nein, sonst bloggt noch jemand zurück!“

 

Also, möchte irgendjemand gerne zurück bloggen?

Gespräche mit einer Vierjährigen Nr.6

Fahrrad

Der Tochter wurde das Fahrrad geklaut. Wir hatten es ihr zum 4. Geburtstag geschenkt und sie hat es geliebt. Als wir ihr das Radfahren beibrachten, war es schon ein sehr besonderer Moment, sie zum ersten Mal los zu lassen. Ich konnte es einfach nicht. Ich lief und lief neben dem Rad her und hielt sie fest. Bis sie rief: „Mama, Du kannst jetzt wirklich los lassen!“ Loslassen ist manchmal gar nicht so einfach als Mutter. Das Rad stand jedenfalls draußen, angeschlossen mit einem ABUS-Kinderschloss direkt an der Kreuzung Petersburger Straße/Karl-Marx-Allee. Mitten in Berlin. In einer Nacht wurde das Schloss einfach durchtrennt und das Rad war am Morgen weg.

Ich dachte immer, wenn so etwas passieren würde, würde die Tochter sicher sehr weinen und traurig sein. Sie war auch traurig, aber vor allem war sie wütend. Sie schimpfte und entschied sofort, dass wir zur Polizei müssten, um das zu melden. So ginge das ja nicht. Als ich sie am Nachmittag vom Kindergarten abholte, kamen wir also zu einem Gespräch über Gerechtigkeit und Bestrafung:

Tochter: „Mama, das ist ECHT doof von denen, die das Fahrrad weg genommen haben.“

Ich: „Ja, das macht man ja nicht.“

Tochter: „Ja, das macht man nicht. Aber jetzt gehen wir zur Polizei. Und die fangen dann die Diebe. Und dann kommen sie ins Gefängnis. Und zwar so doll bis sie tot sind.“

Ich denke: Oje, wie kommt sie denn auf die Todesstrafe? Ach nee, nicht schon wieder so ein kompliziertes Gespräch am Nachmittag. Wie krieg ich da jetzt nur gut die Kurve?

Ich sage: „Also nicht bis sie tot sind. Das geht ja auch nicht. Man kann ja nicht jemanden tot machen, weil der was Schlimmes gemacht hat.  Fällt Dir vielleicht eine andere Sache ein, die Du Dir wünschen würdest?“

Tochter: „Ja, dass sie Fische werden!“

Ich: „Äh, Fische? Warum das denn?“

Tochter: „Na weil sie dann keine Fahrräder mehr klauen können!“

Na klar. Fisch sucht eben doch kein Fahrrad.

 

Gespräche mit einer Vierjährigen Nr.5

Motten_Schere

Lügen. Oh ja, liebe Eltern, irgendwann müsst Ihr Euch auch damit beschäftigen. Egal, wie lieb und geborgen Ihr Eure Kinder begleitet habt bisher: Irgendwann werden sie Euch gnadenlos anlügen, dass sich die Balken biegen. Und wisst Ihr was? Das ist auch gut so. Lügen gehört zur Entwicklung dazu. Eigentlich sind es sogar keine Lügen – jedenfalls aus Sicht des Kindes. Denn es ist nicht als Lüge gemeint, was da gesagt wird. Was also alles keine Lüge ist: „Ich habe den Schokokeks nicht gegessen. Das war ein Pirat!“, „Der Mülleimer ist ganz von allein umgefallen und alle Sachen sind rausgekullert und haben dann ein Muster auf dem Teppich gemacht.“ Keine Lüge? Und was dann? Kinder wollen auch mal die Grenzen austesten, die wir setzen. Sie haben Freude, ja Lust daran, sich auszuprobieren und das zu tun, was sie eigentlich nicht tun sollten. Aber sie wissen ja, dass sie es nicht tun sollen, weil wir Eltern es zum Beispiel nicht wollen und das führt sie in ein Dilemma: „Ich will es, aber die Eltern finden es doof, wenn ich es mache. Ah! Ich mache es einfach nicht, sondern jemand anderes ist dran Schuld!“ So kam es wohl auch zu dieser Situation mit der Tochter:

Es ist bemerkenswert ruhig im Spielzimmer. ZU ruhig. Ihr kennt das. Plötzlich dann doch ein Ruf.

Tochter: „Mama!?“

Ich: „Ja?“

Tochter: „Mama, hier war eine ganz große Motte!“

Ich in Gedanken: Ach nein, keine Motten mehr. Ich hab doch extra diese Schlupfwespen überall verteilt. Helfen ja anscheinend nicht, da muss ich wohl mal mit dem Mann drüber sprechen. Immer schleppt der solche Sachen an und dann…

Tochter reißt mich aus den Gedanken: „Mama, die Motte war ganz groß und hat in meine Strumpfhose gebissen!“

Ich: „Huch?“ Manchmal denke ich genau das, was ich sage.

Tochter kommt zu mir und zeigt mir die neue (!) Bio-Strumpfhose. Tatsächlich. Großes Loch. Äh, aber das kann doch keine Motte gewesen sein? Oder was für messerscharfe Zähne hat so eine Motte???

Ich: „Hm, ich finde, dieses Loch sieht gar nicht nach einem Mottenloch aus.“

Tochter: „DOCH! Wirklich!“

Ich (aufregen bringt jetzt auch nichts, denn Loch ist ja schon da): „Weißt Du, ich glaube, diese Motte war eine Schere. Bitte achte darauf, dass nicht noch mehr große Löcher in die Hose ‚gebissen‘ werden, ja?“

Wenn also Eure Kinder mit den Flunkereien anfangen: Tief durchatmen und erst dann antworten. Ändern kann man sowieso nichts mehr dran, dass das Loch da ist, die Kekse aufgegessen, der Saft verschüttet… Alles, was man ändern kann, ist, dass es in Zukunft vielleicht anders läuft. Und das gelingt nicht durch Schimpfen.