Mama, ich will noch nicht schlafen!

Manchmal haben die Tage zu wenige Stunden und die Stunden zu wenige Minuten. Manchmal ist es so schlimm, dass der Körper doch Ruhe braucht, während die Welt so spannend ist und entdeckt werden möchte. Manchmal sehnt sich alles nach mehr, lauter, schneller, aber eigentlich kann all das Bunte nicht mehr verarbeitet werden. Manchmal, da soll der Tag einfach nicht enden.

„Ich will aber noch malen!“. Die ganze Welt ist voller Wunder. Und während der Stift schon fast aus der Hand gleitet, gehen die kleinen Augen doch schnell wieder auf. Nur jetzt nicht einschlafen, denn es gibt doch noch dieses und jenes und auf dieses Bild muss dringend noch ein glitzernder Stern gemalt werden. „Aber du bist doch schon müde!“ höre ich mich selber sagen und weiß, dass das rein gar nichts bringen wird. Aber ich kann es ja mal probieren. „Deine Augen fallen schon zu. Merkst du, wie müde sie sind?“ Vielleicht hilft es ja. „NEIN“ So bestimmt bist du in deinem Wunsch. Ich kann dich verstehen, ganz tief in mir. Ganz tief in mir fühle ich nach, wie das war als Kind, als ich noch bis in die Nacht hinein das ganze Leben auskosten wollte und nicht loslassen wollte von dem, was ich gerade tat. Wie es war, als Kind, wenn eine Idee die nächste jagte, wenn ein Ideenfunken vorbeischwirrte und mich gefangen hielt.

Doch die Müdigkeit bahnt sich ihren Weg von den müden Augen bis in die Hände, die den Stift halten. Die Hand malt nicht mehr, was sie malen soll. Nun also auch der Körper, der sich gegen deinen Wunsch aufbäumt und nicht nur „bloß“ die Mutter. Ich sehe, wie die Wut in dir aufsteigt. Nein, nun noch nicht vom Tag loslassen. Diese Idee muss doch noch zu Papier gebracht werden. Aber die Hand, die dies tun soll, vermag dem Willen nicht mehr zu gehorchen. Voll Enttäuschung schleuderst Du den Stift von dir. Wut über die Menschen, die dich begrenzen wollen und auch die Grenzen deines eigenen Handelns. Warum nur geht es nicht so, wie du es nun willst?

Du brauchst einen Moment, um deine Enttäuschung und Wut hinaus zu lassen. Einen langen und für mich anstrengenden Moment sehe ich dir zu. So, wie du dich fragst, warum dein Körper nicht mehr kann, was du doch willst, frage ich mich, warum du nicht willst, was dein Körper dir doch sagt. Meine Gedanken sind so anders als deine. Warum magst du dich nicht dem ruhig entspannenden Schlaf hingeben und einfach morgen an dem Punkt weiter machen, an dem du heute aufhörst? Aber während ich mich dies frage, weiß ich schon die Antwort. Weil du eben anders denkst. Weil das Morgen noch so weit weg ist und die Gedanken gerade jetzt hier. Weil am Morgen neue Gedanken durch deinen Kopf fliegen und eingefangen werden wollen. Neue Herausforderungen, andere. Nun noch schnell dieses machen, dieses lernen, die Kompetenz erweitern und ein anderes Mal eine andere.

Mit einem Schluchzen wirfst du dich schließlich in meine Arme. Die Augen fallen zu, ganz ruhig und weich wird der eben noch so angespannte Körper. In deinem Gesicht sehe ich noch einmal, wie du die Gedanken noch nicht los lässt. Selbst im Traum rennst du voran. Gute Nacht, mein kleiner Wildfang. Und morgen beginnt ein neues Abenteuer.

Eure

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.