Achtsame Elternschaft

Früher oder später kommt wahrscheinlich bei allen Eltern irgendwann eine Phase, in der es uns irgendwie alles über den Kopf wächst. Das Baby meldet starke Bedürfnisse an, der Haushalt sieht aus als hätte eine Bombe eingeschlagen und wir bräuchten eigentlich ganz dringend mal eine Dusche. Die Schwiegermutter fragt nach, ob das Kind denn jetzt endlich abgestillt ist und das Nachbarskind kann ja seit letzter Woche auch schon an den Händen geführt laufen. Da fällt es manchmal schwer, sich auf sich selbst und das eigene Kind zu besinnen. Achtsam Eltern sein – das ist manchmal leichter gedacht als getan.

Wir selbst entscheiden, was zu uns passt

Aber was gehört denn dazu zur achtsamen Elternschaft? Für mich bedeutet es zuallererst, dass ich die vielen Meinungen der anderen versuche auszublenden. Niemand – abgesehen von meinem Mann – kennt mein Kind so gut wie ich selbst. Also können wir auch am besten einschätzen, was in unsere Familie passt. Wenn ich mein Kind gern in den Schlaf stille, geht das nur uns allein etwas an. Wenn es einfach keinen Brei essen mag, finden wir für uns eine Lösung. Natürlich bin ich auch ab und zu sehr gespannt, wie es wohl bei anderen läuft – aber ich lasse nicht zu, dass mir jemand einfach seine Meinung aufdrückt, ohne genau hinzuschauen.

Achtsam Eltern zu sein bedeutet für mich, nicht immer gedanklich von Entwicklungsschritt zu Entwicklungsschritt zu springen, sondern einfach mein Baby zu beobachten. Und so wichtig ich den Kontakt zu anderen Eltern finde – zur Bildung des „Dorfes“, das es braucht, um ein Kind groß zu ziehen – so wichtig finde ich eben auch die Abgrenzung. In fast jeder Krabbelgruppe sind Eltern dabei, die sich mit den Fähigkeiten ihres Babys brüsten, als würden sie über seine Aufnahme in der Eliteuniversität entscheiden. Die sämtliche pädagogische Konzepte kennen und bereits einen genauen Plan zur besten Förderung ihres Sprosses erarbeitet haben. Was als harmlose Gesprächseinleitung beginnt, artet da manchmal in Wettkämpfe aus. Alles wird verglichen. Kann er rollen? Hat sie schon mit Beikost angefangen? Schläft er durch? Und wir hören zu und nicken und fragen uns insgeheim, ob wir nicht doch zu wenig mit dem Baby machen. Könnte es jetzt vielleicht schon krabbeln, wenn wir nur die richtigen Turnübungen mit ihm machen? Manchmal ist es schwer, sich nicht verunsichern zu lassen, wenn das eigene Baby noch nicht „so weit“ ist.

Babys haben ihren eigenen Plan

Doch Babys entwickeln sich nach ihrem ganz eigenen Plan. Sie probieren sich unermüdlich aus, bis sie es schaffen, auf wackeligen Beinen das erste Mal aufrecht zu stehen. Sie fallen hin und stehen wieder auf und lassen sich nicht entmutigen. Alles in ihrer eigenen Geschwindigkeit. Meine drei Kinder haben sich alle ganz unterschiedlich entwickelt (und der Jüngste ist im motorischen Bereich für meinen Geschmack eigentlich sogar viel zu schnell – wird es doch mein letztes Baby sein).

Aber egal ob schnell, langsamer oder durchschnittlich – Kinder lernen jeden Tag etwas Neues. Manches ist nur für uns Eltern nicht gleich sichtbar.

Unsere Babys kümmern sich nicht darum, was die anderen schon können – für sie zählt nur, dass wir sie sehen. Und dafür müssen wir nur den Blick von den anderen abwenden, um unser eigenes Kind genau zu sehen. Vielleicht ist es motorisch eher langsamer, fängt vielleicht sehr früh an zu brabbeln. Vielleicht spricht es zwei Jahren noch kaum, ist vielleicht unheimlich empathisch und kann sich in andere hineinversetzen. Letztendlich werden alle gesunden Kinder irgendwann laufen und sprechen und einen Purzelbaum machen können. Wann genau sie das gelernt haben, spielt irgendwann keine Rolle mehr. Alle Kinder sind auf ihre Weise ganz besonders. Wenn wir nur auf das Äußere achten, verpassen wir die wunderbaren Eigenschaften unserer Kinder, die sie so einzigartig machen.

Wir Eltern wachsen an unseren Kindern

Diese innere Ruhe, mich nicht von der Entwicklung anderer Kinder und den Meinungen anderer Eltern verrückt machen zu lassen, habe ich allerdings erst beim zweiten Kind entwickelt. Und auch wenn ich deswegen manchmal ein schlechtes Gewissen habe, so weiß ich doch, dass ich immer mein Bestes gegeben habe. Ich habe immer all meine Liebe gegeben. Und wir haben eben auch eine ganze Menge richtig gemacht. Es ist wichtig, auch das zu sehen, denn auch das bedeutet achtsame Elternschaft.

Ich glaube, es fiel mir beim ersten Kind so schwer, im Moment zu leben, weil ich anfangs noch versucht habe, das Kind in meinen hastigen, leistungsorientierten Alltag mitzunehmen. Jetzt passe ich mich an den Rhythmus meiner Kinder an. Ich plane meine Arbeitszeiten in den Schlafenszeiten, bzw. wenn mein Mann gerade die Kinder übernimmt (allerdings müssen wir deswegen fast immer abends noch etwas schaffen). Ich plane meinen Teil des Haushalts zu der Tageszeit, in denen er so gut drauf ist, dass er sich ein bisschen selbst beschäftigen kann (und ansonsten kommt er in die Trage – ohne könnte ich nicht!). Ich genieße die gemütlichen Stillpausen ohne Gewissensbisse. Mein Handy lege ich am Nachmittag meistens einfach ganz weg, denn keine Benachrichtigung ist so wichtig wie die Zeit mit meinen Kindern. Ich beobachte, wie sie sich entwickeln, ohne mich zu fragen, wann wohl die nächste Stufe kommen wird. Und mit einem Blick auf die Sechsjährige, die auch schon mal ganze Nachmittage bei ihren Freundinnen verbringt, weiß ich auch, dass unsere Kinder uns nicht immer so viel brauchen werden.

Die Zeit für mich wird wiederkommen

Ich habe gerade nicht so Zeit für mich wie früher. Oder für meinen Mann. Meine Me-Time ist die halbe Stunde, bevor ich die Mädchen vom Kindergarten abhole und in der er meistens schläft (und ansonsten nehme ich alles an ruhigen Momenten mit, die sich irgendwie ergeben). Meine Paarzeit besteht daraus, manchmal abends noch auf dem Sofa gemeinsam Harry Potter zu schauen, weil wir beide dann einfach zu nichts anderem mehr in der Lage sind (und aus der halben Stunde morgens am Wochenende, wenn das Baby schläft und die großen Kinder am Tablet spielen ;)).

Mein Alltag dreht sich zu einem großen Teil um die Kinder. Und ja, ich finde das völlig in Ordnung. Denn im Rückblick wird die Zeit wie im Fluge vergehen und hinterher werde ich wehmütig daran denken, wie es war, als die Kinder noch klein waren. Und deswegen versuche ich, alles in mich hinein zu saugen. Das Baby voll und ganz zu sehen, anstatt es nur durch eine Kameralinse oder einen Handydisplay zu beobachten. Und mich immer wieder zu fragen: Was brauchen wir genau jetzt als Familie?

Achtsame Elternschaft bedeutet, den Blick auf uns zu richten

Das Stillen nach Bedarf, Stoffwindeln und/oder windelfrei, Baby-led weaning und Co-Sleeping, all das sind für uns wertvolle Tools, die zu uns passen. Aber am Wichtigsten ist es für mich immer, den Blick auf unser Kind zu richten, auf unsere Familie und auf uns selbst. Das ist es, was für mich achtsame Elternschaft ausmacht.

Anna ist Mutter von drei Kindern. Sie hat Neurowissenschaften und kognitive Psychologie studiert und ist Trageberaterin. Mehr von ihr könnt Ihr auf Instagram lesen unter @langsam.achtsam.echt . Hier auf geborgen-wachsen.de hat sie über „Slow pregnancy“ geschrieben und berichtet nun über die achtsame Babyzeit.  

4 Kommentare

  1. Julia Romberg

    Huhu! Darf ihr Nachnane aus Privacygründen nicht genannt werden? Zu ghten Artikelb, die ich mir merke, schreibe icb mir immer gerne Vir- und Nachname auf. Liebe Grüße znd Danke für den schönen Beitrag!

  2. Genau so!
    Mein Kind ist jetzt 15, langzeitgestillt und wir haben alles richtig gemacht.

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