Geborgenheit

Was brauchen Babys wirklich zum Wachsen und für eine gesunde Entwicklung? Als (zukünftige) Eltern werden wir tagtäglich mit Theorien und Meinungen konfrontiert, die nicht nur sehr unterschiedlich sind, sondern sich zum Teil auch widersprechen: Ist eine Hausgeburt gefährlich oder sicherer? Müssen Babys mit 6 Monaten nun durchschlafen oder nicht?
Die meisten Bedürfnisse und Antworten lassen sich auf ganz einfache Dinge zurück führen. Antworten, die wir sowieso schon in uns tragen. Nur haben wir verlernt, auf unsere Gefühle und unseren Instinkt zu vertrauen. Was wir brauchen und was unsere Kinder brauchen, sind Geborgenheit, Liebe, positiver Körperkontakt.

Was bedeutet „geborgen wachsen“?
Mit „Geborgenheit“ verbinden wir im Alltag das Schützende, Hegende, das liebevoll Umsorgende. Gleichzeitig kann etwas auch in einer anderen Sache geborgen sein, also beschützt, behütet, gut bewahrt.
Bei „geborgen wachsen“ geht es genau um diese Punkte: Um das liebevolle, geschützte Aufwachsen. Es umfasst sowohl die Schwangerschaft als auch die ersten Lebensjahre. Studien der Pränatalen Psychologie belegen, dass Babys schon im Mutterleib wesentliche Erfahrungen machen: Nicht nur ihre körperlichen Sinne reifen nach und nach heran und das Baby hört, sieht, riecht und schmeckt. Es spürt auch, wie die Mutter sich fühlt, wie es ihr geht, welche Einstellung sie zur Schwangerschaft hat. Mütter brauchen in dieser Zeit ebenfalls Geborgenheit und Zuwendung: Sie benötigen Unterstützung, Informationen, Entlastung. Sind die werdenden Eltern geborgen, können sie auch ihr Baby ebenso wachsen lassen.
Unter der Geburt ist Geborgenheit wichtig, damit sich die Gebärende in einer geschützten und wohligen Atmosphäre entspannen kann. Auf diese Weise ist es möglich, medizinische Eingriffe zu vermeiden und Mutter und Kind in Ruhe den Übergang zu ermöglichen. Wie die Mütter benötigen auch Väter unter der Geburt einen geschützten Rahmen, in dem sie die Geburt erleben können. So wird die Frau zur Mutter, der Mann zum Vater, das Kind wird achtsam geboren.
Nach der Geburt bleibt Geborgenheit – gerade auch im Wochenbett – eine der wichtigsten Zutaten für das gemeinsame Wachsen. Eltern und Kinder müssen sich finden und kennen lernen in einem geschützten und entspannten Rahmen. Erst wenn sich Kinder sicher in ihren Bedürfnissen wahrgenommen fühlen, wenn ihre Signale verstanden und beantwortet werden, können sie sich angemessen entwickeln.

Wie können wir Geborgenheit vermitteln?
Je nach Lebensphase kann Geborgenheit unterschiedliches bedeuten. In der Schwangerschaft ist es das sichere Ankommen in dem neuen Umstand, der bewusste und sichere Umgang damit. Geborgenheit können wir in dieser Zeit geben, indem wir die Schwangere unterstützen, ihr beistehen, sie auch körperlich umsorgen mit Massagen und Unterstützungsangeboten. Ihrem Kind kann sie Geborgenheit vermitteln, indem sie auf sich und ihre Ernährung achtet, sich dem in ihr wachsenden Kind bewusst zuwendet.
Unter der Geburt gibt es wesentliche Dinge, die einer geborgenen Atmosphäre förderlich sind: Ruhe, ein geschützter Raum, gedämpftes Licht, wenige, möglichst bekannte Menschen, die die Geburt unterstützen, Rituale und Körperarbeiten, die hilfreich sind.
Nach der Geburt brauchen die Familien Unterstützung in vielfacher Form: Von der Haushaltshilfe über Wochenbettmassage für die Wöchnerin, Beratung und Zuwendung für die Eltern. Für das geborgene Aufwachsen der Babys sind die Beachtung der Signale, körperliche Nähe, Stillen, Tragen und insgesamt liebevoller Körperkontakt besonders wichtig.

Konkret für den Alltag mit dem Baby sind geborgene Momente zum Beispiel die folgenden:

  • Stillen oder liebevolle Fütterung (mit der Flasche oder später Beikost).
  • Das  Tragen im Tragetuch oder einer anderen geeigneten Tragehilfe.
  • Achtsame und liebevolle Körperkontakte, wie zum Beispiel bei der Babymassage oder in Pflegesituationen wie dem Baden oder Wickeln.
  • Das gemeinsame Spiel, Kuscheleinheiten, Gesang.
  • Das prompte Reagieren auf die kindlichen Signale.

Was hat Geborgenheit mit „Verziehen“ zu tun?
Nichts. Leider ist es heute so, dass noch immer allzu oft vom „Verwöhnen“ gesprochen wird und dieses Wort so negativ besetzt ist. Doch was ist eigentlich negativ am Verwöhnen? Wer wird nicht gerne umsorgt, gehegt und geliebt? Dem „Verwöhnen“ haftet immer die Sorge an, dass verwöhnte Babys und Kinder nicht selbständig werden, ihre Eltern tyrannisieren und einfach schwierige Menschen sind. Doch Untersuchungen haben genau das Gegenteil bewiesen: Wer sicher gebunden ist und liebevoll umsorgt und angenommen wurde, entwickelt später bessere soziale Kompetenzen, ist intelligenter und selbständiger. Um in der Welt gut anzukommen brauchen Kinder eine sichere und liebevolle Basis.

Haben beim geborgenen Aufwachsen überhaupt auch negative Gefühle Platz?
Selbstverständlich herrscht nicht jeden Tag Sonnenschein. Und auch wenn man auf die Signale des Babys achtet, viel Körperkontakt und Zuwendung schenkt, gibt es auch Momente, in denen das Baby trotzdem schlechte Laune hat, durchgemachte Nächte und Ärger. Und ebenso natürlich ist es, dass Eltern ihrem Ärger einmal Raum geben müssen. Das gehört zu jeder Elternschaft dazu. Wichtig ist aber: Nicht daran verzweifeln, nicht die Tür hinter dem schreienden Kind schließen und gehen. Auch diese Phase geht vorüber, ganz sicher.