Unterstützung – ohne um Hilfe bitten zu müssen

Auf einer Lesung in der letzten Woche ergab sich ein tolles und wertvolles Gespräch über das Problem der bindungsorientierten Eltern, das aktuell so viel diskutiert wird: die Überforderung. Denn ja: Als Eltern können wir in eine Schräglage kommen, wenn wir die Bedürfnisse des Kindes (langfristig) über unsere eigenen Bedürfnisse stellen. Im System Familie ist es wichtig, dass die Bedürfnisse aller Familienangehörigen berücksichtigt werden und ausgewogen sind – nur dann sind wir wirklich gestärkt genug, um den auch manchmal schweren Zeiten gut gegenüber zu treten. Auch wir Eltern brauchen Ruhe, Kraft, Zuwendung, Liebe, Erholung.

Eine der Anwesenden meldete sich und merkte an, dass das alles absolut stimmen würde, dass wir uns nicht überfordern sollten, aber das es gerade ein Problem der derzeitigen Elterngeneration sei, dass sie kein gutes Gespür für die eigenen Bedürfnisse hätten, weil sie dieses aus der eigenen Erziehung heraus „aberzogen“ bekommen hätten und es gerade deswegen so schwierig sei, Eltern dazu aufzufordern, auf die eigenen Bedürfnisse zu achten. Wir wollen es ganz anders machen als unsere Eltern und übersehen dabei zu oft unsere eigenen Bedürfnisse in dem Wunsch, besser zu sein als wir selbst es erlebt haben.

Eltern brauchen „das Dorf“

Es ist ein wichtiger Punkt, der in der aktuellen Diskussion oft übersehen wird. Manchmal fällt es schwer, zu merken, was man selbst braucht – oder dass man die eigenen Bedürfnisse viel zu lange übergangen hat. Und manchmal fällt es auch schwer, andere Menschen dann um Unterstützung zu bitten. Deswegen ist es so wichtig, dass wir andere Menschen nicht erst dann unterstützen, wenn wir danach gefragt werden oder sehen, dass es gar nicht anders geht mehr. Kinder brauchen „das Dorf“, aber auch Eltern brauchen „das Dorf“. Sie sollten nicht selbst dafür sorgen müssen, dass sie ihre Grenzen nicht überschreiten, sondern sie sollten in einem gewissen Rahmen von Anfang an gehalten und unterstützt werden.

Unterstützung anbieten

Was bedeutet es, anderen zu helfen, ohne um Hilfe gebeten zu werden? Es bedeutet, dass wir den anderen wahrnehmen, dass wir mit offenen Augen für andere Menschen durch das Leben gehen. Dass wir nicht wegsehen, sondern dort hinsehen, wo Hilfe benötigt wird. Eine Freundin ist mit ihren Kindern oft allein und es fällt ihr schwer, den Alltag zu gestalten? Vielleicht hilft es ihr, die Kinder an einem Tag in der Woche abzunehmen – vielleicht kann man sich auch abwechseln. Wie wäre es, sich mit anderen zum abwechselnden Einkaufen zu verabreden? Die Nachbarn sind krank und freuen sich über ein leckeres Essen an der Tür. Der Mutter auf dem Spielplatz, die immer so erschöpft aussieht, einfach ein Lächeln schenken oder einen Kaffee mitbringen. Freunden von sich aus anbieten, gemeinsam am Wochenende zu kochen. Bei Besorgungen andere fragen: Soll ich Dir etwas mitbringen?

Es liegt viel an den Strukturen unserer Gesellschaft, dass Familien belastet und überlastet sind und wir müssen langfristig daran arbeiten, diese Strukturen zu verändern, um mehr Familienfreundlichkeit zu verankern. Doch unabhängig davon sollten wir jeden Tag auch hinsehen, was wir vielleicht für andere tun können, wo wir uns vernetzen, austauschen und gegenseitig unterstützen können. Wenn es uns gut geht, können wir anderen helfen. Und wenn es uns schlecht geht, können andere uns helfen. Wenn das selbstverständlich ist, müssen wir nicht um Hilfe bitten, sondern sie ist Teil des natürlichen Zusammenlebens. Sie unterstützt uns darin, dass es uns gut geht, dass wir entspannter Elternschaft leben können und somit gesamtgesellschaftlich eine ruhigere und entspanntere Atmosphäre schaffen. Wenn wir uns gegenseitig helfen, lastet auf den einzelnen Schultern etwas weniger Verantwortung, etwas weniger Arbeit.

Denkt einmal darüber nach: Wem könntet Ihr heute helfen oder eine kleine Freude bereiten?
Und dann tut es einfach.

Eure

1 Kommentare

  1. Christine

    Das hört sich zu schön an, um wahr zu sein. Ja liebe Susanne, wir brauchen das Dorf. Doch die Wirklichkeit sieht leider anders aus. ICH bin das Dorf. Als Alleinerziehende kann ich mein Bestes geben, es wird trotzdem nie gut genug sein. Leider musste ich sowohl in der Familie als auch bei den meisten Freunden immer wieder die Erfahrung machen, dass ich auch wenn ich aktiv um Hilfe bitte, diese nicht erfahre. Im Gegenteil, da kommen dann noch blöde Sprüche. Zuletzt war eine Freundin erstaunt, dass ich mich an sie wandte, ich hätte doch Familienhilfe. Dass diese auch nur als Hilfe zur Selbsthilfe gedacht ist, sagt so einiges über unsere Gesellschaft aus. Ich bin froh, wenn ich meinen Sohn aus dem Gröbsten raus habe. Und eines ist klar. Ich werde nicht traurig sein, sollte er sich einmal gegen das Vatersein entscheiden. Wenn er aber doch einmal Vater werden möchte, steht für mich auf jeden Fall fest, dass ich ihn mit allen Mitteln unterstützen werde! Nur so kann wieder ein richtiges und funktionierendes Familiengefüge entstehen. Es braucht eben ein ganzes Dorf…

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert